Da haut ein Mädchen auf der Bühne mit dem Schläger dumpf an seinen Oberschenkel, bampf. Und dann aufs Tamburin, bum. Oberschenkel, bampf. Tamburin, bum. Höflich lächelnd hören die Eltern zu, einige unterdrücken ein Gähnen. Schläge an einen Triangel oszillieren zwischen einem Fünfachtel- und einem Fünfundzwanzigachteltakt. Meine Tochter erzeugt dazu – eigenartig versetzt mit zeitlupenartigen Bewegungen – Töne auf dem Xylophon.

Ich strahle trotzdem. Zu Maien, zu Maien, die Feldlerchen singen. Unverkennbar Carl Orff. Musikalische Früherziehung eben. Soll das Hirn stimulieren. Und die mathematischen Fähigkeiten fördern. Da vorn auf der Bühne stehen also zukünftige Umweltchemikerinnen, Maschineningenieurinnen und Physik-Nobelpreisträgerinnen. Zuerst müssen sie vielleicht noch etwas untendurch. Tamburin, Xylophon und Triangel machen niemanden zum Alphatier im Klassenverband. Aber was solls. Der Teil der Eltern, der wach geblieben ist, applaudiert brav.

Plötzlich erscheint mir der Blockflötenunterricht, den ich im Kindergartenpavillon im tiefsten Freiamt geniessen durfte, in einem völlig anderen Licht. Nur deswegen verstehe ich meinen Pensionskassenausweis mit Alterskapital, Mindestzinssatz und Umwandlungssatz. Aber um die Logik zu verstehen, die eine Desaster-Konzernstrategie der UBS mit Millionenboni belohnt, hätte ich mindestens zehn Jahre Geigenunterricht an der Yehudi-Menuhin-Schule absolvieren müssen.

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Xylophon und Triangel haben keine Chance

Bühnenumbau. Ein Neunjähriger hängt sich die E-Gitarre um. Sie baumelt wenige Zentimeter über den Converse-Turnschuhen. Hinter dem Schlagzeug richtet sich ein knapp lesefähiger Knabe mit blonder Tolle ein. Am Mikrophon ein Zweitklässler. «A one, a two, a one, two, three. T.N.T. (oi, oi, oi), Im dynamite.»

Nicht dass man den Text des AC/DC-Songs verstünde. Den lese ich vom fotokopierten Programmblatt. Aber die Singgeräusche tönen unverkennbar nach Englisch. Und die Pose ist voll da. Ausfallschritt mit Mikrophon. Der gelangweilte Blick des Gitarristen, der wenig rhythmisch vor sich hin schrummelt. «T.N.T. (oi, oi, oi), and Ill win the fight. T.N.T. (oi, oi, oi), Im a power load.»

Der Drummer hämmert wild wie weiland das zottelige Animal in der «Muppet Show». Der Applaus explodiert förmlich, wird fast frenetisch. Cool, die Kleinen. Wir haben sie eben erlebt, die zukünftigen Jimi Hendrixe, Michael Jacksons oder wenigstens Frontsänger von Plüsch. Zugabe! Nochmals drei Akkorde. T.N.T. Mehr gibts nicht. Mehr können sie noch nicht. So wird der Skandal-Hardrock von einst zur Kuschelnummer der Vorpubertären von heute, und mir dämmert: Xylophon, Tamburin und Triangel haben keine Chance gegen Guitar, Drums and Vocals. Auch wenn das Können vergleichbar ist.

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Und so tut sich in diesem Konzertsaal unter dem Dach eines unscheinbaren Primarschulhauses eine Wahrheit auf, die keine noch so stringente Analyse je so klar vermitteln konnte: Wer die richtigen Mittel und die richtige Pose wählt, hat Erfolg. Egal, wie schlecht er ist.