Die Holländer haben es gern gemütlich. Am liebsten sassen sie in einem Campingstuhl vor ihrem Wohnmobil und tranken Bier. Friedliche Menschen sind das. Radau habe ich keinen erlebt. Johlen können sie aber natürlich schon. «Hup Holland!», riefen sie, wenn ihr Team spielte. Das Euro-Camp vor unserer Haustür in Dieterswil war ja fest in der Hand der Holländer.

Ihre Siegesfeiern waren allerdings nicht das, was uns das Schlafen erschwerte. Bis unter das Kopfkissen drangen ganz andere Töne: Im Euro-Camp war ja jeden Abend Party, mit Live-Band oder DJs. Unter der Woche bis Mitternacht, am Wochenende bis zwei Uhr morgens. Im Vorfeld hatten die Veranstalter gesagt, sie würden die Boxen gegen den Wald hin ausrichten, aber natürlich hörten wir die Bässe trotzdem, wenn wir im Bett lagen. Das war, ja wie soll ich sagen, als wenn einem der Herzschlag vorgegeben würde. Ohropax nützten da nichts. Nach einigen Tagen war unser Schlafmanko aber so gross, dass wir ganz von allein sofort einschliefen. Das war auch nötig, denn mein Mann und ich sind Frühaufsteher. Ich arbeite in der Bäckerei im Bahnhof Bern, mein Mann ist Teamleiter in der Emmi. Unser Tag beginnt deshalb kurz nach fünf Uhr morgens.

Bier zum Frühstück

Wenn wir unseren Frühstückskaffee tranken, sassen die Holländer in ihren Campingstühlen und tranken ebenfalls - allerdings noch immer Bier. Sie gingen dann jeweils direkt zum Frühstück über. Im Camp hatte es eine Frau, die ihnen Birchermüesli, Spiegeleier, Käse, Brot, Kaffee auftischte - so einen richtig guten Schweizer Zmorge eben. Das tat den Holländern sicher gut. Als der Bierlieferant einmal mit Nachschub angefahren kam, sagte er zu mir: «So was habe ich noch nie erlebt! Es ist nicht zu glauben, was die trinken können. Tausende von Litern, jeden Tag!»

Schön, still, ländlich - so ist Dieterswil normalerweise. Die Lage ist super: Komplett im Grünen, und trotzdem bin ich in wenigen Minuten in Bern. Um die 220 Menschen leben hier. Der einzige Verkehr, den wir normalerweise bei unserem Haus am Waldrand haben, sind Kinder, die auf ihren Velos zur Schule fahren.

Während der Euro aber fuhren so viele Autos hier vorbei, dass ich unserem fünfjährigen Kevin und Annika, die in die erste Klasse geht, schon sagen musste, es sei Vorsicht geboten, wenn sie das Haus verliessen. Zum Glück fuhren all die Leute, die hier hochkamen, in gemächlichem Tempo. Unter ihnen waren auch viele neugierige Berner, die wissen wollten, wie so ein Euro-Camp von nahem aussieht.

Die Stimmung war super

Ich habe mehrere Spiele im Camp angeschaut. In diesem riesigen Zelt hatten sie mehrere Grossleinwände. Als Holland gegen Frankreich spielte, kamen allerdings so viele Menschen aus dem Dorf und der weiteren Umgebung, dass mein Mann und ich nicht mal mehr einen Platz fanden im Zelt. Aber die Stimmung war super - und wieder gewannen die Holländer. Ich bin direkt nach dem Spiel nach Hause gegangen, weil ich am nächsten Morgen wieder früh arbeiten musste. Das ist halt der Unterschied: Die hatten alle Ferien und konnten so lange feiern, wie sie wollten. Aber das störte mich nicht. Wir hatten uns gut vorbereitet und darauf eingestellt. Als klar war, dass Holland in Bern spielt, bastelte ich mit den Kindern eine holländische Fahne, die nun an unserem Haus hängt.

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Natelantenne im Garten

Gleich vor dem Haus stand übrigens die Natelantenne, die extra fürs Camp installiert wurde. Der Empfang hier oben wäre sonst gar nicht gut gewesen. Noch vor nicht allzu langer Zeit hatten wir uns erfolgreich gegen eine Natelantenne gewehrt, die Sunrise oben am Waldrand hinstellen wollte - dort, wo die Kinder oft spielen. Und dann hatten wir eine im Garten, lustig. Aber sie strahle nicht aus, hatte man uns versprochen, und tatsächlich: Wir spürten nichts davon. Den Strom dafür zapften sie von unserem Haus ab - und bezahlten natürlich dafür.

Schon vor über einem Jahr fingen sie mit Organisieren an. Das Land gehört drei Bauern, die mussten alle einverstanden sein und das Feld mit Gras bepflanzen. Auch der Gemeinderat gab seine Einwilligung - als Anwohner hätten wir uns danach gar nicht mehr gross wehren können. Aber wir wurden ja gut informiert, und als ehemalige Teamsportlerin - ich habe im Rollhockey-Nationalteam gespielt - habe ich sowieso Sympathien für Sportanlässe.

Nachdem die Schweiz ausgeschieden war, rief meine Familie auch «Hup Holland!». Wir vermissen die vielen orange Gekleideten, auch wenn wir jetzt wieder unsere Ruhe haben und es nachts wieder totenstill ist.

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Quelle: Alexander Jaquemet