Schneeschuhwandern ist zum Synonym für genussvollen Wintersport geworden. Aber wer stapft eigentlich durch den Tiefschnee, um die Routen auszustecken? Wir haben den Mann ausfindig gemacht, der im Appenzellerland Jahr für Jahr die pinkfarbenen Pfähle in den Schnee rammt. Kurz vor Beginn der Saison erzählt er uns, warum er diesen Job so liebt.

Zur Person

Patric Hautle ist seit 2010 Wegmacher in Appenzell Innerrhoden. Er betreut hauptberuflich 300 Kilometer Wanderwege.

Quelle: Renato Bagattini swiss-image.ch

Beobachter: Der November gehört zu den wärmsten und trockensten seit langem. Im Appenzellerland hat es wahrscheinlich auch noch nicht heruntergeschneit ...
Patric Hautle: Halt, halt – in Sonnenhalb, wo ich wohne, fielen bereits im Oktober ein paar Flocken. Und etwas weiter oben, auf 1400 Metern, hatte es sogar 20 Zentimeter. Aber der Schnee blieb natürlich nicht liegen. Zum Glück, denn ich musste auch noch in den Alpstein hinauf, um die Seile abzulegen.

Beobachter:
Wie bitte?
Hautle: Steile Wanderwege sichern wir mit Seilen. Die nehme ich im Winter aus der Halterung und lege sie auf den Boden, damit sie von der Schneelast nicht beschädigt werden.

Beobachter: Und wann markieren Sie die Schneeschuhrouten?
Hautle:
Normalerweise hat es Mitte November genug Schnee. Dann belade ich mit einigen Helfern einen Rettungsschlitten mit Pfählen. Wir schnallen uns die Schneeschuhe um, gehen die Route ab und setzen alle 50 Meter einen Pfahl. Letztes Jahr hat es uns erwischt: Es hat erst im Dezember geschneit, aber dann grad so viel, dass wir bis zum Hals im Schnee «versoffen» sind.

Beobachter: Sie haben es trotzdem geschafft?
Hautle: Irgendwann, ja. Während wir uns mit dem Spuren abmühten, ging direkt hinter uns die erste Gruppe Schneeschuhwanderer. Denen wäre es nicht in den Sinn gekommen, auch mal vorauszugehen. Die wussten schon, wieso. (Lacht)

Beobachter: Ist das Schöne am Schneeschuhwandern nicht gerade, dass man seine eigene Spur in den Schnee ziehen kann?
Hautle: Bei idealen Verhältnissen ist das natürlich der Reiz. Aber wenn 60 oder mehr Zentimeter Schnee liegen, dann geht man lieber in einem Schneekanal.

Beobachter: Wie wissen Sie beim Markieren, wo die Route durchgeht? Arbeiten Sie mit GPS-Daten?
Hautle: Nein, ich kenne die Strecken auswendig, sie folgen den Sommerwanderwegen. Das mache ich so, damit sich die Wanderer im Winter keine Wege angewöhnen, die im Sommer dann über einen Acker führen.

Beobachter: Haben Sie beim Ausstecken schon mal ein Schneebrett oder eine Lawine ausgelöst?
Hautle: Nein, es gibt höchstens einige zugeschneite Bäche, die ich meiden muss.

Beobachter: Was macht den idealen Schneeschuhtrail aus?
Hautle: Bei uns gibt es leichte, mittlere und schwierige Routen, die sich unterscheiden, was Länge und Steilheit angeht. Gemeinsam ist ihnen, dass sie nicht sehr weit hinaufführen, so droht niemals Gefahr durch ein Schneebrett oder gar eine Lawine. Zudem muss das Wild geschont werden, da sind die Auflagen rigoros. Letztes Jahr haben die Leute vom Tourismusamt, die für die Routenführung zuständig sind, dem Wildhüter fünf neue Routen vorgeschlagen – er hat nur eine bewilligt.

Beobachter: Welche Rolle spielt die Aussicht als Kriterium? Muss sie immer top sein?
Hautle: Die Routen führen nie entlang der Skipiste, sondern durch Hügelgebiet, da ist die Aussicht eigentlich immer schön. Es wurde schon diskutiert, eine Route aufzuheben, die ein paar Stunden durch den Wald führt. Aber man kam davon ab. Auch das Eintönige hat seinen Reiz. Als Wegmacher geniessen Sie das Gastrecht in den Berghütten. Das klingt nach einem Traumjob. Für mich ist es das tatsächlich. Ich kann den ganzen Tag Dinge tun, die ich schon als kleiner Bub gern getan habe. Die Wirte unterstützen uns übrigens mit ihrer Gastfreundschaft – und oft auch tatkräftig –, weil sie auf gut präparierte Wege angewiesen sind.

Beobachter: Ihre Lieblingstour?
Hautle: Ich mag die Tour vom Gontenbad über Scheidegg, Kronberg und Ahorn zum Lehmen am liebsten. Eine anstrengende Tagestour. Wer es etwas lockerer mag, der soll eine Route auf den Fänerenspitz wählen, von dort aus sieht man über die ganze Region.

Anzeige

Ausflugstipp:

Zuhinterst im Val d’Anniviers liegen die Eishöhlen am Fusse des Zinalgletschers. Der Walliser Bergführer Stéphane Albasini hat sie 1996 zufällig entdeckt. Ab Mitte Dezember führt er Schneeschuhwanderer während einer rund sechseinhalbstündigen Tour zum Gletscher und 100 Meter ins Innere. Dort wartet kein von Menschenhand geschaffenes Skulpturen-Disneyland wie in anderen Eisgrotten – sondern ein echtes, blaues Naturwunder.

Quelle: Renato Bagattini swiss-image.ch