«Pst!», zischt die Mutter unter vorgehaltener Hand. Derweil schreitet der Knirps verträumt die vier farbigen Wandgemälde im Bieler Wartsaal ab, zeigt mit dem Finger auf die verschlungenen Figuren und zählt laut vor sich hin: «Eins, zwei, drei, vier» – und so weiter bis zweiundfünfzig! Seine Frage, ob all die Gestalten Engel seien, quittiert die Mutter mit einem erneuten «Pst!». Unbeirrt kraxelt der Dreikäsehoch mit seinem Rucksack auf die glatt gescheuerte Holzbank, um der märchenhaften Bilderwelt näher zu kommen. Die Mutter springt auf und packt das Kind bei der Hand. Während sie den Kleinen zum Ausgang zieht, lässt sie ein «Pfui!» fallen, als fühlte sie sich dafür verantwortlich, über die Keuschheit der dargestellten Wesen zu wachen.

Der Bieler Wartsaal hat Seltenheitswert. Der Zahn der Zeit konnte ihm nichts anhaben. Mit seinen Jugendstilfresken im gelblich-ockerfarbenen Licht zu den symbolschwangeren Themen «Lebensstufen», «Stundentanz», «Jahreszeiten» und «Zeit und Ewigkeit» des einheimischen Künstlers Philippe Robert aus dem Jahr 1923 steht er unter Denkmalschutz. Das prunkvolle Vorzeigestück lässt Zeiten aufleben, als auf Bahnhöfen geduldiges Warten in dafür vorgesehenen Räumen noch zum guten Ton gehörte. Standesgemäss liessen sich Reisende im Wartsaal erster, zweiter oder dritter Klasse nieder und sprachen zusätzlich der Raucher- oder Nichtrauchernische zu. Wen es nach gastlicherer Atmosphäre gelüstete, der suchte das Bahnhofbuffet auf – mit weissen Tischtüchern und Stoffservietten für die oberste Schicht.

Klassen gibts hier keine mehr
Mittlerweile hat sich das Warten auf den Bahnhöfen demokratisiert, die Klassen sind aufgehoben. Über Hinweise wie «Zutritt nur mit gültigem Fahrausweis» oder «Videoüberwachung» setzen sich Krethi und Plethi hinweg. Der Wartsaal ist zu einem friedfertigen Psychotop für allzu Menschliches mutiert. Am Beispiel Biel: Hier sitzt die junge Musikerin mit dem Geigenkasten neben der Verkäuferin des Strassenmagazins «Surprise», in der Ecke klappert ein Managertyp auf seinem Laptop, der Rentner neben der Heizung nickt über der Zeitung ein, derweil die Mutter ihr schreiendes Baby im Kinderwagen zu beruhigen versucht.

Warten und warten lassen: Der Wartsaal macht alle gleich. Niemand stört sich in Biel an zwei bekennenden Arbeitslosen mit Alkoholfahne, die sich mir nichts, dir nichts die Leviten lesen. Bierdosen fliegen in den mit «Ballungszentrum» beschrifteten SBB-Abfallkübel, von selbst gedrehten Zigaretten fällt Asche zu Boden. Unter der Bank sträubt sich ein Hund gegen die Enge, springt bellend hoch – zur Beschwichtigung fliegen ihm Käseresten zu. Kaum hat sich sein Besitzer schwankend erhoben, nimmt der Hund dessen Platz ein. «I mues go bisle», redet Herrchen auf seinen Vierbeiner ein. «Tue da warte.»

Abfahrt hin, Ankunft her: Der Taktfahrplan hat dem traditionellen Wartsaal den Garaus gemacht, und auch den Schalterhallen mit persönlicher Bedienung schlug das letzte Stündchen. 300 der 760 SBB-Bahnhofgebäude haben ihren Schalter dichtgemacht und auf einen so genannten Avec-Shop umgestellt: Hier kann man sich zwischen zwei Zügen fliegend verpflegen, Pendler und Alleinerziehende tätigen nach Arbeitsschluss ihre Einkäufe, im Reisecenter gibts Fahrkarten.

