Es ist ein Sommerabend am See, und man zeigt wieder Sixpacks und alles andere, was man braucht, um auf den Wiesen einen unvergesslichen Eindruck zu hinter­lassen: Wegwerfgrill, Zigarettenstummel, PET-Flaschen, Plastikteller, Pappbecher und Papierservietten.

Das meiste ist noch immer da, wenn die ersten Jogger am Morgen danach vorbei­keuchen: Flaschen, Scherben, Büchsen – die Hinterlassenschaft einer Partygeneration, die das Prinzip Nachhaltigkeit als dauerhaftes Liegenlassen des Abfalls umsetzt.

Restgrün gibt es allenfalls dort, wo Decken ausgebreitet waren. Und allenthalben sieht man einen Fötzler der Putzkolonne, der mit Handschuhen in die Scherben greift und mit einem Pflücker Kippen aus dem Rasen klaubt.

Überall auf den Erholungsinseln der Zentren ist es das gleiche Bild. Nach lauen Nächten präsentieren sich die meisten Parks lädiert und malträtiert. Allein am See in Zürich sammelt der Aufräumdienst an heissen Wochenenden bis zu zwölf Tonnen Kehricht ein.

Dabei stehen alle 40 Meter Abfall­kübel. Jeder weiss, wozu sie da sind. Auf jedem PC und jedem Mobiltelefon entsorgt man seine Altlasten im Papierkorb. Doch in der realen Welt scheint man ihren Zweck zu vergessen. Im Nach-mir-die-Müllflut-Modus plant man cliquenweise Botellóns – Massenbesäufnisse. Wenn die Nacht sich senkt und der Kopf schwer wird, schafft man es gerade noch ballastfrei nach Hause.

Zelte, Campingstühle, Grillsets…

Irgendein Trottel räumt ja schliesslich alles weg. Vielleicht denkt mancher: «Ich bin sozial, ich will niemandem seine Arbeit wegnehmen» (irgendeiner lacht immer über diesen Witz). Vielleicht zuckt man die Schultern. Es gibt schliesslich grössere Probleme, und unsere Gesellschaft hat ja vorgemacht, dass sie ihr Atommüllproblem ähnlich unbelastet löst.

Abfalltrennung 2.0 ist, wenn man sich vor Ort von seinem Abfall trennt. Unlängst gab es dazu Anschauungsunterricht in Frauenfeld und St. Gallen. Nach den Open Airs blieben 200 Tonnen Abfall liegen. Die «Generation Pavillon» fand es zu mühsam, ihre Nachtlager abzubrechen, und liess Hunderte von Zelten, Camping­stühlen und Grillsets zurück – als hätten die Gäste vor einem Erdbeben flüchten müssen.

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Willkommen in der Litterschweiz. Natürlich ist das Problem nicht neu. Aber es wird immer schlimmer. 2011 rechnete das Bundesamt für Umwelt die Kosten des Einsammelns hoch und kam auf 144 Millionen Franken jährlich. Nochmals 48 Millionen kostet die Entsorgung des Abfalls im öffentlichen Verkehr.

Ignoranz und Bequemlichkeit

Sicher gibt es Gründe dafür: das «veränderte Konsumverhalten», die massenhaften Take-aways, die 24-Stunden-Gesellschaft der Zentren mit ihren Nachtvögeln und Partyszenen. Aber auch «mangelnde emotionale Verbundenheit mit den verschmutzten Räumen», «zunehmende Bequemlichkeit» sowie «Individualismus und Ignoranz» macht der Bericht verantwortlich für das lotterhafte Treiben.

Vorstösse, wie dem Problem bei­zukommen wäre, gibts und gabs längst: Littering-Polizisten, Bussen, vorge­zogene Entsorgungsgebühren auf alles Mögliche, Anti-Littering-Kampagnen, Info-Anlässe an Schulen. Doch die Leute werfen immer mehr weg. «Wir staunen schon, dass alles nichts nützt», sagt Karin Leemann, Mediensprecherin bei Entsorgung und Recycling Zürich.

Die Wahrheit ist: Wir sind viel zu lasch. In den USA gab es schon in den siebziger Jahren 1000 Dollar Busse für Littering entlang der Highways. Bei uns redet man von 100 bis 200 Franken. Wir sind so langzeitgeschädigt von der einstigen Bünzlischweiz mit ihrer «Rasen betreten verboten»-Disziplin, dass wir unter dem Stichwort Toleranz alles durchwinken, was irgendeiner zu seinem persönlichen Bedürfnis erklärt hat.

Dabei ist es nach wie vor eine kleine Minderheit, die sich so aufführt, dass es alle andern stört. Dieser Minderheit fehlt es schlicht an Anstand. Es ist nicht unverhältnismässig, ihn mit harten Methoden einzufordern. Es ist vielmehr unsere Pflicht. Schon der deutsche Autor Kurt Tucholsky wusste: «Die Basis einer gesunden Ordnung ist ein grosser Papierkorb.» Man muss ihn aber auch benutzen.

Wer seinen Müll nicht entsorgen will, soll es gefälligst lernen. Auch wenn die Kontrollen schwierig sind und nur wenige in flagranti ertappt werden können, hilft wohl nur harte Abschreckung. Littering-Sünder sollen, wenn sie ertappt werden, nicht Bussen dafür zahlen, sondern zwei Tage Abfall wegräumen.