Der Horror beginnt 500 Meter über der afrikanischen Savanne. Ein Motor der kleinen Propellermaschine setzt aus, das Flugzeug stürzt in die Tiefe. Fast alle Passagiere erleiden schwerste Verletzungen. Unter den Absturzopfern befindet sich auch ein Ehepaar aus der Schweiz.

Rita und Roland Born aus Villnachern AG verbringen Ende November 2002 Ferien in Kenia. Vor Ort haben sie eine Safari zu einem bekannten Wildreservat gebucht. Die Reise samt dem dazugehörenden Inlandflug haben sie mit ihrer Visa-Karte der Cornèr-Bank bezahlt.

Unternehmensberater Roland Born hat Glück und bleibt unverletzt. Seine Frau leider nicht: Das Hüftgelenk der heute 66-Jährigen wird vollständig zerstört und ihr Bein zertrümmert. Von der Ferse bis zur Wadenmitte wurden die Muskeln vom Knochen weggetrennt.

Durch zahlreiche operative Eingriffe kann das Bein der Hausfrau wiederhergestellt werden. Rita Borns Fuss bleibt aber als Folge davon vier Zentimeter verkürzt. Sie muss noch heute am Stock gehen und wird zu fünfzig Prozent invalid bleiben. Die Heimschaffungskosten des Ehepaars von Kenia in die Schweiz – 54'000 Franken – bezahlt die Rega. Beim Absturz ging auch das gesamte Reisegepäck der Borns im Wert von 10'000 Franken verloren.

In der Werbung liest sichs anders
«Eine Kreditkarte der Cornèr-Bank ist die ideale Reisekarte und ein perfekter Reisebegleiter.» So lautet die vollmundige Kartenwerbung der in Lugano ansässigen Bank. Wer seine Reise mit der Visa-Karte bezahlt, ist zusammen mit seinen Angehörigen automatisch und gratis gegen Reise- und Flugunfälle versichert. Für Tod und dauernde Invalidität liegt die Versicherungssumme bei 300'000 Franken, für Bergungskosten bei 60'000 Franken, und das Reisegepäck ist pro Person bis zu 3000 Franken versichert. So steht es zumindest im Prospekt der Bank.

Der Teufel steckt im Kleingedruckten
Doch die Tücke steckt im Detail. In den allgemeinen Geschäfts- und Versicherungsbedingungen für Visa-Karten verweist die Cornèr-Bank auf die Versicherungsbedingungen einer Brüsseler Versicherungsgesellschaft namens ACE Insurance S. A.

«Bei Eintritt eines Schadensereignisses leiten sich sämtliche Ansprüche aus diesem Vertrag ab», schreibt die Cornèr-Bank den Eheleuten Born. Und gestützt auf diese Klauseln lehnt die ACE Insurance S. A. sämtliche Ansprüche der Borns ab. Zwar ist der Verlust von Körperteilen mit 300'000 Franken versichert, andere Formen der Invalidität kennt die Versicherungsgesellschaft aber nicht. Rita Born hätte also beim Unfall ihr Bein verlieren müssen, um in den Versicherungsschutz zu gelangen. Ein starkes Stück.

Auch die Bestimmungen zum Gepäckverlust muten seltsam an. Versichert sind nur «dringende Ersatzkäufe von notwendigen Bekleidungsstücken vor Ort», wenn sie innert 14 Tagen mit der Visa-Karte bezahlt werden. Zu dieser Zeit lag Rita Born schwer verletzt im Koma, und Roland Born hatte verständlicherweise andere Sorgen. Zur Rega-Rechnung hat die ACE Insurance S. A. zudem bis heute noch keine Stellung bezogen.

Gegenüber der Brüsseler Versicherung haben Borns kein direktes Forderungsrecht, die Versicherungsbedingungen sind unmenschlich – aber unwiderlegbar. Das Ehepaar macht nun die Cornèr-Bank haftbar. «Die Bank selber muss für die Erfüllung der Versprechungen einstehen», meint der Anwalt der Borns.

Die Bank teilt mit, sie habe den Fall ihrem Rechtsdienst übergeben, wo er seit April dieses Jahres vor sich hin dümpelt. «Der einfache Bürger kann nichts tun», sagt Roland Born resigniert. Er wirft der Cornèr-Bank Irreleitung der Kartenbenützer vor. «Es ist eine Bauernfängerei», fügt Rita Born an. Die ACE Insurance S. A. und die Cornèr-Bank wollten sich auf telefonische Anfrage zum Fall nicht äussern.

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