Die Holländer kennen sie bereits seit 2005: die Chipkarte für Bahn, Bus, Tram und Metro. Reisende brauchen sie beim Ein- und Aussteigen bloss an ein Lesegerät zu halten – und schon werden ihnen die Fahrkosten direkt abgebucht oder in Rechnung gestellt (siehe Artikel «Nächster Halt: Zukunft»). In der Schweiz liebäugelten die SBB lange mit Systemen, die gar noch weitergehen. Bei sogenannten Bibo-Lösungen (für «Be in, be out») müssen Bahnkunden ihre Karte nicht einmal mehr an ein Lesegerät halten, die Zugwaggons erkennen und registrieren sie auch so. Die Vorteile gegenüber heute: Mühsame Billettkäufe an komplizierten Automaten fallen weg, Fehler beim Lösen von Handy-Tickets ebenfalls; dafür sind flexible Tarife mit Preisanreizen ausserhalb der Stosszeiten leicht umsetzbar. Gute Argumente auch für die Teilnehmer einer nicht repräsentativen Online-Umfrage des Beobachters: Knapp 50 Prozent halten ein E-Ticketing-System für «wichtig» oder «sehr wichtig».

Eine Karte für alles, die Technik ist da

Nur: Die Bundesbahnen haben sämtliche Pläne für die Einführung von Bibo in der Schublade versenkt – und zwar gleich bis 2025. In einem Bundesratsbericht vom 6. März heisst es, die SBB wollten die «Konkretisierungsarbeiten zu Bibo» erst wieder aufnehmen, wenn Erfahrungen mit der ÖV-Karte vorlägen, die ab Ende 2014 eingeführt wird. In der letzten Beobachter-Ausgabe spielte SBB-Sprecher Christian Ginsig den Ball den Bundespolitikern zu: «Die Technik für Bibo ist da. Die Politik muss nun entscheiden, ob sie ein solches System einführen will.»

Als «etwas billig» kommentiert dies der Zürcher FDP-Nationalrat Markus Hutter, Präsident der nationalrätlichen Verkehrskommission. «Wenn die SBB der führende Player im öffentlichen Verkehr sein wollen, sollen sie auch konkrete Wege aufzeigen, wie ein solches System eingeführt und wie man Schwachstellen darin beheben kann», sagt er. Eine Umfrage bei Verkehrspolitikern zeigt nämlich: Die Idee eines unkomplizierten Bibo-Ticketings stösst auf positives Echo. Als «ökonomisch richtig, da es eine verursachergerechte Berechnung der Fahrkosten ermöglichen würde», bezeichnet es FDP-Nationalrat Markus Hutter, die Walliser CVP-Nationalrätin Viola Amherd spricht von «eindeutig höherem Reise­komfort». Die Berner Nationalrätin und Co-Präsidentin der Grünen Partei Schweiz Regula Rytz glaubt: «Dieses System würde den Zugang zum öffentlichen Verkehr verbessern und könnte die Auslastung ausserhalb der Stosszeiten verbessern.» Rytz würde gar Pilotprojekte begrüssen, um Bibo im Schweizer ÖV-Alltag zu testen.

Anzeige

Kosten von über 200 Millionen Franken

Doch es gibt auch Bedenken, etwa bezüglich der Kosten. Um das offene Schweizer ÖV-System zu erhalten, reicht es nicht, Bibo nur auf die SBB anzuwenden – es müssten über 15'000 Bahnwagen, Busse, Trams und Seilbahnkabinen technisch aufgerüstet werden. Die Kosten dafür dürften sich auf mehr als 200 Millionen Franken belaufen. «Die Frage ist, ob ein solches System tatsächlich so viel bringt, dass es diese Kosten rechtfertigen würde», sagt Nationalrätin Edith Graf-Litscher, Delegationsleiterin der SP in der nationalrätlichen Verkehrskommission. Sie befürchtet ausserdem, dass die Automatisierung des Ticketwesens zu einem Personalabbau im öffentlichen Verkehr führen könnte.

Ein weiterer wunder Punkt von Bibo: Durch die automatische Erfassung der Passagiere würde es möglich, jede einzelne Fahrt zu rekonstruieren. «Diesen Schritt hin zum gläsernen Bürger will ich nicht machen», sagt FDP-Nationalrat Hutter. Für CVP-Ratskollegin Amherd ist klar: «Wir müssten hier hohe Anforderungen an den Datenschutz stellen.»

Anzeige