Gerade mal drei Stunden Schlaf pro Nacht gönnte sich André Dosé im Oktober 2001. Der damalige Chef der Fluggesellschaft Swiss durchlebte hektische Zeiten. «Ich merkte gar nicht mehr, wie wenig ich schlief», sagt Dosé heute.

Aber auch für Normalbürger werden die Nächte immer kürzer. Die einen sind gestresst, die andern werden von Lärm geplagt, und wieder andere wollen nichts vom Nachtleben verpassen. Die Folge: Der heutige Mensch schläft im Durchschnitt über 20 Prozent weniger als vor hundert Jahren. Damals legten sich die Menschen in der Regel neuneinhalb Stunden nieder, heute schliessen wir die Augen bloss noch siebeneinhalb Stunden lang.


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Sieben bis acht Stunden Schlaf gelten als optimal. So viel Zeit brauchen Geist und Körper, um sich regenerieren zu können. Das Schlafbedürfnis ist jedoch individuell – es gibt auch Menschen, die mit vier bis fünf Stunden pro Nacht auskommen. Diese gelten als extreme Kurzschläfer und sind deutlich in der Minderheit.

Wer zu wenig schläft, wird depressiv


Schlafmangel wirkt sich nicht nur langfristig aus, sondern auch sofort: Schläfrigkeit, Konzentrationsschwächen, Antriebslosigkeit, Verdauungsstörungen und Reizbarkeit sind die häufigsten Begleiterscheinungen. Das musste auch André Dosé erfahren: «So wenig schlafen kann man nicht über längere Zeit hinweg. Manchmal hat mein Körper einfach rebelliert – dann habe ich 18 Stunden am Stück geschlafen.» Oft verschwinden die Symptome wieder, wenn das Defizit ausgeglichen ist.

Dauerhaft Übermüdete müssen mit schwerwiegenden Auswirkungen auf ihren Alltag rechnen. «Chronischer Schlafmangel führt letztlich zu depressiven Verstimmungen, zu sozialem Rückzug und u Persönlichkeitsveränderungen», stellt Daniel Brunner fest, Schlafexperte und Leiter des Zentrums für Schlafmedizin an der Klinik Hirslanden in Zürich. «Menschen, die sich mit ihrem geringen Schlafbedarf brüsten, haben in der Regel ein hohes Schlafmanko.»

Trotzdem gilt es als schick zu behaupten, mit nur einigen Stunden Schlaf auszukommen. Schon früher rühmten sich die Mächtigen und Emsigen, wenig Schlaf zu benötigen. Napoleon etwa legte sich lediglich vier bis fünf Stunden aufs Ohr. Menschen, die länger schliefen, bezeichnete er als Dummköpfe. Leonardo da Vinci soll überhaupt keine Zeit an den Schlaf vergeudet haben. Er habe, behaupten die Chronisten, nur alle vier Stunden ein viertelstündiges Nickerchen gemacht.

Heute sind es gestresste Manager und umtriebige Politiker, die sich damit brüsten, Kurzschläfer zu sein. In der Regel werden diese Menschen in der Gesellschaft bewundert und hoch geachtet. Das Schlafdefizit hat der frühere Swiss-Chef Dosé häufig unterwegs kompensiert: «Meist habe ich im Auto zehn Minuten geschlafen. Dann war ich wieder frisch.» Für den ehemaligen Manager kein Problem – der Wagen wurde von einen Chauffeur gelenkt.

Müdigkeit am Steuer verursacht laut der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) 10 bis 20 Prozent aller Unfälle in der Schweiz. Wie gefährlich der Sekundenschlaf ist, rechnete die BfU vor: Fährt ein Lenker mit 60 Stundenkilometern und ist drei Sekunden lang abwesend, legt sein Auto – ungesteuert – 50 Meter zurück. Bei doppelter Geschwindigkeit sind es bereits 100 Meter. Eine australische Studie kommt zum Schluss, dass das Risiko, in einen Unfall verwickelt zu werden, um das Achtfache steigt, wenn man sich müde fühlt.

Bewährtes Mittel: Mittagsschläfchen


Schlafmangel kann der Grund sein für Katastrophen in Kraftwerken und Fabriken. Man nimmt an, dass der Reaktorunfall in Tschernobyl oder auch das Giftgasunglück in Bhopal von falschen Handlungen durch übermüdetes Personal ausgelöst wurden.

«Um sich regenerieren zu können, ist nichts ist besser als Schlaf», sagt Fachmann Brunner. Wer Energie tanken will, dem sei das Mittagsschläfchen empfohlen: Schon 20 bis 30 Minuten können Wunder wirken, auch wenn, subjektiv gesehen, kein Schlaf eintritt. «Diese kurze mentale und muskuläre Entspannung wirkt besser als Koffein, um sich nachher wach zu halten», sagt Brunner. Eine Studie der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa ergab: Die Leistung der Angestellten stieg nach dem Schläfchen um einen Drittel.

Buchtipps


Rita Kempter: «Fitness leicht gemacht», Beobachter-Buchverlag, 2001, Fr. 29.80

Boris Luban-Plozza, Günther W. Amann-Jennson: «Schlaf dich gesund»; Oesch-Verlag, 2003, Fr. 24.90

Karl-Heinz Schäfer: «Entspannung erleben»; Kneipp-Verlag, 2004, Fr. 31.70

Quelle: Sanna Lindberg
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