Früher, als die drei Fernsehsender DRS, ARD und ZDF noch genügten, da arbeitete einer tagsüber etwa als Automechaniker und liess sich jeden Abend von Paul Spahn die Welt vorführen. Für die jüngeren Leser: Paul Spahn war ein Mann mit einem lieben Gesicht und 26 Jahre lang der Sprecher der «Tagesschau». Das ist lange her: Paul Spahn ist gestorben, und den Beruf Automechaniker gibt es auch nicht mehr. Heute heisst das Mechatroniker.

Damals reichte ein «Tagesschau»-Sprecher noch für ein Vierteljahrhundert. Und eine Ausbildung fürs ganze Leben. Das ist heute nicht mehr so. Aber man tut noch so.

Sonst hätte der Quereinsteiger nicht so einen miserablen Ruf. Quereinsteiger als Lehrer? Du meine Güte! Ein Quereinsteiger wird allenfalls Detektiv oder Buschauffeur. Kein Schulleiter, der noch alle Tassen im Schrank hat, würde als erste Wahl einen Quereinsteiger einstellen. Quereinsteiger – das klingt nach Nichtschwimmer, erinnert an Quersumme und riecht nach Querulant. Dabei sind wir fast alle immer öfters Quereinsteiger und ist das Universum voll davon.

Nehmen wir den Kuckuck. Er beginnt sein Leben gewissermassen als Quereinsteiger. Und was sind wir nicht in der Primarschulzeit mit dem eigensinnigsten aller Quereinsteiger geprügelt worden, dem Schmetterling, der seine Karriere als garstige Raupe startet.

Carla Sarkozy hat auch nicht als First Lady angefangen, sondern als Sängerin von Schmonzetten. Ist sie deswegen eine schlechte Präsidentengattin? Niemand wirft Niki Lauda, einem erfolgreichen Flugunternehmer, sein früheres Leben als Formel-1-Pilot vor. Christoph Blocher ist als junger Spund weder als Unternehmer noch als Bundesrat in die Welt hinausgestapft, sondern als Landwirt.

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Die Politik ist überhaupt ein Eldorado für Quereinsteiger. Ronald Reagan, ein Schauspieler, wurde amerikanischer Präsident. Jimmy Carter, ein Erdnussfarmer, und George W. Bush, ein Playboy, ebenfalls. Das Quereinsteigen ist da schon fast Bedingung. Wer wollte es also Simonetta Sommaruga, der Bundesratskandidatin, übelnehmen, dass sie als Konzertpianistin begonnen hat?

Auch die Geschichte kennt den Quereinsteiger. Niklaus von Flüe, besser bekannt als Bruder Klaus, begann seine Laufbahn ja nicht als Star-Einsiedler. Er stieg ein als Offizier, wurde Landwirt, zeugte nebenbei zehn Kinder, kehrte ihnen den Rücken und wechselte erst dann auf die Eremiten-Schiene.

Ein Leonardo da Vinci, muss man vermuten, würde heute als Maler keinen Auftrag bekommen. Dem Mann würde sein Vorleben als Bildhauer, Anatom, Mechaniker und Ingenieur um den Bart gehauen werden. Das sollte uns zu denken geben.

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Es gibt sogar Erfindungen, die gewissermassen quer eingestiegen sind. Ecstasy, die Kuscheldroge, kam als Schlankheitspille auf den Markt. Als solche erwies sie sich als grottenschlecht. Doch die Nebenwirkung war berauschend.

Der Gotthard war zur Römerzeit das Dornröschen unter den Pässen. Bedeutender waren Septimer und Julier. Also entschloss sich der alte Brummbär im mittleren Alter, umzusatteln und die Laufbahn als Mythos zu ergreifen. Und er hätte als Experte das folgende Wort wohl anstandslos bestätigt: «Steile Gegenden lassen sich nur durch Umwege erklimmen.»

Das hat ein gewisser Johann Wolfgang von Goethe geschrieben, Strassenbaubeamter im Herzogtum Weimar. Auch so ein Quereinsteiger.