Da stand er. Ebenmässig im Wuchs, adrett im Nadelkleid. Keine gemeine Rottanne, deren Nadeln fieser pieksen als alle andern und sich selbst für Staubsauger mit 25 Trillionen Watt Saugstärke unerreichbar in Teppiche verschlau­fen. Nein, er war eine edle Nordmann­tanne. Und zudem grundanständig und politisch korrekt: Er sei, so das Zettelchen an seinem Stamm, ein «Fair Tree». Und in dieser Funktion verhilft er gemäss dem Label georgischen Nordmanntannen­samenpflückern, die ihre Arbeit in 40 Meter Höhe verrichten, zu einem absturzfreieren und ökonomisch rentableren Leben. Himmel hilf! Fast hätt er mich gekriegt.

Doch eine innere Stimme raunte: Und was ist mit der Umwelt? Hä? Wo kommt der Wunderknabe denn eigentlich her? Nicht aus dem Züribiet, ja nicht mal aus dem Misox. Tatsächlich hätte ich mir fast ein Tännli mit einem CO₂-Fussabdruck in Grösse eines Elefantenklumpfusses ins Haus geholt: Der Schlawiner ist nämlich Däne und wurde ökologisch unfaire 1198 Kilometer durch die Landschaft gekarrt, ehe er mir das Märli vom fairen Tännli erzählen konnte. Wäre der Kerl börsen­kotiert, würde man ihn wegen Schönung börsenrelevanter Daten drannehmen.

Umfangreiche Recherchen des Beobachters haben es ans Tageslicht gebracht: Der Fall vom fairen Baum ist keine Ausnahme. In der Weihnachtszeit wimmelt es von Hochstaplern. Besonders betroffen ist der Wirtschaftszweig der beleibten Männer in Rot. Nicht überall, wo man mit gutem Recht Samichlaus erwartet, ist auch wirklich Samichlaus drin. Aus den USA herübergeschwappt sind etwa die rausche­bärtigen Seniorentrucker, die grinsen, als hätten sie eine Monatspackung Prozac eingeworfen, und in einem riesigen roten Lastwagen voller brauner Süssgetränke die Landschaft unsicher machen. Doch Vorsicht: Ihr amerikanischer Führerschein ist hierzulande möglicherweise ungültig.

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Suuniggel aus dem hohen Norden

Andere wiederum haben Esel mit dicken roten Knubbelnasen dabei, die allesamt auf den Namen Rudolph hören und – irritierenderweise – ein Geweih tragen. Hier wird aus Hochstapelei qualifizierter Betrug. Und möglicherweise ist auch noch der Tatbestand der Tierquälerei erfüllt.

Besonders infam: Weihnachtsmänner aus dem hohen Norden, die mit Dumpinglöhnen in den Arbeitsmarkt des Christkindli drängen und dessen Existenz gefährden. Den Schmutzli haben sie bereits erfolgreich in die Arbeitslosigkeit getrieben. Dem lotterhaften Treiben des Nord-Imports muss aber auch im Sinne der Volksmoral unbedingt Einhalt geboten werden: Brachte früher jeder anständige Haushalt das Haus für die Festtage auf Vordermann, fordert die Lobby der Weihnachtsmänner dazu auf, überall im Haus Strümpfe – ja, STRÜMPFE – aufzuhängen, in die er dann die Geschenke legt. Vermutlich hat der Suuniggel einfach einen Fetisch.

Wirklich unheimlich waren die Klaus-Verschnitte, die am Samichlaustag im «Grand Café des Alpes» servierten, dem Restaurant des Bundeshauses. Eine Neonlichterkette um den Mützenkranz und eine Metallspirale mit wippendem Pompon obendrauf – das lässt nur einen Schluss zu: Das müssen Ausserirdische gewesen sein!