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Warten im Bahnhof ist out
«Der Schalterverkauf allein lohnt sich an kleinen Bahnstationen nicht mehr», sagt SBB-Mediensprecher Roland Binz; zwei Drittel aller Billette würden heute am Automaten bezogen. Und die 800’000 Passagiere, die täglich in 6500 Personenzügen auf Schweizer Schienen unterwegs sind, bleiben von längeren Wartezeiten verschont. Es sei denn, eine Betriebsstörung lasse sie im Regen stehen.

Für Pendler erübrigt sich der Wartsaal erst recht: «Die kommen erst in letzter Minute aufs Perron», so Binz. Peter Krebs, Chefredaktor des SBB-Magazins «Via», bringt das gezielte Timing auf den Punkt: «Ich habe gar keine Zeit, mich in einen Wartsaal zu setzen.» Er komme schon gar nicht auf diese Idee.

Warten zwischen zwei Zügen gehört nicht mehr zur Tagesordnung. Der Volkskundler und Minnesänger Hans Peter Treichler, Mitautor des Buchs «Bahnsaga Schweiz» zum 150-Jahr-Jubiläum der Schweizer Bahnen, spricht von «verlorener Zeit»: Er habe in solchen Momenten das Gefühl, die Zeit «totschlagen» zu müssen. Ein Kränzchen windet er dem restaurierten und herausgeputzten Bahnhof samt Wartsaal an seinem Wohnort Richterswil ZH. Sogar die überdachte Freiluftterrasse mit Schmiedeeisengeländer und Gusseisensäulen ist noch erhalten. Kein Wunder, gehört der Bahnhof aus dem Jahr 1876 am linken Zürichseeufer zu den ausgezeichneten Gebäuden, die den SBB den Wakkerpreis 2005 eintrugen. Der Schweizer Heimatschutz schrieb voll des Lobs: «Umsichtig renovierte Altbauten und herausragende zeitgenössische Architektur sind in den letzten 20 Jahren zum festen Bestandteil des SBB-Erscheinungsbilds geworden.»

In den Reigen der gekrönten Bauwerke der Bahn reiht sich auch die Station Flüelen UR mit ihrem schmucken Wartsaal ein. In dem gegen den Vierwaldstättersee hin abgerundeten und grosszügig verglasten Aufenthaltsraum bleiben Besucher gebannt stehen vor dem Wandbild «Föhnwacht» von Heinrich Danioth aus dem Jahr 1944. Ein vorgespanntes Seil schützt das Werk vor Kinderhänden oder Schmierfinken. Die Bildlegende weist wortgewaltig auf die Kräfte der entfesselten Natur hin: «Das Bild fängt die aufgewühlte Spannung einer winddurchbrausten Föhnnacht ein, die den Menschen nicht schlafen lässt.»

Längst nicht alle SBB-Installationen stehen in der Gunst des Publikums. Im unterirdischen Wartsaal des Hauptbahnhofs Bern hat die Ungastlichkeit System. Schon das Sitzen in den fest montierten orangefarbenen Schalen aus Plastik den Wänden entlang wird bald einmal zum Eiertanz. Der Raum selber strahlt die Behaglichkeit eines Abstellschuppens aus.

Dagegen kann der Wartsaal im Hauptbahnhof Zürich geradezu Staat machen. Zwar fristet er mit seinen schwarzen Stühlen und Tischen in der Tiefe des mittleren Untergeschosses ebenfalls ein Mauerblümchendasein – er ist aber neben den Toiletten, der Bahnhofhilfe und -kapelle immerhin in bester Gesellschaft. Die eigendynamische Multifunktionalität des kühlen Zürcher Wartsaals scheint sich durchzusetzen, Berührungsängste sind fehl am Platz: Hier füttern Eltern den Nachwuchs im Kinderwagen und das Hündchen unter dem Tisch, Herrschaften mit Edelreisegepäck brüten über den Börsenkursen in der NZZ, ein Handwerker verschlingt eine Pizza, zwei Schüler lösen Sudoku-Rätsel, die Dame im Pelzmantel fingert ein Praliné aus der Sprüngli-Tüte, der Geschäftsmann ordnet auf dem Nebentisch die Quittungen für die Spesenabrechnung. Zum Warten vergeht die Zeit zu schnell.

