Sie haben grosses Glück, die 37 Japaner und Japanerinnen. Auf ihren unzähligen Erinnerungsfotos wird ein strahlend blauer Himmel die Kulisse für Eiger, Mönch und Co. bilden. Und sogar Asti, die Bernhardinerdame, ist pünktlich zur Stelle. Alles perfekt also. Nun ja, fast alles. Doch davon später.

Grindelwald, 13. Januar. Die Bahnhofsuhr zeigt 8.39 Uhr. Ein weisser Reisecar mit deutschem Kennzeichen hält beim Hotel Derby an, und seine Ladung ergiesst sich auf die vereiste Strasse. Die Aussentemperatur beträgt frische minus sieben Grad. Ein Umstand, der Mika, Büroangestellte aus Tokyo, nicht davon abhält, in mörderischen Highheels den Gang aufs Jungfraujoch anzutreten. Dies, obwohl Reiseleiterin Reiko sie vor der Abfahrt noch darauf hingewiesen hat, dass Stöckelschuhe nicht unbedingt das passende Schuhwerk seien für den hochalpinen Ausflug. Kaum steht die Gruppe auf dem Perron, entdeckt auch schon jemand das Bahnhofsklo. Als gäbs was umsonst, rennt die ganze Gesellschaft los und stürmt die stillen Örtchen für Männlein und Weiblein – ein Verhalten, dass die 37 Söhne und Töchter Nippons bei jeder Toilette, der sie am und ums Jungfraujoch begegnen, an den Tag legen werden. Der Drang zum Abort rührt selten von momentanen körperlichen Bedürfnissen her, hat vielmehr prophylaktischen Charakter: Wer Europa in sechs Tagen absolviert, tut gut daran, jede erdenkliche Möglichkeit zur Erleichterung zu nutzen. Schliesslich weiss man nie, wann sich die nächste Gelegenheit bietet:

Dienstag, 10. Januar
11:35 Abflug Tokyo
20:20 Ankunft Frankfurt und Transfer nach Viernheim (80 km)
22:00 Ankunft Viernheim
Jetlag? Keine Zeit, schliesslich gehts am nächsten Morgen gleich wieder los:
Mittwoch, 11. Januar
06:45 Frühstück
07:30 Abfahrt nach Heidelberg
08:00 Stadtrundfahrt Heidelberg, Fotostopp in der Altstadt
10:30 Heidelberg–Rothenburg (164 km)
13:00 Mittagessen (Nudelsuppe, ungarisches Gulasch, Knödel, Salat, Fruchtjoghurt)
14:00 Stadtrundfahrt Rothenburg mit drei Fotostopps
15:30 Abfahrt nach Schwangau (260 km)
19:30 Ankunft Füssen
20:00 Abendessen (dreierlei Wurst, Sauerkraut, Kartoffelpüree, Schokoladenmousse)
Erschöpft? Egal, Schloss Neuschwanstein wartet:
Donnerstag, 12. Januar
07:30 Frühstück
09:00 Abfahrt nach Schloss Neuschwanstein im Allgäu
10:20 Eintritt Schloss Neuschwanstein
12:00 Mittagessen (Gemüsecremesuppe, Maultaschen mit Reis und Gemüse, Eisrolle)
13:00 Abfahrt nach Interlaken (350 km)
19:10 Ankunft Interlaken
19:15 Abendessen (Hühnerbrust an Madeirasauce, Reis und Gemüse, Kuchen)
20:15 Ankunft im Hotel
Überreizt vom Zuckerbäckerkitsch à la Bayernkönig? Augen zu und durch:
Freitag, 13. Januar
07:00 Frühstück
08:00 Abfahrt nach Grindelwald (17 km)
08:30 Ankunft Grindelwald



Müde? Mit asiatischer Contenance verneinen die Touristen tapfer, obwohl ihre Gesichter sie Lügen strafen. Man ist wild entschlossen, diese Reise bis zur letzten Minute auszukosten, koste es, was es wolle. Ferien sind in Japan ein kostbares Gut. «Wer mitten im Berufsleben steht, traut sich kaum, die ein, zwei Ferienwochen, die ihm zustehen, auch wirklich wahrzunehmen», erklärt Dolmetscherin Yumiko, die seit rund zehn Jahren für Kuoni entsprechende Reisen betreut. «Zu gross ist die Angst vor einem Karriereknick.»

