Fadri Erni räumt den Rettungsschlitten weg, wischt sich den Schweiss von der Stirn und lächelt erleichtert. «Gerade hatten wir einen Unfall mit einer Gehirnverletzung. Ohne Helm wäre das eine gröbere Sache gewesen.» Erni gehört zum Rettungsteam der Jakobshorn-Bergbahnen in Davos und hilft verunfallten Wintersportlern wieder auf die Beine – oder ins Spital.

Nicht immer verlaufen die Unfälle so glimpflich wie an diesem vorsaisonalen Wintertag. Rund 68000 Personen verunglücken jährlich in der weissen Pracht und müssen einen Arzt aufsuchen. Dies entspricht einem Viertel aller Sportunfälle. Skifahren und Snowboarden gehören somit zu den gefährlichsten Sportarten – Skiferien sind der saisonale Höhepunkt, auch in den Krankenhäusern.

Snowboards und Carving-Skier veränderten das Bild auf den Pisten in den letzten Jahren nachhaltig. Die im Rennsport herrschende Materialschlacht hat auch das Freizeitverhalten auf der Piste verändert. Ist der Speedwachs erst mal aufgebügelt, sind die Pistenflitzer kaum zu bremsen. «Schnellfahrer sind heute mit bis zu 80 Kilometern pro Stunde unterwegs», weiss Monique Walter von der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU). Kommt es zum Zusammenprall, ist dies mit einem Sturz aus 25 Metern gleichzusetzen. Passiert dies mit «nur» 50 Kilometern pro Stunde, bedeutet das immer noch einen freien Fall aus zehn Meter Höhe, bestätigt die von der Suva neu lancierte Kampagne «check the risk».

Schutzausrüstung ist «obercool»

Massenandrang, harter Kunstschnee und Temporausch. Wer Schneesport betreibt, tut gut daran, eine Schutzausrüstung zu tragen. Die BfU appelliert deshalb an alle klugen Köpfe, einen Skihelm zu tragen. «Die schweren Unfälle betreffen meistens Kopfverletzungen», erklärt Monique Walter. Etwa jeder zehnte Unfall, bei Kindern sogar jeder fünfte, führt zu Blessuren am Kopf.

Das Helmtragen gilt deshalb bei der BfU als absolut prioritär. Eine Erhebung aus dem letzten Winter zeigt bei den Snowboardern eine Helmtragquote von 20 Prozent, bei den Skifahrern liegt sie bei 13 Prozent. Ziel der BfU ist es, die Quote bis ins Jahr 2007 bei den Skifahrern auf 20 Prozent und bei den Snowboardern auf 25 Prozent zu steigern.

Die Chancen dazu stehen gut, denn gerade die junge Generation der Wintersportler schützt sich bereits heute mehrheitlich, unter den Snowboardern erfreut sich der Helm sogar grosser Beliebtheit. Die Hose sitzt zwar immer noch tief, aber die Skimütze, bis anhin unverzichtbares modisches Accessoire, wird mehr und mehr vom Helm verdrängt. «Es boomt», freut sich auch Monique Walter.

Dazu beigetragen hat vor allem die Helmindustrie. Die Auswahl steigt Jahr für Jahr, und die Angebote werden immer ausgeklügelter. Die Zeiten, als man mit einem Skihelm auf der Piste als Tiefseetaucher ausgelacht wurde, sind jedenfalls vorbei. «Heute ist es obercool, wenn man im Restaurant die Schutzausrüstung zeigen kann», sagt Monique Walter.

Die Helme haben inzwischen einen bemerkenswerten Tragkomfort. Sie sind leicht (300 bis 500 Gramm), attraktiv (verschiedenste Farben), gut anpassbar (integriertes System zum Verstellen der Kopfgrösse) und schränken weder Hörfähigkeit noch Sichtfeld stark ein.

Lüftungsschlitze, abnehmbare Seitenteile (Ohrenschutz) sowie arretierbare Kinnbügel sorgen für weiteren Komfort und Sicherheit. Die mit integriertem oder ausbaufähigem Kopfhörer ausgestatteten Helme sorgen zudem für den nötigen Zeitgeist auf der Piste und sind besonders bei den Snowboardern beliebt. Für Monique Walter ist zwar klar, dass alles, was die Wahrnehmung stört, beim Fahren gefährlich ist. «Aber will jemand die Ländlermusik am Skilift mit Hip-Hop übertönen, ist das kein Problem», schmunzelt Walter.

Beim Kauf soll darauf geachtet werden, dass der Schneesporthelm die europäische Sicherheitsnorm EN 1077 erfüllt. Um die Etikettierung sind einige Diskussionen ausgebrochen, weil diverse Modelle «nur» die Norm ASTM 2040 oder die EN-Norm 1078 erfüllen, was der hiesigen Velohelm-Norm entspricht. Monique Walter rät zwar dazu, die Etikette zu beachten, fügt aber sogleich an: «Lieber irgendeinen Schneesporthelm als gar keinen.» Kinderhelme gibts ab 60 Franken, ausgeklügelte Kopfschützer kosten bis 400 Franken.

Ausser zum Helm rät die BfU vor allem den Snowboardern, einen Handgelenkschutz zu tragen (20 Prozent der Verletzungen betreffen das Handgelenk). Das meistens im Innenhandschuh integrierte Stabilisierungselement soll von der Handbeugefalte bis zur Mitte der Unterarminnenseite reichen und muss an Arm und Handgelenk fix befestigt werden können. Modelle sind ab 60 Franken für Kinder und für Erwachsene ab 80 Franken erhältlich.

Rückenpanzer: «Tendenz steigend»

Anders als beim Helm und dem Handgelenkschutz liegen der BfU zum Rückenpanzer keine Studien vor. Doch gerade den Freeridern und den Snowboardern, die sich in den Halfpipes und Funparks vergnügen, wird von Expertenseite einer empfohlen. Dass die Tragquote von etwa drei Prozent aus dem Vorjahr schon jetzt Makulatur ist, zeigt sich im Verkauf. «Starke Zunahme, Tendenz steigend», so der Grundtenor diverser Sportgeschäfte. Auf der Piste ist «en vogue», wer einen hat.

Die Rückenprotektoren unterscheiden sich primär in zwei Modellen: das einfache Panzerschild mit elastischen Gurten und das Gilet mit integriertem Rückgratstabilisator. Das Gurtenmodell hat den Nachteil, schneller zu verrutschen. Bei den Westen mit integriertem Schutz wird dafür meist ein «Nierengurt» vermisst, der den Halt um den Bauch erhöht. Modelle gibts ab 90 Franken (Einsteigermodelle). Der Panzer muss eine gute Steifigkeit haben, um den Rücken genügend zu stützen.

Mit den im Rahmen der Kampagne «Enjoy sport – protect yourself» im letzten Winter erstmals durchgeführten Helmtesttagen versucht die BfU auch heuer wieder, die Wintersportler zum Helmtragen zu animieren. Auf den Pisten verschiedener Skigebiete können Helme gratis getestet werden. Auch um Antworten rund um die Schutzausrüstung wird man bei der BfU nicht verlegen sein. Die Tour startet am 22. Januar in Grindelwald. Weitere Infos unter www.bfu.ch oder www.enjoysport.ch.

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