Da verkündeten doch kürzlich die Kollegen im Beobachter tolle Tipps zur Entschleunigung und Entstressung des Lebens: «Ziehen Sie in die Stadt», oder «Kaufen Sie einen alten Hund», oder, noch schöner: «Zeugen Sie Kinder. Sie geben zwar viel Arbeit, zwingen aber zur Langsamkeit.» In Unkenntnis dieser Tipps haben meine Frau und ich schon vor geraumer Zeit eine junge Katze gekauft und sind aufs Land gezogen. Und in Sachen Nachwuchs haben wir uns die letzten Jahre wiederholt an stressfreie, da kinderlose Zeiten erinnert.

Nun haben Katzen und Kinder die angenehme Eigenschaft, dass sie älter und damit etwas weniger pflegebedürftig werden. So konnten wir in den letzten paar Monaten tatsächlich so etwas wie ein etwas geruhsameres, wenn auch nicht-urbanes Leben führen. Bis zu jenem Tag, als unsere Nachbarin zwei Plastikgefässe vorbeibrachte und uns strahlend verkündete, wir seien soeben stolze Besitzer von sechs Schmetterlingseiern geworden. Drei Lindenschwärmer, drei Nachtpfauenaugen.

Ich setzte die Lesebrille auf, suchte die Gefässe nach etwas mikroskopisch Kleinem ab, entdeckte sechs fliegenschissgrosse Eier und hauchte ein der Verzückung meiner Mitmenschen angemessenes «Oooh». An das künftige Familienleben mit den neuen Mitbewohnern verschwendete ich keinen Gedanken.

Zehn Tage später schlüpfte Räuplein Nummer 1, und der Stress begann. Haben die Würmer nämlich mal das schützende Ei verlassen, kennen sie nur noch eines: Fressen. Deshalb rannten wir humanoiden Nahrungsbeschaffer zur Linde im Garten und brachten Blätter, die für eine Armee solcher Winzlinge gereicht hätten. Nummer 1 frass dankbar, bis die Blätter zu welken begannen, und kümmerte sich danach keinen Deut mehr darum.

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Irgendwann schlägt Darwin zu

Da unterdessen auch Nummern 2 und 3 das Licht der Welt erblickt hatten, rannten wir erneut zur Linde. Als mit Nummern 4 bis 6 auch die Nachtpfauenaugenraupen geschlüpft waren, führte unser Weg weiter bis zum nächsten Kirschbaum. Es versteht sich von selbst, dass wir nach jeder Futtersuche die Viecher durchnummerierten, damit auch ja keines verlorenging.

Tamagotchis, die Minicomputer aus den neunziger Jahren, die alle paar Minuten Futter oder Streicheleinheiten verlangten und eine ganze Elterngeneration am Realitätsbezug ihrer Kinder zweifeln liessen, waren pure Entspannung dagegen.

Zugegeben, das meiste in Sachen Futterbeschaffung und Pflege erledigte meine Frau. Ich war eher für die darwinistische Seite des Unternehmens zuständig. So starb Nummer 2 unter meiner Obhut den «Sudden Caterpillar Death» (plötzlicher Raupentod), ein in der Wissenschaft völlig ignoriertes Phänomen, das – beim Menschen – familiäre Krisen auslösen kann. Nummer 4 und 5 kamen, ebenfalls unter meiner Aufsicht, ums Leben, als sie, da der Nachschub mal fünf Minuten auf sich warten liess, ins Wasserglas fielen, in das ihr Kirschbaumzweig gestellt war.

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Manchmal, wenn ich abends nach Hause komme, sitzt meine Familie andächtig vor der Plastikkiste, in die wir die Viecher mittlerweile samt halben Linden- und Kirschbäumen umgesiedelt haben, und hört den Raupen beim Fressen zu.
Und bevor die Kinder ins Bett gehen, holen sie noch schnell im Garten Futter für ihre Lieblinge. Das heisst: Sie holten Futter, denn seit ein paar Tagen sind die unteren Äste der beiden Bäume endgültig abgeerntet. Nun dürfen wieder die Eltern für Nachschub sorgen. Wir wechseln uns im Zweistundenrhythmus ab.

Und manchmal, wenn ich mitten in der Nacht auf einem Kirschbaum herumklettere, dann schwöre ich mir, dass ich im nächsten Leben in die Stadt ziehe und mir einen alten Hund kaufe. Einen ganz alten.