Heimtückisch quietscht das Türchen, schwingt mit einem leisen Knarren auf. Für den Bruchteil einer Sekunde macht sich Panik breit. Ertappt?

Doch niemand klopft an die Tür und fragt: Was machen Sie an meinem Badezimmerschränkchen? Was tust du da? Schliesslich ist man Gast, auch auf dem stillen Örtchen.

Der unangenehme Gedanke aufzufliegen wie auch das kurz aufflackernde schlechte Gewissen verflüchtigen sich so schnell, wie sie gekommen sind. Stattdessen macht sich leise Befriedigung breit: Das Kästchen ist offen, sein Inhalt schutzlos den Blicken des Betrachters ausgesetzt.

Die Menschheit spaltet sich nach jüngsten Hochrechnungen der Autorin – das Zahlenmaterial stammt aus einer nicht repräsentativen Umfrage innerhalb der Redaktion – in zwei Hälften. Rund 50 Prozent der Zeitgenossen mit Zugang zu fremden Toilettenkästchen frönt ab und an dem Laster des Badezimmerschrankschnüffelns. Männer stehen dabei den Frauen in nichts nach.

Ob Alibert, Schneider oder ein namenloses Produkt in beigem Plastik aus dem Baumarkt: Schätzungsweise vier bis fünf Millionen solcher Badmöbel gibt es hierzulande. Schliesslich hängt in jedem der über drei Millionen Schweizer Haushalte mindestens ein Toilettenschränkchen an der Badezimmerwand – Hotelzimmer nicht mitgerechnet.

Haare, Borsten, Kondome


Glücklicherweise bergen die meisten Badezimmermöbel keine wirklich schrecklichen Geheimnisse wie etwa Jeff Goldblums Toilettenschränkchen im Film «The Fly». Der zur Fliege Mutierende benutzt das Möbelchen nämlich als Zwischenlager für seine während des Umwandlungsprozesses abgefallenen Körperteile.

Weitaus häufiger: Zwei Haare kleben in einem Ölring, den ein Fläschchen mit unbekanntem Inhalt auf dem Tablar hinterlassen hat. Daneben eine halb aufgerissene Packung Wattestäbchen und eine Niveadose. Eine Etage tiefer überzieht eine weisse, pudrige Schicht die Glasfläche im Umfeld des Rasierpinsels, dessen verklebte Borsten starr gen Himmel ragen. Oben in der Ecke schmoren drei Kondome unter der Hitze der Schrankbeleuchtung vor sich hin. Und die Tube Jacutin – das Mittel gegen Filzläuse – verdirbt Frau oder Mann auch beim schönsten Tête-à-Tête die Lust auf den Nachtisch nach dem Nachtisch.

Auch die Zahnprothese in einem Glas voll schlammgrünen Wassers, die nicht ganz zugeschraubte Tube Fusspilzcreme, die Haarbürste, die schon lang eine Reinigung verdient hätte, bieten keinen schönen Anblick. Wer zart besaitet ist, sollte vom Schnüffeln in Badezimmern und Toiletten also Abstand nehmen. Denn vor derlei desillusionierenden Einblicken ins Privatleben seiner Mitmenschen schützt einzig die Bezähmung des Drangs, das vermaledeite Türchen aufzumachen.

Quelle: Balz Murer