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Sekundenzeiger gabs früher keine
Wie schnell die Zeit zerrinnt, führt einem heute die Bahnhofuhr des SBB-Ingenieurs Hans Hilfiker mit ihrer roten «Sekundenkelle» vor Augen. Bis 1955 fehlte auf den Stationsuhren der Sekundenzeiger. Alle 60 Sekunden sprang der Minutenzeiger einen Strich weiter – dazwischen standen die Zeiger still. Wer ausser Atem und knapp in der Zeit auf dem Perron angerannt kam, wusste nicht, ob der Zug in fünf oder in fünfundfünfzig Sekunden fahren würde.

Heute hat der eilige Fahrgast die Zeit im Griff. Allerdings hat sich der Mensch nicht nur nach der messbaren Zeit als Zeitstrecke auf der Uhr zu richten, sondern lebt auch mit einer «inneren Zeiterfahrung, einem ständigen Gegenwartsgefühl», wie Georg Kohler, Professor für Philosophie an der Universität Zürich, ausführt: So kann gefühlsmässig eine Minute wie im Flug vergehen oder eine Ewigkeit dauern.

Wer sich das Vergnügen leistet, ohne Ziel auf einem Nebengeleise Bahn zu fahren, und vom Halteknopf «auf Verlangen» Gebrauch macht, kommt aus dem Warten nicht mehr heraus, bis ihn der nächste Zug wieder unter Menschen bringt. Die Haltestelle der Zürcher Forchbahn im Weiler Emmat bietet sich für einen Zwischenhalt geradezu an, auch wenn man sich da allein auf weiter Flur die Füsse vertritt. Das einst marode, schwach frequentierte Wartehäuschen hätte ausser Funktion gesetzt werden sollen. Doch die IG Emmat schrieb einen Wettbewerb zur Rettung der Bruchbude aus. Das Resultat kann sich sehen lassen: Im aussen violett und innen orange gestrichenen Kabäuschen verkürzen Sinnsprüche wie «Macht Warten geduldig?», «Worauf warte ich?» oder «Eine Warteschlaufe ziehen» die Wartezeit.

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Wo das Warten kein Vergnügen ist
Weniger anregend ist ein Reiseunterbruch an der Haltestelle Schwendi AR der Rorschach-Heiden-Bergbahn, besonders vor 15 Uhr, wenn das Bahnhofbuffet geschlossen ist. Vor der Tür zum eigentümlichen Wartestübchen mahnt ein altes Schuheisen den eintretenden Gast, den Schmutz oder Schnee von den Sohlen zu streifen. Die für zwei bis drei Leute berechnete Holzbank mit Armlehne nimmt die Hälfte des Raums in Beschlag. Hinter unterteilten Fenstern fühlt man sich – nötigenfalls mit angewinkelten Knien – wie in einer Gartenlaube oder auf einer Veranda. Wartende tun gut daran, ein paar Minuten vor Ankunft der Bahn gut sichtbar vor dem unbedienten Stationshäuschen in Stellung zu gehen, damit sie nicht auf der Strecke bleiben.

Zu guter Letzt gibt es auch Haltestellen mit Unterständen, die Touristen tunlichst links liegen lassen. Dazu zählen die mehreckigen, offenen Konstruktionen aus gerillten Glasscheiben entlang der Bahnstrecke von La Chaux-de-Fonds nach Les Ponts-de-Martel im Neuenburger Jura. Die frei stehenden Unterstände bieten Einheimischen und Kindern auf dem Weg zur Arbeit oder Schule Schutz. Mehr ist den Fremdkörpern nicht abzugewinnen. Aber das ist immer noch besser als nichts.

