Es begab sich zu der Zeit, da alle Welt noch ins wenig flexible Medium Stein meisselte, dass der Herr seinen Knecht Moses auf den Berg Sinai rief, um daselbst ein ernstes Wörtchen mit ihm zu reden. Der Herr sah die Notwendigkeit schriftlicher Abmachungen – und dass Moses nicht mehr der Jüngste war. Mehr als zwei Gesetzestafeln konnte dieser also nicht tragen. Dennoch sollte es kein Problem sein, seine 40 Gebote dort unterzubringen, deuchte den Herrn. Denn siehe, 40 war seine Lieblingszahl, und es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn ein Allmächtiger nicht seine Anliegen auf zwei Tafeln sauber auf den Punkt bringen könnte…

Tja.

Es kam zu einem Platzproblem, das mit energischerem Redigieren vermeidbar gewesen wäre. Ein Beispiel: «Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des Herrn deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der Herr den Sabbattag und hei­ligte ihn.» Gewiss, juristisch wasserdicht. Kein Schlupfloch für Tochter, Vieh und Fremdling. Aber es liest sich wie das Kleingedruckte in allgemeinen Geschäftsbedingungen. Mit Verlaub: Ein souveräner Gott formuliert sein Machtwort anders.

Kaum war die umständliche Sabbat­geschichte verewigt, sah der Herr, dass es so nicht weitergehen konnte. Und fiel in ein Stakkato: «Du sollst nicht töten. Du sollst nicht ehebrechen. Du sollst nicht stehlen.» Je vier Worte nur, keine Recht­fertigungen, keine Zusatzklauseln! Biblisch schlicht wie aus dem Lehrbuch, einerseits. Andererseits ist die Vorahnung des Autors, dass es eng werden könnte mit seinen 40 Geboten, nicht zu übersehen. Sie trog nicht: Nach dem zehnten Gebot war auch die zweite Tafel voll.

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Wichtig: Das Bleib-locker-Gebot

Jammerschade. Es wäre erfreulich gewesen, wenn der Allmächtige noch ein paar andere Dinge ein für allemal hätte regeln können. Was genau für die Gebote Nummer 11 bis 40 vorgesehen war, ist ja nun gerade nicht überliefert. Aber wer davon ausgeht, dass auch die versäumten Gebote dazu gedient hätten, unser Zusammen­leben zu erleichtern, liegt damit sicher nicht falsch.

Dieser Tage zum Beispiel vermisste ich folgendes Gebot: Du sollst im Tram nach dem Einsteigen den Türbereich freigeben und weitergehen, damit dein Nächster auch noch Platz finde.

Praktisch wäre auch dieses gewesen: Du sollst den Tag des Herrn nicht ent­weihen, indem du um fünf Uhr morgens Schnee räumest, so dass die Schaufel auf dem Asphalt kratzet. Das sollst du vor allem dann nicht tun, wenn es noch schneit und sowieso niemand so früh aus den Federn will.

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Im Sommer dürfte übrigens gern das Am-Wochenende-sollst-du-den-lärmenden-Rasenmäher-ruhen-lassen-Gebot zum Tragen kommen.

«Du sollst genügend Mohnbrötchen backen, so dass es nicht um 9 Uhr schon keine mehr gibt» – das Bäckergebot – hätte bestimmt auch seine Anhänger gefunden. Oder erst das Damentoilettengebot, das einem verbreiteten Mangel dauerhaft abgeholfen hätte! Das Dränglergebot! Nicht zu vergessen eines der wichtigsten Gebote überhaupt, das Bleib-locker-Gebot: «Ich, der Herr, sage dir: Du sollst alles nicht so eng sehen!»

Das allerbeste der versäumten Gebote, und zwar gerade aus Sicht des Beobachters, aber wäre natürlich… – doch, ach, siehe, jetzt ist die Seite voll.