Beim Start hat er noch rasch einen Boneless auf den Asphalt gelegt. Jetzt slidet Tommy Ludwig, Downhiller aus Arosa und gemäss Selbsteinschätzung «eine Wildsau», mit Tempo um die Kurve, geduckt für einen Tailgrab. Dann erhebt er sich zum beschwingten Cruisen durch ein wohlhabendes Villenquartier in Zürich. Am Ende der Strasse bremst er das Brett mit einem scharfen U-Turn ab und streckt den Daumen in die Höhe: Der fabrikneue Prototyp, den er gefahren hat, hat den ersten Test bestanden.

Glossar
zum Skaten:
Boneless: Sprung mit dem Rollbrett, das mit der Hand festgehalten wird
Sliding: Rutschen bei Kurvenfahrten
Downhill: Schussfahrt auf steilen Strassen – die Königsdisziplin
Tailgrab: Griff mit der Hand an den hinteren Teil des Bretts
Cruising: entspannte Fahrt in aufrechter Haltung
U-Turn: enge 180-Grad-Kurve
zum Skateboard:
Deck: die Plattform des Skateboards
Shape: die Form des Bretts
Griptape: Sandpapier, das für eine bessere Rutschfestigkeit aufs Brett geklebt wird
Trucks: die Achsen; je schmaler der Radstand, umso besser die Eignung für enge Kurven
Wheels: die Räder, in verschiedenen Grössen und Härten mit dem Schaumleim Polyurethan hergestellt
Cushions: Gummi-Komponenten bei den Achsen, dienen zur Steuerung und als eine Art Stossdämpfer
 

Mark Farner, dem das Handzeichen des Testfahrers gilt, braucht diese Übersetzung nicht. Der 45-jährige Stadtzürcher spricht selber in diesem eigenartigen Sprachmix, das englische «r» mit der Zunge im Gaumen geformt. Er gehört zum Inventar der hiesigen Skateboardszene, die sich unterteilt in Trickfahrer mit ihren kleinen, harten Brettchen und Slalomfahrer, die auf elastischen Boards über die Strasse wedeln.

Farner, ursprünglich Sportlehrer, gehört zur zweiten Fraktion – seit es sie hierzulande überhaupt gibt. Ende der siebziger Jahre wurde er «vom Virus befallen», wie er sagt. Und bereits 1984, als die Schweiz noch eine reinrassige Ski-Nation war, startete Farner unter dem Markennamen Radical mit der Fabrikation eigener Snowboards. 1987 kamen die Skateboards hinzu, gleichsam als Ersatzdroge für die schneelose Zeit. Die Kleinserien des Pioniers, allesamt handgefertigt, geniessen unter den Eingefleischten Kultstatus.

«Ich bin auf der Suche nach dem perfekten Gleiten.» Davon ist Farner beseelt, seit er sich als 20-Jähriger in Mexiko im Wellenreiten versuchte und dabei «dieses unvergleichliche Gefühl im Magen» spürte. Deshalb hat Farner seinen Produkten auch den Namen Radical gegeben, gemünzt auf den ursprünglichen Wortsinn: zurück zu den Wurzeln, zum Ursprung.

Ein trüber Frühlingstag im Zürcher Stadtteil Wollishofen, es ist kühl und windig, Autos und Züge lärmen unablässig; die Strände Mexikos könnten weiter weg nicht sein. In der Radical-Werkstatt wird ein weiterer Versuch unternommen, die Kunst des geschmeidigen Asphaltsurfens zu vervollkommnen. Der Ort, an dem ein hippes Produkt für eine ebensolche Szene entsteht, ist nüchtern: Wie in einer gewöhnlichen Schreinerei stapeln sich Holzblätter, in der Luft hängt der Geruch von Leim, irgendwo dudelt ein Radio.

Werkstattchef Sacha Löffel – selbstredend ein angefressener Skater – macht sich an den Bau eines Prototypen, der bald getestet werden und im kommenden Jahr in Produktion gehen soll. Radical-Bretter entstehen in der Sandwichbauweise: Der Kern aus Eschenholz wird beidseits mit mehrlagigen Fiberglasgeweben verleimt. Mit einem speziellen Epoxidharz wird dieser so genannte Ober- und Untergurt laminiert, ehe das Konstrukt, auf 60 bis 80 Grad aufgeheizt, in die Presse kommt.

Drei Stunden lang wirken 60 Tonnen Gewicht auf die schmale Planke aus Holz und Fiberglas und geben ihr die leicht gebogene Form, die das Brett nicht mehr verlieren wird. Diese Biegung ermöglicht das, worauf es bei den Slalom- und Longboards, wie die über 80 Zentimeter langen Modelle genannt werden, letztlich ankommt: den Flex, den physikalischen «Motor» des Skateboards. Drückt der Fahrer in der Kurve das Brett mit seinem Gewicht durch, baut sich eine Spannung auf, die sich durch das Zurückschnellen des Boards entlädt – und für Schub sorgt.

