Vor 25 Jahren hätte die Sache ganz anders ausgesehen. Damals war ich mit ihr im Kindergarten. Eines Tages tauchte ihre Mutter auf und beschwerte sich, wir würden Manuela gängeln, hänseln und triezen. Eigentlich wars schlimmer. Wir quälten sie täglich. Wir schubsten sie ins Gebüsch, klauten ihr Znüni und zogen an ihren fettigen Haaren. Selten ohne Vorwand, meistens ohne Grund. Einmal habe ich ihrem Stofftier den Kopf abgerissen, keine Ahnung warum. Das war so ein kleiner rosa Plüschhund. Meine Mutter musste Fiffi dann wieder zusammenflicken.

Und nun, ein Vierteljahrhundert später, sitzt Manuela an Kasse drei und versucht, mir meinen Samstageinkauf zu vermasseln.
«Siehst du nicht?! Saïda will in die Pause», knurrt sie und schiebt sich eine saftige Strähne aus dem Gesicht. Tatsächlich hat ihre Kollegin gerade das «Kasse geschlossen»-Schild aufs Transportband gelegt. Saïda ist meine Lieblingskassiererin. Es gelingt kaum einer Supermarktangestellten, die Uniform ihres Arbeitgebers mit Würde zu tragen. Saïda tut es mit Anmut. Edle Haltung, nettes Lächeln – Grazie ohne Eitelkeit. Niemand sieht mit dem unternehmensfarbigen Foulard besser aus. Seit Jahren nehme ich ihretwegen jede Woche ein paar Kilometer mehr unter die Räder. Und egal, wie lange die Schlange ist, ich stelle mich immer an Saïdas Kasse an.

Das personifizierte schlechte Gewissen

«Du musst bei mir bezahlen!», grunzt Manuela. Ich werfe Saïda einen flehenden Blick zu. Ich kann nicht darauf beharren, von ihr bedient zu werden, das würde die feine Beiläufigkeit unserer Begegnungen vernichten.

Der süsschemische Geruch der Süssigkeitenauslage steigt mir in die Nase. Die Supermarktkasse ist seit je ein Hort verwehrter Versuchungen. Schleckzeug, Spielzeug, Heftli – hier hiess es schon immer Nein, wenn ich etwas wollte. Damals war ich klein und ich wollte Kaugummi, jetzt bin ich gross und ich will zu Saïda. Und Manuela lässt mich nicht. «Na dann ein andermal wieder», säuselt Saïda und schwebt davon.

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Mein Kiefer krampft. Ich schiebe meine Einkäufe rüber zu Manuelas Kasse. Während sie die Artikel scannt, gehen mir lauter Gemeinheiten durch den Kopf, geschehene wie ungeschehene. Diese Frau ist mein personifiziertes schlechtes Gewissen. Wahrscheinlich kann ich sie deshalb noch heute nicht leiden. Eigentlich kindisch.

Ich sollte mich bei ihr einfach für all die Streiche entschuldigen, irgendwann. «Schönes Wochenende!», trötet Manuela. Nächste Woche vielleicht. Ich schiebe meinen Wagen von dannen.

Auf dem Parkplatz neben dem Personaleingang steht Manuelas alter Fiat. Die Karosserie ist abgeschossen und verbeult, die Sitze sind zugemüllt. Am Rückspiegel baumelt irgendein schmuddeliges Plüschtier. Ross wie Reiter, denke ich.
Moment. Ein wohliger Schauer kriecht über meinen Rücken. Kann das sein? Ich schiebe meinen Einkaufswagen zur Fahrertür und äuge hinein. In den speckigen Plüschfasern schimmert ein blasses Rosa. Kein Zweifel, er ist es. Der Wagen ist unverschlossen. Lange nicht gesehen, was Fiffi? Lange nicht gesehen...

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