Am 24. April 2013 sterben in Bangladesch 1129 Menschen in der baufälligen Kleiderfabrik Rana Plaza. Sie werden von Beton­teilen erschlagen, ersticken unter den Trümmern. Über 2400 werden verletzt. Viele verlieren einen Arm, die Hand, ein Bein. Es ist die grösste Katastrophe in der Geschichte der Textilindustrie. Ein Weckruf. Schnell beteuerten alle, so etwas dürfe nie wieder passieren.

Seither ist nicht sehr viel passiert. Über 150 Marken und Vertriebe haben ein Gebäude- und Brandschutzabkommen unterzeichnet. In der Folge wurden an die 1600 Fabriken überprüft. Die Ergebnisse sind im Internet zugänglich. Arbei­terinnen und Gewerkschaften können so erstmals nachsehen, wie es um die Sicherheit in «ihrer» Fabrik steht. Doch mehr als ein Anfang ist das nicht.

Eine klassische Lenkungsabgabe

An den miesen Arbeitsbedingungen in den Billigstlohnländern hat sich nichts verändert. Nicht einmal die Frage der Entschädigung der Rana-Plaza-Opfer ist befriedigend gelöst. Nur die Hälfte der Firmen, die dort produzieren liessen, hat sich am Fonds beteiligt. Das Geld reicht nicht einmal, um die Arzt- und Medikamentenrechnungen zu bezahlen. Es ist ein Trauerspiel.

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Der Genfer SP-Nationalrat Carlo Somma­ruga will das nicht länger hinnehmen und hat eine parlamentarische Initiative gestartet. Textilhersteller, die rücksichtslos produzieren lassen, will er zur Kasse bitten. Sie sollen einen Kleiderrappen zahlen: beim Import je nach Kleidungsstück 1 bis 25 Rappen.

Der Kleiderrappen soll in Projekte fliessen, die faire Arbeitsbedingungen schaffen. Es ist eine klassische Lenkungsabgabe, marktwirtschaftlich gedacht. Wer nichts tut, soll zahlen. Wer für mehr Arbeitnehmerschutz sorgt, soll von der Abgabe befreit werden. Es dürfe nicht länger sein, dass systematisches Wegschauen ein Wettbewerbsvorteil sei und sozial ver­antwortungsvolles Handeln bestraft werde.

«Wir können so dazu beitragen, dass in Ländern wie Bangladesch oder Kambodscha minimale Standards durchgesetzt werden», sagt Sommaruga. Die vorberatende Kommission des Nationalrats habe seine Initiative zwar wohlwollend aufgenommen. Die Stossrichtung sei richtig, hiess es. Trotzdem fiel der Vorschlag durch: mit 8 gegen 17 bürger­liche Stimmen.

«Wir Konsumenten stehen in der Verantwortung!»

Martin Vetterli, Beobachter-Redaktor

Die Ablehnung hat – nicht zuletzt – mit Sommarugas Initiativtext zu tun. Danach sollen nur Produktionsstätten von der Abgabe befreit werden, für die «gleichwertige Regelungen wie in der Schweiz gelten», die «landesweit tatsächlich und konkret» umgesetzt werden. Das mag gut gemeint sein, ist aber völlig unrealistisch. In den Textilfabriken in Fernost lassen sich heute keine Schweizer Standards durchsetzen.

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Zudem sagt die Initiative kein Wort darüber, wie die Gelder verwaltet und eingesetzt werden sollen. Es reicht nicht zu sagen, die Zollbehörden könnten den Kleiderrappen einziehen und ein Fonds oder eine Stiftung soll ihn dann verwalten. Man muss auch einen Plan haben, wie die Mittel konkret eingesetzt werden, damit die Näherin und der Textilarbeiter etwas davon haben.

Das menschenverachtende System brechen

Aber auch wenn Sommarugas Initiative nicht ausgereift ist: Seinen Vorschlag pauschal abzulehnen wäre falsch. Zwei Jahre nach der Katastrophe von Rana Plaza sollte dem Letzten klargeworden sein, dass es mit Appellen ans Verantwortungsbewusstsein der Firmen nicht getan ist. Das menschenverachtende System der Fast Fashion lässt sich so nicht brechen. Wir alle müssen unsere Verantwortung wahrnehmen und dafür etwas tun.

Nur mit dem Finger auf die Unternehmen zu zeigen, die sich auf Kosten der Menschenrechte masslos bereichern, ist aber zu billig. Wir Konsumenten müssen die Konsequenzen ziehen und jene Marken vorziehen, die Kleider unter menschenwürdigen Verhältnissen produzieren lassen. T-Shirts für Fr. 4.95, das geht definitiv nicht!

Illustration: Thilo Rothacker

Quelle: Till Müllenmeister/Laif

Würdig und ökologisch: Faustregeln für Kleider

«Der Blick aufs Etikett verrät dem Kunden nicht, ob der Anzug von einem Kind zusammengenäht worden ist oder ob Arbeiter beim Färben der Baumwolle mit giftigen Stoffen in Berührung gekommen sind.» Das schreiben Martina Hahn und Frank Herrmann im Ratgeber «Fair einkaufen - aber wie?»

Es gibt aber hilfreiche Faustregeln für Konsumenten, die fair und ökologisch hergestellte Kleider tragen wollen.

  1. Je billiger, desto höher das Risiko: Kleider unter zehn Franken sind Risikoprodukte. Das heisst nicht, dass jedes preiswerte Teil unter unwürdigen Bedingungen hergestellt wurde. Falsch ist auch der Umkehrschluss: Teuer heisst nicht automatisch besser. Edelmarken lassen in denselben Fabriken nähen wie Discounter. Teuer heisst vor allem, dass viel PR im Spiel ist und der Markenname kostet.
  2. Fair Trade und Bio gehen vor: Bevorzugen Sie Marken, die transparent über die Herkunft der Kleider berichten und ihr Engagement für bessere Arbeitsbedingungen dokumentieren. Hinweise geben seriöse Labels wie bioRe, Bluesign, GOTS (Global Organic Textile Standard) und Cradle2cradle. Nur Marken, die mit Internettools die Rückverfolgbarkeit ihrer Kleider sicherstellen, sind glaubwürdig.
  3. Weniger supertrendige Mode kaufen: Nur Kleider, die oft getragen werden, haben eine gute Ökobilanz. Schnelle, supergestylte Fashion nicht: Sie gerät schnell wieder aus der Mode und bleibt im Schrank liegen. Weniger extrem geschnittene, gut verarbeitete Stücke bleiben länger in Form und länger modisch.
  4. Reduzieren und wiederverwenden: Auch im ökologischsten Kleidungsstück steckt eine Menge an Rohstoffen und Energie. Halten Sie sich deshalb an die 3-R-Regel: «Reduce, reuse, recycle» (reduzieren, wiederverwenden, rezyklieren).
  5. Nicht kopflos wegwerfen: Statt Kleider mit dem Abfall zu entsorgen, kann man gut erhaltenen Stücken ein zweites Leben schenken: verschenken oder tauschen, alte Stücke zu neuen umschneidern, über ein Secondhand-Geschäft oder Internetplattformen verkaufen, an eine wohltätige Organisation abgeben. Einzelne Marken nehmen alte Kleider zurück und bieten sie über Internetplattformen zum Verkauf an.