Bei Videospielen gabs bisher einen klaren Sieger: den Elektronikgiganten Sony. Der Marktanteil seiner Spielkonsolen Playstation One und Playstation 2 liegt bei über 70 Prozent in Europa. Und das in einem lukrativen Geschäftsfeld: Weltweit beträgt der Umsatz mit Konsolen, Zubehör und Spielprogrammen gegen 50 Milliarden Franken. Allein in der Schweiz sind zurzeit schätzungsweise 600000 Konsolen im Gebrauch.

Sonys Dominanz gerät nun aber ins Wanken. Gleich zwei Konkurrenten blasen zum Angriff auf die Festung: Im Mai stellt Nintendo in Europa der Playstation 2 seine Spielkonsole der nächsten Generation entgegen, den Gamecube. Und bereits Mitte März begann Microsoft mit der neuen Xbox die Belagerung. Schiedsrichter dieses Spiels um Spiele sind die Konsumenten, ob Hardcoregamer oder Gelegenheitsspielerinnen.

Die besten Karten hat auf dem Papier die Xbox von Microsoft. Der Software-Riese trimmte PC-Komponenten auf die speziellen Anforderungen von Spielprogrammen. Das Resultat ist eine sehr grosse, sehr schwere, sehr schwarze Kiste, die mit schnellen Prozessoren und Grafikchips die seit zwei Jahren unverändert produzierte Playstation 2 in Sachen Grafik und vor allem Sound in den Schatten stellt: Im Standbildmodus sind ihre Texturen und 3-D-Figuren noch schärfer und detaillierter, und sie kann noch realistischeren Raumklang verbreiten.

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Zudem ist bei der Xbox ein Netzwerkanschluss eingebaut, der das Spielen im Internet ermöglichen wird – bislang eine Domäne der Computer. Bei Sony ist ein entsprechendes Erweiterungsmodul für die Playstation 2 erst angekündigt. Ferner dreht sich in der Xbox – erstmalig für eine Spielkonsole – eine Festplatte, auf der nicht nur Spielstände, sondern auch weitere Spiellevels und Musik gespeichert werden können. Und schliesslich erlaubt es die Xbox vier Personen, miteinander oder gegeneinander zu spielen – bei der Playstation sinds nur zwei.

Ueber 200 Franken teurer
Diese Vorteile haben allerdings ihren Preis: Gegenwärtig kostet die Xbox ohne Spiele regulär 699 Franken. Die Playstation 2 gibt es im Discount dagegen bereits ab 450 Franken; zudem findet man zahlreiche kostengünstige Schnäppchen mit Konsole und mehreren Spielen.

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Nintendos Gamecube, Nachfolger der bekannten «Pokémon»-Konsole Nintendo 64, ist das pure Gegenteil der Xbox: winzig klein. Das hat allerdings den Nachteil, dass nur ein Mini-DVD-Laufwerk für die Spielemedien Platz hat. Die Xbox und die Playstation 2 dagegen haben fürs Einlesen der Programme ein ausgewachsenes DVD-Laufwerk an Bord und können damit auch DVD-Videos abspielen – die Xbox allerdings nur mit separatem Zubehör (zirka 100 Franken).

Leistungsmässig liegt der Gamecube zwischen den Konkurrenten – zumindest theoretisch. Doch in der Praxis erreicht die Grafik gerade mal die Qualität der Playstation 2. Die Stärken des Gamecube liegen vielmehr beim Anschluss der Gamecontroller: Nicht nur, dass vier Personen gleichzeitig spielen dürfen; sie können dafür auch Nintendos Gameboy Advanced verwenden. Dies ermöglicht den Spieleprogrammierern die Erweiterung der Spielfläche auf die Taschenkonsole – und damit völlig neue Spielideen. Dank eingebautem LCD-Monitor macht der Cube zudem als Einziger auch ohne Fernseher und mobil Spass. Und das zu einem voraussichtlichen Einführungspreis von nur 400 Franken (ohne Spiele). Die Netzwerkanbindung gibts auch hier als Zubehör.

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Entscheidend für den Erfolg einer Spielkonsole sind jedoch weniger die technischen Werte als vielmehr der Spassfaktor, also die Spiele. Und hier liegt die stark verbreitete Playstation weit in Front. Für die Playstation 2 sind bereits mehr als 200 verschiedene Spiele auf dem Markt; zudem kann sie die über 1000 Programme für die Playstation One abspielen. Für die Xbox dagegen sind derzeit gut zwei Dutzend Spiele verfügbar – meist nur adaptierte PC-Games. Beim Gamecube hat man zum Verkaufsstart voraussichtlich noch weniger Auswahl.

Auch in Bezug auf die Qualität der Spiele ist die Playstation 2 top: Die Programmierer haben sich in den letzten zwei Jahren mit der speziellen Sony-Technik angefreundet und können sich mittler-weile voll auf die Entwicklung spannender Effekte, Geschichten und Handlungsabläufe konzentrieren. Die neu erschienenen Games «Metal Gear Solid 2», «Gran Turismo 3», «State of Emergency» oder «Herdy Gerdy» sind gute Beispiele für diesen Trend.

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Die aktuellen Spiele für die Xbox können in Sachen Unterhaltungswert trotz besserer und schnellerer Grafik (noch) nicht mithalten. «Star Wars Obi-Wan» ist ein biederes Jump-&-Run-Spiel, «Silent Hill 2» stellt kaum Ansprüche an die Geschicklichkeit und kommt zu schleppend in Schwung. Selbst der hochgelobte und preisgekrönte Ego-Shooter «Halo» ist nicht viel mehr als ein Demoprogramm für die Grafikfähigkeiten der Kiste. Da müssen Microsofts Programmschmieden schon noch zulegen, um Playstation-2-Spieler zum Systemwechsel zu bewegen.

Preiskampf zu Weihnachten
In den wenigen derzeit für den Gamecube verfügbaren Spielen trifft man hingegen vor allem auf Altbekanntes und alte Bekannte: Es sind Weiterentwicklungen von Nintendo-64-Spielen und -Charakteren für die neue, bessere Technik des Würfels – «Super Mario», «Donkey Kong», «Pokémon» und Konsorten lassen grüssen. Zudem ist den fantasievoll-kindlichen Programmierern für die Nintendo-Konsolen durchaus der eine oder andere eigenwillige Geniestreich zuzutrauen, so dass der Gamecube zumindest die eingeschworene Nintendo-64- und Gameboy-Gemeinde bei der Stange halten kann.

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Dank der Vielfalt und Qualität der Spiele, dem moderaten Preis und der grossen Verbreitung, die den Spieletausch unter Freunden erleichtert, wird die angejahrte Playstation 2 jedenfalls nicht so schnell ihre führende Position einbüssen. Trotz modernerer Technik und teurer Werbekampagnen der Konkurrenten.

Interessant wird es im Herbst, wenn erstens weitere, bessere Spiele für die neuen Konsolen verfügbar und zweitens die «Profispieler», die immer das Neuste haben müssen, bedient sind. Dann müssen die Anbieter im Weihnachtsgeschäft um die Gelegenheitsgamer buhlen, diese für den Umstieg auf ein neues System oder zur Kundentreue überreden. Wer aus dem Trio dabei das bessere Ende für sich behält, darf offen bleiben, weil die Spieler so oder so profitieren: Die Preise für Soft- und Hardware werden fallen – das sind nun mal die Spielregeln des Geschäfts.

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