Stefan Pfyl, 36, aus Arni AG, bis vor kurzem Leiter eines Gemeindesozialamts, nimmt kein Blatt vor den Mund: «Eine Abzockerei ist das.»

Wie üblich wollte das über 80-jährige Grosi seiner Partnerin einen Bekannten unter der Nummer 01 844 .. .. anrufen. Offensichtlich drückte die alte Frau dabei die Null nicht sauber. Eine Verbindung kam dennoch zustande – aber am andern Ende der Leitung meldete sich in hochdeutscher Sprache («Herzlich willkommen») ein sündhaft teurer Auskunftsdienst. Er kann mit der Kurznummer 1844 angewählt werden und verrechnet ohne Vorwarnung neun Franken pro Minute. Als die alte Frau merkte, dass sie sich verwählt hatte, waren ihr schon Fr. 8.15 belastet worden – und zwar ganz legal. Betreiberin dieser Nummer ist die First Early Bird GmbH in Baar ZG.

Lange ist diese Art des Geldverdienens nicht mehr möglich: Am 1. Juni tritt die Preisbekanntgabeverordnung in Kraft, die etwas mehr Transparenz schafft. Minutenpreise von mehr als fünf Franken oder Grundgebühren von über zehn Franken müssen angekündigt und vom Kunden per Tastendruck bewusst bestätigt werden.

Kunden beginnen sich zu wehren


Bewegung kommt auch in die erotische Abteilung der so genannten Mehrwertdienste: die 0906-Nummern. Nicht wenige Betreiber solcher Anschlüsse hatten mit schmutzigen Tricks bei Konsumenten abgesahnt, wie der Beobachter mehrmals berichtete. Mit horrenden Grundgebühren von bis zu 40 Franken und höher, aber auch mit undeklarierten Minutentarifen in astronomischer Höhe mussten die Kunden ihre Gutgläubigkeit schon büssen.

Eine besonders üble Form der Abzockerei ist der Dialermissbrauch im Internet. Dabei installieren sich Programme auf der Festplatte des Benützers, die fortan den Zugang zum Internet automatisch nicht mehr über die gewöhnliche Nummer des Providers, sondern über eine extrem teure 0906-Nummer lenken, ohne dass dies der Internetsurfer bemerkt.

Nicht alle Kunden lassen das mit sich machen: Der Langenthaler Rechtsanwalt Markus Meyer etwa wurde bisher mit nicht weniger als 36 Prozessvollmachten zu Abzockerstreitereien ausgestattet. Die Fälle, darunter solche von Privathaushalten, die um bis zu 16000 Franken geschädigt wurden, «sind noch offen oder haben mit einem Vergleich geendet».

Meyers Solothurner Berufskollege Wolfgang Salzmann, ein Sunrise-Kunde, kennt den Ärger mit Dialerprogrammen aus eigener Erfahrung. Fr. 242.56 wurden seiner Telefonrechnung für ein angebliches Gespräch von 39 Minuten Dauer über die Nummer 09061788xx belastet.

In Tat und Wahrheit surfte zur fraglichen Zeit die Tochter im Netz, ohne irgendeine Erotiknummer gewählt zu haben, wie sie glaubwürdig schildert. Als Salzmann sich weigerte, den umstrittenen Rechnungsbetrag zu zahlen, drohte ihm die Telefongesellschaft damit, seinen Anschluss zu sperren.

Mitte Dezember reichte der Jurist gegen Sunrise Strafanzeige wegen Mittäterschaft zu gewerbsmässigem Betrug und Nötigung ein. Denn die Telefongesellschaften ziehen beim Kunden die Gebühren auch für zweifelhafte Anbieter ein – und verdienen so mit.

«Für Rechtsansprüche und Rückforderungen sind wir eigentlich die falsche Adresse», entgegnet Sunrise-Sprecherin Monika Walser und verweist an den Nummernbetreiber, der auf der Website des Bundesamts für Kommunikation (Bakom; www.e-ofcom.ch) ersichtlich ist. Für Kläger Salzmann ist das keine grosse Hilfe: In seinem Fall handelt es sich um die Firma Lodengryn s. l. im spanischen Palma de Mallorca.

Telefongesellschaften unter Druck


Genau diese Versteck- und Kaskadenpolitik der Nummernbetreiber und der Telefongesellschaften ist es, die die Kunden zum Kochen brachte – bis angesichts der Umtriebe eine Lösung überfällig war. «Bei einer Marge von acht bis zwölf Prozent lohnt sich dieses Geschäft nicht mehr», sagt Swisscom-Sprecher Sepp Huber. Darum schlossen Swisscom, Sunrise und Orange zu Jahresbeginn eine Vereinbarung, wonach sie unseriösen und vertragsbrüchigen Serviceprovidern und Nummernanbietern in Zukunft das Inkasso verweigern wollen.

Missbräuche gibts weiterhin


Die Swisscom betont, sie habe schon bisher «sehr viel» zum Schutz ihrer Kunden unternommen. So sind nicht nur die Geschäftsbedingungen gegenüber den Nummernbetreibern ständig angepasst worden. Auch bieten Swisscom wie Sunrise Gratis-Sperrsets für alle 0900-Nummern und vertiefte Informationen auf ihren Websites. Kostenlos ist auch der Dialerschutz, den die Swisscom im Festnetz anbietet. Sunrise empfiehlt «geeignete Programme zum Schutz vor Einwahlen über Schweizer Mehrwertnummern» und offeriert auf der Website Adressen zum Download von Schutzprogrammen. Zudem: Bei der immer häufiger genutzten ADSL-Technologie funktionieren Dialer nicht mehr.

Beide Unternehmen aber schliessen «missbräuchliche Angebote» von wenigen unter den Betreibern der insgesamt 50000 Schweizer Mehrwertdienste auch in Zukunft nicht aus. Nachdem die schwarzen Schafe den Ruf der Branche reichlich beschädigt haben, machen sich die Spezialisten des Bakom laut dessen Sprecher Bernhard Bürki derzeit «intensiv Gedanken darüber, die Dialer für alle 0900-Nummern ganz zu verbieten». Grund: «Die Hälfte aller Beschwerden über Mehrwertdienste betrifft Dialer.»

Branchenkenner rechnen damit, dass einzelne Anbieter neue Lücken für Abzocker entdecken. Swisscom-Sprecher Huber erinnert an Grundsätzliches: «Die Gegenseite ist sehr erfinderisch. Wir sind hier in einem liberalisierten Markt.»