Yoshima und Matsuda sind deshalb eine Ausnahme. Die beiden Mittvierziger sind Kabuki-Musiker, sie spielen traditionelle Instrumente wie das dreisaitige Shamisen in einem Kabuki-Theater. Das Ensemble, bei dem sie beschäftigt sind, hat gerade Spielpause. Auch zwei Hochzeitspärchen zählen zu der Reisegruppe. Den Grossteil der Gruppe machen jedoch die Pensionäre aus.

Pünktlich um 9.02 Uhr ist Abfahrt in Richtung ewiges Eis. Bereits im Zug wird tüchtig fotografiert: Mitreisende und Kondukteure werden abgelichtet, als wären es Supermodels. Köpfe werden zusammengesteckt, Finger im Peace-Zeichen in die Luft gestreckt, Zähne gebleckt. Mahiko und Tsuyoshi, beide 27, zeigen in der allgemeinen Fotoeuphorie stolz ihr Hochzeitsfoto herum. Der Europa-in-sechs-Tagen-Trip ist die Hochzeitsreise des Polizisten und der ehemaligen Ernährungsberaterin. Sie hat mit der Heirat gleich ihren Beruf an den Nagel gehängt.

Auf der Kleinen Scheidegg folgt bereits der erste Höhepunkt. Kaum fährt der Zug in die kleine Station ein, kommt Leben in die Reisegruppe, die abgesehen von ihren fotografischen Aktivitäten eher apathisch im gut geheizten Waggon sass. Die anwesenden Damen stossen entzückte Quietschgeräusche aus, die Herren brummen wohlgefällig. Anlass ist Bernhardinerhündin Asti, die mit ihrer Begleitung, einer ortsansässigen Japanerin, bereits auf die Gäste aus dem fernen Osten wartet.

Kaum öffnen sich die Türen, stürzt sich die Gruppe in corpore aus dem Wagen und auf den Hund. Zig Kameras werden gezückt, Einschaltmelodien erklingen, wohl über hundert Bildli werden geschossen. Die Landschaft bleibt weitgehend unbeachtet. Flugs dirigiert die Hundeführerin die quiekende Meute in Reih und Glied zum Gruppenföteli mit Bernhardiner. Während die Gruppe sich später auf dem Jungfraujoch tummelt, wird das Bild entwickelt, und auf der Rückfahrt, beim Umsteigen, kann ein Abzug in A4-Grösse für 25 Franken erstanden werden. 18 der 37 Nippon-Touristen werden mit einem solchen Bild im Gepäck nach Hause reisen.

Im Sommer ist die Ausbeute gemäss der findigen Hundehalterin ungleich grösser – dann nämlich stürmt das Gros der 300'000 Japaner, die jährlich das Jungfraujoch besuchen, den Gipfel.

Taschendieb im Eispalast

Die neun Minuten Umsteigezeit auf der Kleinen Scheidegg sind fast um. Mika tippelt, so gut es auf Stilettos eben geht, über Schnee und Eis, ihre Mutter im Schlepptau. Auch deren Schuhwerk wie auch ihr Alter sind einem Spurt auf winterlichen 2'000 Metern über Meer eher abträglich. Einzelne haben es trotz Zeitnot noch aufs Klo geschafft und eilen aus Richtung Bahnhofstoilette heran.

Geduldig hält Reiseleiterin Reiko ihren Regenschirm als Erkennungszeichen hoch, bis alle sicher in der Jungfraubahn sitzen. Die junge Frau ist eine alte Häsin in Sachen Europatrips: Sie begleitet seit bald zehn Jahren zweimal im Monat solche Reisegruppen.

Auch die Zwischenstationen befriedigen die Primärbedürfnisse «fotografische Beweisaufnahme» und «Toilettenstopp». Kurz aus der Eigerwand oder dem Eismeer heraus ein Bild geschossen, und ab durch die Tür mit dem Männchen oder dem Weibchen drauf.