Eine Wissenschaft für sich

Anzeige



Dann kommt der Rohling aus der Presse, und das Deck erhält seinen Shape, indem Sacha Löffel es nach einer Schablone ausfräst. Und noch ehe auf das Skateboard made in Wollishofen Griptape, Design und Lackierung aufgetragen und die Trucks mit den Wheels und den Cushions montiert werden, hat es auch der Werkstattbesucher gemerkt: Die Sache mit dem Brettchen und den vier Rollen drunter, das ist eine Wissenschaft für sich.

Mark Farner kann sich ins Feuer reden, wenn es um Dinge geht wie die Verwindungseigenschaften eines Decks, die Vorteile einer zusätzlichen Karbonschicht oder die Langlebigkeit seiner Produkte: «Ein neues Radical-Board brauchst du erst, wenn dir dein altes geklaut wurde.» Oder wenn der Düsentrieb der Branche ein neues auf den Markt wirft. «Im Kopf ist schon alles parat, da bin ich zwei Jahre voraus», sagt Farner, der lange an der ETH vor angehenden Sportlehrern über das Thema «Rollen und Gleiten» doziert hat. Sein Wissen entstammt der eigenen Erfahrung: «Weil ich von der Fahrerseite komme, entwickle ich rein funktionell; ich weiss genau, womit welcher Effekt erzielt wird.»

In der Schweiz werden jährlich etwa 75000 Rollbretter abgesetzt. Zum grössten Teil herkömmliche Streetboards, meist billige Importprodukte aus den USA und Asien, mit denen über Rampen gesprungen und an Geländern getrickst wird. Im Unterschied dazu sind die Slalomboards, auf die sich die hiesigen Nischenproduzenten konzentrieren, in erster Linie ein Fortbewegungsmittel im Nahverkehr.

10000 Slalomfahrer in der Schweiz



Branchenleader in diesem Segment mit etwa 2000 verkauften Brettern ist Indiana, ein Kleinunternehmen aus Wald im Zürcher Oberland. Von Mark Farners Radical-Boards, die zwischen 350 und 400 Franken kosten, gingen im letzten Jahr 500 Stück über den Ladentisch. Mit etwa gleich vielen verkauften Snowboards – mit einem Stückpreis von rund 1500 Franken in der oberen Preisklasse – lässt es sich für Farner und seine beiden Festangestellten ordentlich leben. «Es gibt einen anständigen Schreinerlohn», schmunzelt der Chef.

Das war nicht immer so. Jahrelang werkelte Pionier Farner im Keller seiner Grossmutter an Snow- und Skateboards herum, musste sich mit Nebenjobs über Wasser halten, als Boardinstruktor oder Entwickler für grosse Firmen. 1999 wurde seine damalige Werkstatt am Zürichsee überschwemmt, der damals 39-Jährige war finanziell am Boden. «Ich hatte die Wahl: aufgeben oder alles auf eine Karte setzen.»

Weil er das perfekte Gleiten noch nicht gefunden hatte und ihn seine Kunden ermunterten, entschied sich Farner fürs Weitermachen, baute ein Netz von Freelancern auf und schuf professionelle Strukturen für Marketing und Vertrieb. Für künftiges Wachstum bei Radical sollen die Skier sorgen, in die der Tüftler sein Wissen aus der Boardentwicklung gepackt hat.

Auf der Rollbrettstrecke am noblen, verkehrsberuhigten Zürichberg ist der Blick in die wirtschaftliche Zukunft freilich kein Thema. Nostalgie ist angesagt: Hier, im Quartier Rigiblick, wo eine Drahtseilbahn der Skateboardgemeinde als eine Art Skilift dient, ist Farner schon als Jugendlicher über den Asphalt gesurft. Fast 30 Jahre später lässt er es beim Kurven auf der Strasse und in einer leeren Tiefgarage verglichen mit seinem wilden Testfahrer Tommy Ludwig zwar ruhiger angehen, doch es ist offensichtlich: Die Lust am innerstädtischen Wellenreiten ist ungebrochen.

Überhaupt hat sich das Skateboarden, oft totgesagt, als ewiger Trend gehalten. Auf 10000 Leute, das Gros davon ein Vierteljahrhundert jünger als der Meister, schätzt Farner die hiesige Gemeinde der Slalomfahrer. Damit ist die Schweiz einsam in der Vorreiterrolle. Deutschland und Frankreich ziehen langsam nach, wogegen das Slalomboarden im Ursprungsland USA, wo die Disziplin in den siebziger Jahren ihre Blütezeit hatte, weitgehend von der Bildfläche verschwunden ist. Der Rollbrettpionier aus Zürich kanns nicht recht begreifen: «Irgendwie checken die es nicht, welch geiler Lifestyle das ist.»

Quelle: Stefan Jäggi
Anzeige