Endlich, nach bald zwölf Monaten, habe ich mich mit ihm angefreundet (7.31 Uhr, Sektor D, vor dem Döner-Imbiss, Sitzplatz 212), und jetzt macht ihr schon wieder alles neu im Dezember. «Mehr Züge, mehr Sitzplätze, mehr Information» – klingt schön und gut. Fünf Komma fünf Prozent mehr Zugkilometer, Chur rückt elf Minuten näher zu Basel, mehr Sitzplätze zwischen Bern und Zürich: All das habt ihr aufgegleist.

«Chapeau», müsste ich als Stammkunde jetzt eigentlich sagen. Ich kann ja verstehen, wenn ihr euch darauf freut wie kleine Buben auf ihre erste Modelleisenbahn. Doch während die ganze Finanzwelt aus den Fugen gerät, der Staat der UBS unter die Arme greifen muss und sogar der Beobachter «Rauf mit dem Rentenalter!» fordert, bitte ich euch um eins: Fahrt wenigstens ihr weiter auf euren alten Gleisen.Bastelt weiterhin aus Fragmenten der angenehm warmen Frauenstimme Ansagen wie «nächster Halt: Aarau», und zwar mit schöner Beharrlichkeit dann, wenn der Zug gerade kurz vor Lenzburg ist. Dass das Städtchen mit seinem markanten Schloss spätestens seit dem ausgehenden Mittelalter nicht mehr angesagt ist, habt ihr völlig richtig erkannt.

Und auch die allmorgendliche Schleichfahrt durch den Heitersberg müsst ihr unbedingt beibehalten. Denn in der Dunkelheit kann ich mich viel besser darauf konzentrieren, all den aufregenden Handygesprächen zu lauschen: Wie jeden Morgen rufen Chefs an, damit wenigstens Wagen Nummer 3 merkt, dass sie schon im Büro sind. Partnerinnen melden, dass sie im Stau stecken – wie gestern auch schon. Und Freundinnen wollen wissen, ob es bei uns auch schon zu regnen begonnen hat. Würden wir durch den Tunnel flitzen, statt zu schleichen, bekäme ich höchstens Bruchstücke mit, mein Morgen wäre um viele wertvolle Informationen ärmer.

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Und lasst meinen Interregio um Himmels willen weiterhin vor dem roten Einfahrtssignal am Hauptbahnhof Zürich gleichzeitig von links und rechts überholt werden, das erinnert mich stets an meine Ferien – unterwegs auf einem kalifornischen Highway.

Auch die allabendliche Entschuldigung für die gewohnten Verspätungsminuten – ob wegen einer Türstörung oder «Verkehrsüberlastung» – möchte ich nicht missen. Das gibt mir das sichere Gefühl, die Welt laufe noch immer in den gewohnten Bahnen. Kommen wir ausnahmsweise pünktlich an, bin ich so früh zu Hause, dass ich gezwungen werde, mir noch den Schluss des «Sandmännchens» mitanzusehen.

In diesem Sinne wünsche ich mir: Wenn schon alles fortschreitet, soll wenigstens die Bahn stehenbleiben.

Euer treuer Abonnent 420YTW520
Matieu Klee