Beobachter: Herr Braun, kommt ein Weihnachtspaket noch rechtzeitig an, wenn es jetzt auf die Post geht?
Reto Braun: Sicher. Wir sind fürs Weihnachtsgeschäft organisiert.

Beobachter: Sind also die Computerprobleme in den drei neuen Paket-Verteilzentren gelöst?
Braun: Es braucht noch kleinere Software-Anpassungen. Die Anlagen laufen jetzt zwar praktisch voll; für Weihnachten halten wir aber zur Sicherheit einige alte Zentren offen. Den Juni möchte ich kein zweites Mal erleben.

Beobachter: Seit den Verspätungen im Paketversand ist der Ruf der Post angeschlagen.
Braun: Natürlich war diese Geschichte nicht gut für unser Image. Als die Medien im Juni vom «Päckli-Chaos» schrieben, stimmte dies. Und obwohl die Probleme überwunden sind, werden wir immer noch darauf angesprochen.

Beobachter: Wie wollen Sie den Imageschaden flicken?
Braun: Mit Leistung. Bei der Paketpost stehen wir schon heute sehr gut da. Das Verhältnis zwischen Angebot, Preis und Lieferzeit ist wohl das beste in Europa.

Beobachter: Man hört allerdings noch mehr Kritik an der Post. Dürfen wir Sie mit einigen dieser Vorwürfe konfrontieren?
Braun: Natürlich.

Beobachter: Erstens: Die Briefpost ist häufig verspätet.
Braun: Die Statistik bestätigt das nicht – und die wird nicht von uns gemacht, sondern in Brüssel. Bei der A-Post kommen rund 97 Prozent der Briefe am nächsten Tag an; bei der B-Post rund 98 Prozent am übernächsten Tag – international ein Spitzenwert. Momentan reagiert die Kundschaft einfach sehr kritisch.

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Beobachter: Zweiter Vorwurf: Die neuen Expresstarife sind zu hoch. Kurierdienste sind häufig schneller und billiger.
Braun: Das stimmt nur zum Teil. Wer den Preis–Leistung-Vergleich macht, muss eines berücksichtigen: Private Kurierdienste können sich rentable Rosinen herauspicken – die Post dagegen bietet einen landesweiten Service zu festen Preisen an. Aufs Ganze gesehen bleibt die Post viel billiger als alle Kurierdienste, die herumradeln.

Beobachter: Drittens: Sie wollen keine Schnur mehr um die Pakete. Das erschwert das Hantieren.
Braun: Ich begreife, dass diese Änderung die Leute stört. Denn es war ja die Post, die früher immer eine Schnur verlangte. In einem Massenbetrieb mit 150 Millionen Paketen pro Jahr muss aber moderne Technik eingesetzt werden. Und in den neuen Sortieranlagen kann sich die Schnur verheddern. Dies hätten wir aber früher und besser kommunizieren müssen.

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Beobachter: Viertens: Gerüchte über einen massiven Arbeitsplatz- und Poststellenabbau verunsichern Personal und Kunden.
Braun: Die Angst vor einem Personalabbau erstaunt mich. Als ich das Amt antrat, lag ein Abbauszenario auf meinem Pult. Ich habe darauf verzichtet, weil es meiner Ansicht nach nicht nötig ist.

Beobachter: Und die 3600 Poststellen?
Braun: Die Post hat seit Anfang 1998 den klaren Auftrag vom Bundesrat: Wir müssen eigenwirtschaftlich werden und einen flächendeckenden «Service public» anbieten. Wir passen das Netz jetzt punktuell an; das wurde verschlafen. Einen Radikalschnitt wird es aber nicht geben. Wichtig ist, dass Öffnungszeiten und Standort kundengerecht sind.

Beobachter: Letzter Vorwurf: Die Kommunikation ist ungenügend. Mitten in der Paketkrise kündigen Sie höhere Tarife an, krebsen dann aber wieder zurück.
Braun: Dass wir die Tarife für Briefe und Pakete bis zwei Kilogramm anpassen wollen, wussten wir vor den Problemen mit den Paketzentren. Es dauert einfach länger als erwartet, weil die Interessen und Vorstellungen weit auseinander gehen. Und weil wir in der Briefpost das Monopol haben, dürfen wir auch nicht selber entscheiden, sondern müssen dem Bundesrat einen Antrag stellen. So weit sind wir erst jetzt.

