Der Türke lässt das Messer geschickt durch die Finger wandern. Die Klinge wirft helle Flecken in den Raum und lässt sie über die Tapete huschen. Erinnerungen drängen in mein Bewusstsein. Die Apfelbäume in unserem Obstgarten. Das Seifenkistenrennen. Die Maturreise nach Prag. Es stimmt also: Das Leben zieht noch einmal an einem vorbei.

Aus einem kleinen Transistorradio scheppern arabische Harmonien. Sonst ist es still. Der Türke grinst. Wie konnte ich mich nur auf diese Scheisse einlassen?

Schuld ist nur der Dachshaarpinsel. Wenn sich mein Vater rasierte, stand ich neben ihm auf der Toilette und drückte mir den schaumigen Pinsel ins Gesicht. Pinsel und Klinge symbolisieren das ganze Spektrum wahrer Männlichkeit: von sanft wie Schaum bis hart wie Stahl, jedes zu seiner Zeit. Eines Tages, dachte ich damals, macht die Rasur auch mich zum Mann. Nicht der elektrische Rasierer, natürlich. Richtige Kerle – Väter, Cowboys, Kriegsreporter – zähmen ihren Bart mit einer Nassrasur.

Doch über die Jahre hat das Rasieren seinen Glanz verloren, ist zur täglichen Mühsal und Routine verkommen. An diesem Punkt kann einzig die Königsdisziplin der Körperpflege helfen: Nassrasur mit dem offenen Messer.

Die Klinge, die über die nackte Kehle gleitet, lässt einen die eigene Vergänglichkeit erahnen.

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Ein Mann ist kein Mann, ehe er sich einmal mit hartem Stahl die Gurgel schaben lässt. Deswegen entblössen die meisten gern am Morgen der Hochzeit einem Fremden ihre Kehle. Noch einmal Mann unter Männern sein.

Zwei Kerle und ein Messer

Kleine Coiffeusen und lauwarme Haarkünstler haben mit so was nichts zu schaffen. Barbieren ist ein Ritual – zwei Kerle, ein Messer und ein Nichtangriffspakt. Sich auf diese Weise auszuliefern ist eine Frage des Mutes. Der Ehre. Für so was geht man nicht zum Friseur. Für so was geht man zum Türken.

Also bin ich hier. Samstags sitzen in Yusufs Lokal immer ein paar Typen: dunkle Haare, dunkle Augen, dunkler Kaffee. Männer, keine Latte-macchiato-Weicheier. Ihr Gespräch ist verstummt.

Der Türke wedelt mit dem Messer. Der Stahl blendet.

Warum zum Teufel bin ich hergekommen? Ich heirate ja gar nicht. Und ist nicht der Dreitagebart das Männlichkeitssymbol schlechthin? Yusuf kommt auf mich zu. Wieder jagen Bilder durch meinen Kopf: Die Minarettabstimmung. Das Fussballländerspiel in Istanbul. Die Kreuzzüge. Das wars.

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Im Lichtschacht flackern die Schatten der Passanten. Ein paar Meter weg nur geht das Leben weiter. Yusuf hält mir das Messer vors Gesicht: Der Stahl blendet. «Was willst du?», fragt er. Ich will leben! Nicht sterben!

«Waschen und schneiden», sage ich. «Natürlich», sagt der Türke und legt das Rasiermesser weg. «Kaffee? Wir haben auch Latte macchiato.»