Erst jetzt fällt mir auf, dass ich umgeben bin von lauter Leuten um die zwanzig – und das an diesem Konzert: Die Band habe ich zum ersten Mal live  gesehen, als der Rest des Publikums noch in die Hosen gemacht hat. Die Gitarren krachen, Rauch vernebelt die Sicht. Ein bisschen wie damals. Nur dass ich heute die Musik mit halb so alten Menschen teilen muss, die keine Ahnung haben von dem, was auf der Bühne passiert.

Das Lied, das gerade gespielt wird, ist nur auf der B-Seite einer Single von 1982 erschienen. Das weiss wohl kaum jemand hier drin. Den Kids müsste man erst erklären, was eine B-Seite ist. 45 Umdrehungen pro Minute? Nein, das ist nicht die Drehzahl von Papas Zweitwagen. Was hat die nur an diesen Punkrock-Abend verschlagen? Nun ja, wenn sie ihren Spass dabei haben, denke ich mir – und frage mich sofort, über mich selbst erschreckend: Sind das die ersten  Anzeichen von Altersmilde? Während alle auf der Oberfläche der Musik rumhopsen, versuche ich, leicht mit dem Kopf nickend in die Tiefe der Geschichte zu tauchen. Die andern johlen los, sobald die Musik stoppt – und nehmen damit einer Pause mitten im Song jegliche Spannung. Sie klatschen sogar mit, als seien sie an einem DJ-Bobo-Unterhaltungsabend. Dabei begehrt hier Musik auf gegen Zustände, mit denen die sich bereits abgefunden haben.

Vor mir unterhalten sich zwei Kids lauthals über ihre jüngste Facebook-Unterhaltung. Hallo? Dort vorne spielt die Musik! Fast wäre mir diese witzige Textvariation in der zweiten Strophe entgangen. «Geht doch in die Disco», denke ich. «Oder hockt mit euren Laptops in eine Lounge und zählt am Bildschirm eure Freunde.» Neben mir witzeln zwei über die grauen Haare des Schlagzeugers – jetzt hört der Spass aber langsam auf!

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Dann passierts wieder. So ein Lümmel versetzt mir einen heftigen Stoss. Von Entschuldigung keine Spur. Machen die das alle so? Bin ich denn der Einzige hier, der weiss, wie man sich aufführt? Nämlich so wie damals, als die Eingangskontrollen noch humaner waren, von den Preisen ganz zu schweigen: Man tippt höflich auf eine Schulter und sagt: «Lass mich kurz vorbei.» Man verbiegt sich und windet sich, um reibungslos durchs Gedränge zu kommen und dann vor der Bühne die Sau rauszulassen. Auch an einem Rockkonzert kann man etwas Rücksicht und Respekt verlangen.

Jetzt will ichs wissen. Ich remple mich – allen Anstand unterdrückend – nach hinten an die Bar. Ich bin ja kein Spiesser, der sich nicht anpassen kann. Und tatsächlich: kein böser Blick, kein Zurückstupfen, gar nichts. Und zugegeben, man kommt so richtig schnell vorwärts.

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Am Ende des Konzerts quetschen sich Hunderte nach draussen. Ich mittendrin, zielstrebig und ruppig vorwärtsdrängend. Die wollen das ja so. Kurz vor der Tür bremst eine junge Frau neben mir ab und weist höflich Richtung Ausgang. «Gehen Sie nur vor», sagt sie. Na toll, jetzt werd ich auch noch gesiezt!