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Beobachter: Wie sehen Ihre Wünsche aus? Und ab wann gelten die neuen Tarife?
Braun: Details kann ich noch keine bekannt geben. Unter dem Strich brauchen wir aber etwas mehr Geld. Und ein neues Preiskonzept. Als einzige Post der Welt haben wir bei Briefen eine Tarifkategorie von 0 bis 250 Gramm. Alle anderen kennen viel feinere Abstufungen. Der Schweizer 10-Gramm-Brief ist wahrscheinlich teurer als in einigen Ländern, der 100-Gramm-Brief dagegen viel billiger. Im Schnitt sind wir weltweit die Besten und die Billigsten.

Beobachter: Ein perfekter Werbespruch. Warum wollen Sie das ändern?
Braun: Weil wir uns auf die Liberalisierung vorbereiten müssen. Wenn im Jahr 2003 in Europa das Postmonopol fällt, wollen wir konkurrenzfähig sein. Für die Sicherung der Zukunft müssen das Preis-Leistung-Verhältnis, die Firmenbilanz und die Gewinn-Verlust-Rechnung stimmen. Unter den PTT bezahlten Telefonkunden jährlich rund 800 Millionen Franken an die Post. Das müssen wir nun selber erwirtschaften.

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Beobachter: Bis zu einem Gewicht von zwei Kilogramm arbeiten Sie im geschützten Markt. Ist der Monopolist Post überhaupt tauglich für den Wettbewerb?
Braun: Das Monopol bröckelt. Die Kurierdienste fressen in unseren Markt hinein. Doch mich stört das nicht.

Beobachter: Wie bitte?
Braun: Es stört mich wirklich nicht. Die Post muss sich so organisieren, dass wir gegen jede Konkurrenz bestehen können.

Beobachter: Die Post würde also auf das Briefmonopol verzichten?
Braun: Absolut.

Beobachter: Sie würden andere Briefverteiler dulden und dennoch einen flächendeckenden «Service public» anbieten?
Braun: Das Postmonopol in Europa wird fallen. Und ich glaube nicht, dass die Schweiz auch hier eine Ausnahme machen wird.

Beobachter: Möchten Sie für diesen «Service public» eine Abgeltung?
Braun: Nein, aber wir müssten die Freiheit zur Preisgestaltung haben.

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Beobachter: Kann die Post auf dem Schweizer Markt überhaupt bestehen, oder müssen Sie Ihre Fühler verstärkt ins Ausland ausstrecken?
Braun: Die Strategie ist klar. Die Post muss primär für die Schweiz stark sein. Das beinhaltet auch den Import und den Export.

Beobachter: Deshalb die angekündigte Allianz mit der niederländischen Logistikfirma TNT?
Braun: Genau. Und ich war überrascht, wie zurückhaltend diese Ankündigung aufgenommen wurde. Mit dem Anschluss an TNT dehnen wir unser Poststellennetz eigentlich auf einen Schlag auf 200 Länder aus.

Beobachter: Bürgerliche Kreise möchten den gelben Riesen in Einzelfirmen zerschlagen. Wird die heutige Post überleben?
Braun: Ein Zerschlagen wäre sehr schlecht. Es ist einzigartig, dass die Schweizer Post Briefe, Pakete, Zahlungen und Datenverarbeitung flächendeckend und unter einem Dach anbieten kann.

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Beobachter: Was aber hat Ihr Finanzgeschäft «Postfinance» mit Briefpost zu tun?
Braun: Nehmen wir ein Beispiel: Wir können unseren Kunden massgeschneiderte Adresskarteien für Direktwerbung zur Verfügung stellen, wir übernehmen den Versand, bringen die Bestellungen zurück, und am Schluss erledigen wir die Zahlung. Alles zusammen ergibt ein rundes Angebot...

Beobachter: ...das Sie mit Ihrem neuen Hobby verknüpfen, dem «E-Commerce».
Braun: Die 30 Jahre in der Elektronikbranche haben mich natürlich geprägt. Das Dach über all unseren Aktivitäten ist tatsächlich «E-Commerce», elektronischer Handel. Wir können einer Firma, die Produkte übers Internet verkaufen will, beim Auf- und Ausbau helfen und die Logistik übernehmen. Für dieses Geschäft ist die Post fantastisch positioniert.

Beobachter: Sie sind seit einem Jahr im Amt und mussten viel Kritik anhören. Zu Recht?
Braun: Mein Auftrag bietet viele Angriffsflächen. Der Spagat zwischen flächendeckendem Service und Eigenwirtschaftlichkeit wurde auch schon als «unmögliche Mission» bezeichnet. Aber ich bin überzeugt, dass es eine mögliche Mission ist, wenn wir unser Ziel vor Augen halten: im liberalisierten Markt konkurrenzfähig sein. Auf dem Weg dorthin wird es viel Kritik geben, aber ich habe eine dicke Haut.

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