Endlich. Nach fast anderthalb Stunden Bahnfahrt: Top of Europe auf 3'454 Metern über Meer. Der Wind bläst mit 47 Stundenkilometern, die Temperatur beträgt 11,4 Grad unter null. Reiko schart ihre Schäfchen mit Hilfe ihres imperativen Regenschirms um sich und erklärt, was jetzt abläuft. Erstens rauf auf die Sphinx, dann in den Eispalast und schliesslich aufs Plateau raus. Um 11.28 Uhr Besammlung am Treffpunkt, denn um 11.40 Uhr gibts Mittagessen im Restaurant Crystal, zwei Stockwerke höher. Mit zwei Stunden Aufenthalt ist die Gruppe gesegnet, allzu häufig muss der Besuch des Jungfraujochs in einer Stunde absolviert werden.

Plötzlich greift sich die ältere Dame im grünen Mantel den nächstbesten Arm. Die Frau keucht zum Herzerbarmen und bringt mit ihrem Torkeln auch den Herrn an ihrer Seite fast ins Schlingern. Die Höhe macht gerade älteren Herrschaften oft zu schaffen. Von über 80-Jährigen verlangen viele Reiseveranstalter ein Gesundheitsattest, dennoch kommt es ab und an vor, dass ein Teilnehmer ohnmächtig wird und sich im Sturz beispielsweise ein Bein bricht. Wenigstens wird niemandem schlecht. «Das liegt am guten Wetter», erklärt Reiko. «Wenn es neblig ist, wird den Leuten viel eher übel, weil sie dann nicht abgelenkt sind, die Stimmung nicht so gut ist und der Gleichgewichtssinn mehr mit der Orientierung zu schaffen hat.»

Im Eispalast passiert dann das Unfassbare. Ein Taschendieb beraubt das Musikerehepaar und versucht es – erfolglos – auch bei der älteren Dame in Grün. Um 600 Euro, wohl ihre gesamte Reisekasse, erleichtert der Fiesling Yoshima und Matsuda. Viel Geld für die beiden Musiker, die sich diese strapaziöse Reise mitten im Winter auch deshalb antun, weil sie so billig ist. Umgerechnet gerade mal 1'200 Franken kostet der Trip, der im Sommer zwar wärmer, aber auch rund dreimal so teuer ist.

Was bei durchschnittlichen Mitteleuropäern zu grösster Empörung und Aufregung führen würde, quittieren die japanischen Gäste mit dezentem Getuschel. Selbst die beiden Betroffenen nehmen den Diebstahl mit stoischer Gelassenheit hin. «Der Pass ist ja noch da», relativiert Yoshima mit einem kleinen, gefassten Lächeln den schmerzlichen Verlust.

Die Älplermagronen sind «oishi»

Beim Mittagessen – Älplermagronen und Caramelköpfli – scheint der Vorfall vergessen. Folgsam und schweigsam futtern die Japaner die artfremde Nahrung. «Oishi», lecker, kriegt zu hören, wer nachfragt, wies denn schmeckt. Drei Frauen gönnen sich entgegen der Empfehlung der Reiseleitung Alkohol. Das Bier sorgt denn auch prompt dafür, dass die Damen, vom Schlaf übermannt, die spektakulären Aussichten verpassen, die sich auf der Heimfahrt immer wieder bieten.

Doch es scheint, dass die Gruppe ihren Schweizaufenthalt mental ohnehin schon abgebucht hat. Noch in der Jungfraubahn sind die Pariser Unruhen vom Herbst Gesprächsthema Nummer eins. Muss man Angst haben? Ist es gefährlich? Eine Frau hat sogar eine Trillerpfeife in der Handtasche. Man weiss ja nie.

Um 14.30 Uhr besteigt die Gruppe in Grindelwald wieder ihren Car – natürlich nicht, ohne das Bahnhofsklo aufgesucht zu haben. Schliesslich liegen jetzt 268 Kilometer Busfahrt bis Genf vor den Japanern. Dort werden die 37 kurzzeitig Entwurzelten nach einem 53 Minuten schnellen Abendessen den TGV nach Paris besteigen. Ihr Besuch in der Schweiz hat dann exakt 24 Stunden und 13 Minuten gedauert.

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