Im umgestalteten und vor drei Jahren neu eröffneten, lichtdurchfluteten Bahnhof Zug können Reisende Warten als Luxus zelebrieren. Wer etwas auf sich hält, gibt sich in der Lounge «Perrone Cigars» einer Zigarre aus Honduras hin und geniesst einen Single Malt Whisky. Dagegen wirken die geschäftigen Herren mit Handy und Aktenköfferchen in den gestylten Glaswürfeln zwischen den Perrons wie Statisten.

Im Regionalverkehr mit seinen einst 620 bedienten Stationen hat das Wartsaalsterben System. 190 haben den Schalter bereits geschlossen und präsentieren sich nach dem Facelifting-Konzept RV05 in einem neuen Licht. Den verbleibenden Regionalstationen geht es in den nächsten zehn Jahren ans Lebendige. Das Projekt Regionalverkehr 2005 sieht eine einheitliche flächendeckende Umrüstung oder Neuinstallation von automatisierten Haltestellen bis ins Jahr 2015 vor. Mit modernen, transparenten und elektronisch überwachten Glaskonstruktionen zwischen den Perrons oder am Rand des Geleises soll der Vandalismus eingedämmt und die Sicherheit der Passagiere verbessert werden. Die neuen regionalen Haltestellen mit Billettautomat, Orts- und Fahrplan laden aber nicht zum Warten ein, sondern dienen als «Unterstand» oder «Witterungsschutz».

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Da wirds einem warm um den Hintern
Die Facelifting-Kampagne treibt wundersame Blüten. Weil die Regionalverkehr Mittelland AG (RM) in Burgdorf BE bei der Schliessung von Dienststellen in den Regionalbahnhöfen eine Zunahme von Vandalismus in den Wartsälen registrierte, schloss sie die Räume. Die Verantwortlichen wollten die Fahrgäste aber nicht im Regen stehen und in der Kälte sitzen lassen. Die Lüthi Elektro AG in Kirchberg BE tüftelte an beheizbaren Sitzbänken für die neuen gläsernen Wartestübchen, genannt «Infopoints». Sie funktionieren auf Tastendruck wie eine Herdplatte und stehen unter anderem in Aefligen, Kirchberg-Alchenflüh, Madiswil, Utzenstorf und Sumiswald dem Allerwertesten zu Diensten. «Die Reaktionen hören sich durchaus positiv an», sagt Geschäftsführer Daniel Hürlimann. Und RM-Verkaufsleiter Christian Bosshard ergänzt: «Die Kunden haben so ein warmes Füdli und fühlen sich dank der eingebauten Gegensprechanlage zu unserer Fernsteuerzentrale erst noch sicherer.»

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Durch Rationalisierung stehen immer wieder ausrangierte Stationshäuschen zum Verkauf. Der 56-jährige, in Liechtenstein geborene Maler Werner Marxer ist so zu einem aussergewöhnlichen Heimetli gekommen. Im Internet stiess er auf den ehemaligen Bahnhof von Lütisburg SG. Er kaufte das über 100 Jahre alte Gebäude und richtete sich einen Wohn- und Arbeitsraum ein. «Auf die vier Züge, die stündlich an meinem Haus vorbeifahren, reagiere ich nicht mehr», sagt er. «Dafür habe ich vor der eigenen Nase eine private Haltestelle, auch wenn ich am Arsch der Welt wohne.»

Dem legendären Berner Troubadour Mani Matter seis geklagt: Im Wartsaal kann man nicht mehr Hof halten. Sein «Lied vo de Bahnhöf» klingt heute, 40 Jahre später, wie ein Schwanengesang. Und Chansonnier Toni Vescoli ist sich heute nicht mehr sicher, wie sein Lied «Sitze ime Wartsaal» von 1999 bei den Jungen ankommt: «Vielleicht wissen die gar nicht mehr, wie ein Wartsaal aussah und welche Kraft er hatte als Symbolbild.»

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