Auf «menschliches Ver­sagen» sei der Unfall zurückzuführen: Keinen Tag nachdem in Döttingen ein Regionalzug und eine Lok seitlich zusammengestossen waren, sagt die Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach, der Lokführer des Regionalzugs habe ein ­rotes Signal überfahren. Doch das stimmt nicht. Wegen eines veralteten Sicherungs­systems kam es schon vor dem Signal zum Unfall.

Der zweigleisige Bahnhof Döt­­tingen ist mit einer Sicherungstechnik ausgerüstet, die ur­sprünglich aus den 1930er Jahren stammt. Ein einziges ­Signal ausserhalb der Station gilt für beide Gleise. Fährt ein Zug fälschlicherweise los, wird er erst auf der einspurigen Strecke auf der Höhe des Signals zwangsgestoppt.

Der Regionalzug in Döttingen fuhr zwar bei Rot ab, kollidierte aber noch vor dem roten Signal mit der entgegenkommenden Lok. Das bestätigt Walter Kobelt, Leiter der Unfalluntersuchungsstelle Bahnen und Schiffe: «Das Sicherungssystem kam nicht zum Tragen.» Er sagt noch etwas, was aufhorchen lässt: «Wäre die entgegenkommende Lok nur ein paar Sekunden später eingefahren, wären die Züge frontal zusammengestossen. Dann hätte es Schwerverletzte, ja vielleicht gar Tote gegeben.»

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Verbesserung wäre nicht teuer

Dabei sind modernere Systeme, die solche Kollisionen verhindern, längst erfunden: Das Zugbeeinflussungssystem ZUB bremst einen Zug schon, wenn er zu schnell auf ein rotes Signal zufährt. Doch erst ein Viertel der Signale in der Schweiz ist mit diesem System oder dem noch moderneren ETCS ausgerüstet. Vorgeschrieben sind sie nur, wenn der Verkehr dicht ist oder die Geschwindigkeiten hoch sind. Dabei überfahren Lokführer jedes Jahr 123-mal ein rotes Hauptsignal.

Die SBB erklären, dass der wachsende Verkehr das Risiko von Zusammenstössen zwar erhöhe, aber in Döttingen schätzte man die Unfallgefahr noch bei der letzten Überprüfung als gering ein: Die Strecke sei übersichtlich, und nur ganz selten kreuzten dort Züge.

Die Südostbahn oder die Ap­penzeller Bahnen haben ähn­­liche Stationen dennoch günstig nachgerüstet: Sie versetzen einfach den Magneten, der die Notbremsung auslöst, in den Bahnhof. Ein Zug, der bei geschlossenem Signal losfährt, wird so noch vor dem einspurigen Abschnitt gestoppt.

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Nicht immer herrscht so viel Glück im Unglück wie in Döttingen. In Bern-Weissenbühl gab es 1999 zwei Tote und 50 Verletzte, weil ein Lokführer ein rotes Signal überfahren hatte. Das Signal war mit demselben veralteten Sicherungssystem wie jenes in Döttingen ausgerüstet. Keine zwei Monate später war es modernisiert.