Und zwar nicht für irgendwelche oder neue Kunden, sondern tatsächlich für deine eigenen! Customer Care wird das jetzt wohl bei euch heissen. Immerhin habt ihr seit dem Frühjahr mit Eric Tveter einen Amerikaner als Chef, äh, Boss. Und der will sich nicht nur ums Geschäft, sondern eben auch um die Kunden kümmern. Sagt er.

Und das geht so: Für einmal werden nicht Provisionen jagende Jungverkäufer an den Türen klingeln und alte Omas mit den Segnungen der Internettelefonie oder des digitalen Fernsehens vertraglich beglücken. Nein, dein Topmanagement selbst soll von der Teppichetage in die Niederungen des Kabelnetzes hinabsteigen und dort beim neudeutschen Enduser, also quasi beim Letzten von einem Benutzer – äh, beim Kunden –, um Verständnis buhlen. Sich die Nöte und Sorgen deiner von Beschwerderesistenz, von buchhalterischer Inkompetenz und technischen Unzulänglichkeiten gebeutelten Kunden anhören. Und das ganze 90 Minuten lang. Ein Heimspiel wird das nicht.

Gleichzeitig sollst du ja einen neuen Namen erhalten, denn der alte hat wirklich einen schalen Nachgeschmack, Cablecom steht bei so manchem für die meistgehasste Schweizer Firma. Deshalb: Alles neu macht der Tveter, auf dass die Massen vergessen. Allein wie du denn heissen sollst, ist bislang unklar. Das könnten deine zu Seelsorgern mutierenden Topleute ja nun im Gespräch mit den Endusern herausfinden. Zur Wahl stehen: United Pan-European Communications, kurz UPC, oder Liberty Global. Ersteres hört sich an wie ein Hit von Britney Spears. Doch «UPC, I did it again» kann wohl nicht die Message sein, die du rüberbringen willst. Und Liberty Global klingt eher nach Pornostar denn wie eine Kabelnetzbetreiberin. So qualvoll war Wahl schon lange nicht mehr.

Eine dreistellige Zahl von Kunden – sorry, Eric, I meant: Endusers – sollen heimgesucht werden, von nicht weniger als 200 Topmanagern. Das ist eine stolze Anzahl gut entlöhnter Schlipsträger, wohlverstanden bei insgesamt 1500 Angestellten. Vielleicht hättest du doch besser mehr in kompetente Techniker, stabilere Geräte, aktiv mitdenkende Call-Center-Angestellte und eine funktionierende Datenbank mit einem sauberen Datenstamm fürs Rechnungswesen investiert, dann wäre diese Klinkenputzaktion nicht nötig.

Eineinhalb Stunden mitfühlen

Wir fragen uns, ob du vielleicht auch beim Beobachter reinschauen magst. Immer-hin mussten wir in unserem Beratungs-zentrum seit dem 1. Januar bereits 383
Beschwerden über dich bearbeiten. Fehlt nicht mehr viel, und du landest heuer nicht nur auf dem zweiten Platz unserer Hitparade der beschwerdereichsten Unternehmen, dem Prix Blamage, sondern bekommst wieder mal das Siegerkrönchen.

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Andererseits: Lass gut sein, wir verzichten auf den Besuch. Dein Wasserkopf wird in den 90 Minuten Gesprächszeit schon mit Einzelkunden genug zu tun haben: Zutexten lassen, mitfühlen, Besserung versprechen, rausfinden, welcher der beiden extrem eingängigen Namen der bessere ist Und 90 Minuten tatsächlich drinbleiben – denn welcher Cablecom-Geschädigte hat schon Lust, so lange mit einem der Deinen zu plaudern. Wie gesagt, das wird kein Heimspiel. Viel Glück!