Weberameisen, Mangrovenschnecken und eine Käsefrucht: Bei den ersten drei Gängen des Testmenüs biss Nadja «Naddel» Abd el Farrag tapfer auf die Zähne. Doch beim Anblick der grossen, weissen Nashornkäferlarve überkam die frühere Moderatorin und Kochbuchautorin der Ekel, auch wenn der Kopf dieser Delikatesse der australischen Aborigines nicht mitgeschluckt werden musste. «Das kann ich nicht», sagte sie im Dschungelcamp «Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!» vor laufender Kamera.

Vollends in den falschen Hals geriet ihr das Dessert. Angewidert überliess sie die pelzigen Känguruhoden auf dem Holzteller der Entertainerin Désirée Nick. Die ist bekannt dafür, den Mund bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit voll zu nehmen. Selbst ihr blieb beim Knacken die Spucke weg: «Zum Kotzen.» Immerhin haben sich fünf Millionen Fernsehzuschauer an diesem Spektakel im illustren Kreis satt gesehen. Wohl bekomms.

Volle Bäuche, voller Erfolg


Otto Normalverbraucher ist es nicht vergönnt, seine kulinarischen Kapriolen vor Millionenpublikum zum Besten zu geben. Die Plattform des kleinen Mannes bildet seit 50 Jahren das Guinness-Buch der Rekorde, das der geneigten Leserschaft die amtlich beglaubigten Highlights gastronomischer Abgründe auftischt. Ein AmuseBouche aus dem Jubiläumsband 2005:

  • 43 gekochte Rosenkohlröschen verschlang der Engländer Dave Mynard innerhalb einer Minute.

  • In 30 Sekunden brachte es der Amerikaner Diego Siu auf 264 Gramm Eiscreme.

  • Der Brite Peter Dowdeswell kippte 1,5 Liter Bier in nur 5,4 Sekunden herunter.

  • In zwei Minuten und 40 Sekunden verspeiste der Engländer Danny Healy eine rohe Zwiebel, die 212 Gramm wog.

  • 54 kernlose Trauben mit einem Gewicht von 113 Gramm stopfte sich der Kanadier Michael Levinson in den Mund.


Auch Massenrekorde feiern Urständ: So liefern sich die Einwohner der spanischen Stadt Buñol in der Nähe von Valencia jährlich die grösste Essensschlacht der Welt. Im Rekordjahr 1999 bewarfen sich 25 000 Menschen eine Stunde lang mit 125 Tonnen Tomaten. Die Schweiz rührt rührig mit. Auf dem Chäserrugg im Toggenburg tauchten vor zwei Jahren 250 Gäste innerhalb von 2262 Sekunden oder knapp 38 Minuten 2262 Brotstücke in ein Riesenchessi voller Käsefondue. Kaum verwunderlich, steht die magische Zahl 2262 für die Anzahl Höhenmeter des Chäserruggs.

Eine Tasse voller Grillen


Der Mensch, das arme Schwein, ist seit alters her ein Allesfresser oder, wissenschaftlich ausgedrückt, ein Omnivore. Dass wir uns in unseren Breitengraden keine Heuschrecken, Meerschweinchen oder Insektenlarven einverleiben, steht in der Kulturgeschichte des Essens geschrieben. Das Sprichwort «Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht» macht deutlich, wie sehr wir an Mutters Küchenschürzenzipfel hängen und ihre Weihnachtsguetsli ein Leben lang in der Nase haben.

Gemessen am Nährwertgehalt haben es nämlich auch Insektenhäppchen in sich, wie der amerikanische Biologe und Kochbuchautor David Gordon festhält. Eine Tasse voller Grillen beispielsweise schlage mit 250 Kalorien und sechs Gramm Fett zu Buche. Mit Rezepten für eine Suppe aus pürierten Grashüpfern, für einen Auflauf aus Wolfsspinnen mit Spinat oder für Seidenraupen süss und sauer will er uns Gewohnheitstiere auf einen neuen Geschmack bringen. Spätestens dann, wenn wir hinter den Hauptzutaten herrennen müssen, dürfte das Experiment scheitern.

Ausgefallene Essensexzesse vor Publikum sind für den Zürcher Schriftsteller und Psychoanalytiker Jürg Acklin Ausdruck von Provokation und Imponiergehabe, wie sie etwa in der Pubertät zum guten Ton gehören. «Noch heute sehe ich meinen Mitschüler vor mir, wie er vor versammelter Klasse einen lebenden Regenwurm hinunterschluckte», erinnert sich der heute 59-Jährige: «Er war ein Superstar.»

Wer mit einem ernährungsphysiologischen Kraftakt Eingang ins Guinness-Buch der Rekorde finden will, muss gegen Ekelschranken anrennen und Tabugrenzen überschreiten. «Letztendlich geht es um den Kick», sagt Acklin. Zudem winkt, mit einem minimalen Aufwand, eine maximale Anerkennung.

Das grassierende Rekordgehabe ist auch Zeichen einer allgemeinen Gigantomanie, die auf den Dutzendmenschen übergreift: Seine höchste Torte kann es mit dem Wolkenkratzer aufnehmen.

Sich mit Hilfe «des lebenswichtigen Gutes» öffentlich in Szene zu setzen, ist für die Frauenfelder Ernährungsberaterin und Wellnesstrainerin Karin Liechti ein Exzess. «Den Lebensmitteln gebührt unsere Wertschätzung.» Auch dem Magen erweist man mit Hängen und Würgen keinen Dienst. «Die Verdauung beginnt mit dem Kauen im Mund», sagt Liechti. Das dürfte in einer Minute bei einem Fuder von 43 Rosenkohlröschen kaum möglich sein. In dieser kurzen Zeit können auch keine Verdauungssäfte mobilisiert werden, Blähungen und Völlegefühl lassen grüssen.

Der Kochpapst und die Todsünden


Dass die Völlerei von der katholischen Kirche als eine der sieben Todsünden verteufelt wird, stösst einer Gruppe von französischen Schriftstellern und Köchen – darunter Kochpapst Paul Bocuse – sauer auf. In einem Schreiben bitten sie den Papst, das Wort Völlerei durch «Gefrässigkeit» zu ersetzen. Ein Gourmet sei ein «Pazifist und mit Sicherheit kein Sünder».

Quelle: Bildagentur Keystone
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