Früher genügten Hausnummer, Postleitzahl, Telefon und Schuhgrösse. Heute müssen wir für alles Zugangscodes wissen und tragen stapelweise Plastikkarten mit uns herum, die ohne PIN-Code nicht zu gebrauchen sind. Ich habe mindestens sechs, Kreditkarten, Bankkarten, Postkarten, Mitgliedskarten – einfach zu viele, um all die PINs im Kopf zu haben.

Um Codes unvergesslich zu machen, habe ich viele Systeme ausprobiert, besonders die idiotischen, von denen abgeraten wird. Aber nicht einmal die funktionierten. Ich habe nun mal sechs Karten, aber nur einen Geburtstag. Nehme ich für sämtliche Karten meinen einzigen Geburtstag, riskiere ich im Schadensfall den Totalverlust, und nehme ich die Geburtstage der Familienmitglieder hinzu, gibts einen Zahlensalat. Simple Zahlenreihen taugen auch nichts. Da muss ich bei jeder Karte wissen, ob die Reihe bei 0 anfängt oder bei 1 oder 9, ob sie aufsteigt oder absteigt. Ebenfalls verworfen habe ich Mehrfachziffern wie 66-55-44 und 18-18-18 oder Spiegelbilder wie 1-9, 2-8, 3-7. Sechs Varianten eines solchen Systems überfordern mein Hirn.

So besann ich mich auf meine Stärke: Buchstaben, Wörter, Sätze kann ich mir gut merken. Ich erfand also lustige Eselsbrücken: «Das Paar ist im siebten Himmel, küsst sich dreimal täglich und hat ein- bis zweimal Sex.» Das ergibt den Pin 2-7-3-1-2-6. Oder: «Die Drillinge fahren fünfmal Achterbahn und sagen oh.» Das steht für 3-3-3-5-8-0. Und auch: «Einstein war zweimal am Sechstagerennen und spielte Beethovens Neunte – eine Quadratur des Kreises.» Was logischerweise 1-2-6-9-4-0 bedeutet. Das System bewährte sich lang. Aber dann begann das Paar am Sechstagerennen Einstein zu küssen. Der siebte Himmel wurde quadratisch, bekam aus dem Nichts ein Dreirad und sagte fünfmal oh. Und die Drillinge spielten die Neunte und hatten Sex mit der Achterbahn. Auch «System Esel» musste ich aufgeben.

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Schliesslich der Geistesblitz: Ich zeichne auf der Tastatur die Formen von Buchstaben. So muss ich mir nur einen Buchstaben pro Karte merken.

Quelle: Georg Wagenhuber

Oberste Reihe waagrecht 1-2-3 und mittlere Reihe senkrecht 2-5-8 ergibt ein T. Linke Reihe senkrecht 1-4-7 und untere Reihe waagrecht 7-8-9 ist das L. Das O steht für 2-6-9-0-7-4, das X für 1-5-9-3-5-7. Ein Kinderspiel. Am meisten Freude habe ich am Code 4-7-5-5-9-6. Das ist ein W; als Winterthurer kann ich das besonders gut behalten. Mein System funktioniert tadellos. Und weil ich es so genial finde, nenne ich es insgeheim: der Da-Winti-Code.

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Der Narr steht vor dem Automaten

Bis vor kurzem war ich stolz darauf, jetzt weniger. Das kam so: Ich reise also nach Italien, in Leonardo Da Vincis Heimat, und tippe – Bruder im Geiste – den genialen Code in die Tastatur. Fehlanzeige. Nochmals das W – wieder ziert sich der Apparat. Das dritte Mal tippe ich das W ganz genau: links-Mitte, links-unten, Mitte-Mitte, Mitte-Mitte, rechts-unten, rechts-Mitte. Zack – Karte gesperrt. Unmöglich! Der Da-Winti-Code ist narrensicher. Ich untersuche die Tastatur und merke: Der Narr steht vor dem Automaten. In Italien gibt es Tastaturen, da sind die Zahlen anders angeordnet. Kein Mensch weiss, warum. Der Da-Winti-Code ist erledigt.

Ich bin zu einem neuen System übergegangen. Jetzt benutze ich x-beliebige Kombinationen und schreibe sie in meiner Agenda auf eine bestimmte Seite. Um diese wiederzufinden, ist die Seitenzahl mein Alter – nein, äh, die Hausnummer. Oder war es die Schuhgrösse? Und überhaupt: Wo habe ich meine Agenda hingelegt?

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