Priester und Computer meide ich. Sie tun nichts anderes, als einem die eigene Unvollkommenheit vor Augen zu führen und Schuldgefühle zu verbreiten. Vor allem die Computer, die auf binären Codes basieren, auf Einsen und Nullen, und mir immer das Gefühl geben, ich gehöre zu Letzteren.

Ich wurde in eine analoge Welt geboren; in eine fassbare Welt, in der Schäden sichtbar sind. Was kaputt ist, schleift, tropft oder fällt auseinander. Wenn zum Beispiel mein Fahrrad klemmt, löst ein gezielter Tritt Problem und Anspannung.

Bei Rechnern ist das anders. Treten hilft nichts. Wenn der Bildschirm einfriert, bleibt einzig, eine höhere Macht anzurufen – den telefonischen IT-Support. Diese Leute haben eine tiefere Kenntnis der Dinge.

«Bitte geben Sie das Passwort ein, dann kann ich direkt auf Ihren Computer zugreifen», raunt eine sonore Stimme. Während der Cursor nun ferngesteuert über meinen Bildschirm wuselt, herrscht in der Leitung Stille. Es ist so still, dass man das Kopfschütteln des Supporters hört: «Wann haben Sie zuletzt ein Update gemacht?» Früher hiess das: Wann waren Sie das letzte Mal zur Beichte? «Vor einer Weile», gestehe ich. «Aktualisieren Sie hin und wieder Ihr Virenschutzprogramm?» – «Manchmal.» Vergib mir, Herr.

Derweil nimmt der Exorzismus seinen Lauf. Der Cursor turnt von allein durch die Kommandoleiste und klickt irgendwelche Dialogfenster weg, bevor ich sie lesen kann: Der Mensch denkt, die IT lenkt.

Wie Gott wissen sie alles

«Das wars. Sie sollten von nun an regelmässig Aktualisierungen vornehmen, sonst wird das wieder passieren.» Amen. Man muss der Stimme einfach glauben. Damit hat die Computerindustrie die ständische Gesellschaft wieder eingeführt: hier das gemeine Gesindel, dort der Orden der Computerexperten. Klerus 2.0.

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Und wie Gott wissen die IT-Jungs alles: Kürzlich verkündete die hausinterne Informatikabteilung, man habe «festgestellt, dass es einzelne Benutzer gibt, die sich längere Zeit auf Facebook aufhalten». Man behalte sich Schritte vor. Da sind sie wieder: Angst und Schuldgefühle, die klassischen Instrumente der Macht, verbreitet durch verklemmte Schergen. Eben noch im Kloster, jetzt in der IT-Abteilung.

Genau wie der dick bebrillte Verkäufer im Apple-Laden, der immer dicht an der Theke steht und versucht, mit hastigem Wippen seinen Triebstau zu lösen. Er drückt sich meinen verstummten iPod ans Ohr und schliesst die Augen. Dann legt er das Gerät auf die Theke und nickt: «Der ist im Arsch.»

Ich solle einen neuen kaufen. Aber wenn er hört, was kaputt ist, kann er es doch flicken, oder? «Nichts zu machen, glauben Sie mir.» Glauben? Nachdem uns die Aufklärung von den Ketten der Religion befreite, soll ich mich nun von der allwissenden Informatik knechten lassen? Ich weiss, dass physische Gewalt gegen ihre Produkte nichts bringt, und überlege mir, stattdessen diesen blassen Apple-Jünger zu treten. Sein Wippen wird schneller. «Die Harddisk ist kaputt», schiebt er nach. «Sie dreht sich nicht.» Ich stecke meinen toten iPod ein, lehne mich weit über die Theke und blicke dem Messdiener tief in die Brillengläser: «Und sie dreht sich doch!»

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