Heinz F., blond, mit Schnauz, aus Essen, hat Schweissfüsse. Edith N., im Jupe, bevorzugt dunkelhäutige Männer. Und Carla N. aus Nassau hat ihren Hund verloren. Er hiess Lux. Ein Pinscher. So ist das. Sie wussten das nicht? Ja, schauen Sie keine Talk-Shows?

Gegen 30 Talk-Shows beleben derzeit die deutschsprachigen Privatsender, ab morgens elf Uhr («Jörg Pilawa») bis spät in die Nacht («Harald Schmidt Show»), an fast allen Tagen der Woche. Hans Meiser, Talkmaster auf RTL, versteht jedes Leid. Vera (SAT 1) schätzt die Konfrontation. Arabella (Pro 7) lüftet Tabus. Genauso wie Bärbel Schäfer, Sabrina, Andreas Türck, Nicole.

Bereits in der siebten Stunde nach seiner Geburt, am 6. September, wird der neue Schweizer Privatsender TV3 seine erste Talk-Show ausstrahlen. In «Fohrler live», fünfmal wöchentlich produziert und zweimal täglich wiederholt, werden Schweizer und Schweizerinnen auf dem Sender aus dem Haus Tages-Anzeiger «ungeschminkt über Liebe, Partnerschaft, Erotik und Sex» reden dürfen.

Roger Schawinskis Tele 24, seit elf Monaten auf Sendung, hat seine erste Talk-Show bereits hinter sich. Dessen Moderator wurde abgeworben. «Fadegrad», der Nachfolge-Talk, hat die Quoten deutlich gesteigert; die Sendung, einmal wöchentlich produziert, ist an zwei Tagen in vierfacher Wiederholung zu sehen.

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Das Schweizer Fenster von «RTL/Pro Sieben» – wie der Sender sich offiziell schreibt – kommt mit «KlarText» jeweils kurz vor sieben Uhr abends, 25 Minuten lang, fünfmal pro Woche. Redaktionsleiter und Moderator Dani Nieth will «keine langweilig vertiefenden Gespräche», sondern möglichst mit publikumswirksamen «Opfer-Täter-Situationen» Spannung erzeugen: «Wir werden alles dransetzen, dass man dranbleibt.»

Harter Kampf um Marktanteile
Kein Wunder, denn der Kampf um Marktanteile bei den Talksendungen wird hart. Die Verantwortlichen von TV3 haben die deutsche Szene «genaustens erfasst und ausgewertet»: Das dortige Publikum besteht zum überwiegenden Teil aus Frauen. Zuoberst auf der deutschen Hitliste stehen «Beziehungskonflikte im familiären Umfeld». Der Schwerpunkt von «Fohrler live» lautet denn auch «Beziehungskonflikte im familiären Umfeld.»

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Christoph Bürge, Leiter der Abteilung Unterhaltung, will allerdings betonen: «Eine Show steht und fällt mit dem Moderator.» Dani Fohrler, 34 Jahre jung, Ex-Radiomann aus Biel, hat zwar noch nie eine TV-Sendung moderiert. Aber «er kann gut zuhören», erklärt Bürge, und er wirke «glaubwürdig».

Für die Mobilisierung der «talkenden» Studiogäste sind nicht weniger als 13 Redaktorinnen und Redaktoren besorgt: Für fünf Tage in der Woche haben sie bis zu acht Personen aus der deutschsprachigen Schweiz zu finden, die geeignet und willens sind, öffentlich über ein persönliches, gegebenenfalls intimes Thema zu sprechen.

Wer so ambitiös startet, mag kein Risiko eingehen: «Fohrler live» startet mit einem kleinen Etikettenschwindel. Die Talk-Show wird nicht live ausgestrahlt, sondern zuerst aufgezeichnet – im zweitgrössten Studio von SF DRS in Zürich-Leutschenbach.

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TV3 möchte auf Anhieb neun Prozent Marktanteil erringen und diesen bis auf 15 Prozent steigern. «Fadegrad», die Talk-Show von Schawinskis Tele 24, hat zurzeit einen Marktanteil von rund drei Prozent. Die Sendung wird in dessen einzigem Unterhaltungsstudio produziert, auf 100 Quadratmetern. Ein vollamtlicher Redaktor und eine Teilzeitredaktorin recherchieren für die Sendung und suchen nach geeigneten Gästen. Die Themen sind, im Unterschied zu «Fohrler live», politisch aktuell: Die Mutterschaftsversicherung war hier schon ein Thema, Fusionsopfer, das «Mobbing in den Medien».

Fadegrad soll betroffen machen
Christian Handelsman, «Fadegrad»-Moderator: «Unsere Sendung soll betroffen machen, sensibilisieren. Wir verstehen uns als Serviceleistung, nicht als Spektakel.» Der 28-jährige Moderator distanziert sich «ausdrücklich von gewissen Entwicklungen im bundesdeutschen Raum».

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RTL/Pro 7 wird laut Dani Nieth ebenfalls «zu 70 Prozent» auf Aktualität setzen. Ein vierköpfiges Redaktionsteam und ein Teilzeitmitarbeiter sollen Nieth helfen, jeweils ein bis zwei Talkgäste zum jeweiligen Thema aufzubieten und die Sendung vorzubereiten. Natürlich werde es ab und zu einen «Run auf die gleichen Gäste» geben, sagt Nieth. Doch die Verantwortlichen aller drei Privatsender in der Schweiz sind zuversichtlich: «Das Interesse ist unbestritten», erklären sie – und vor allem: lohnend für die Sender.

Talk-Shows kosten den Bruchteil eines Spielfilms. Es gibt keine Dekors zu wechseln, keine Stars aufzubieten, kein Aussenlicht zu berücksichtigen, und die Reportagewagen bleiben in der Garage.

Heinz S. aus Kriens wurde gekündigt. Iren C., Ebmatingen, leidet an Krebs. Dagmar N., unehelich geboren, Appenzell, sucht seit Jahren ihren Vater.

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Es ist nicht jedermanns Sache, private Probleme öffentlich zu schildern. Die Inszenierung einer vertrauten, «privaten» Atmosphäre gehört deshalb zum Kerngeschäft des Talkmasters. Die Aufforderung: «Unter uns gesagt…» mag etwas plump erscheinen – wirksam ist sie allemal. Gelungen ist die Ubung dann, wenn die Gäste vergessen haben, dass ihre Aussagen über den Sender gehen.

Mit welchen Erwartungen sie das Fernsehstudio betreten, ist höchst unterschiedlich, mit welcher Erfahrung sie es wieder verlassen, auch.

Talk-Show-Opfer reden manchmal zuviel
Der Münchner Psychotherapeut Colin Goldner hat sich eingehend mit «Talk-Show-Opfern» auseinandergesetzt. «Die Gäste dieser Sendungen», sagt er, «sind nicht Menschen wie du und ich; sie haben psychosoziale Probleme. Genau deswegen sind sie auch in die Sendung eingeladen worden.» Die meisten Patienten von Goldner haben ihren Auftritt «wie in Trance» erlebt. Sie haben zugesagt, weil sie sich insgeheim eine Stärkung ihres Selbstgefühls erhofften. «Durch die Präsentation ihrer Betroffenheit werden die meisten Gäste als Opfer dargestellt: Die Öffentlichkeit gibt ihnen somit Recht.»

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Zudem könne das «Outing» bei einem Talkgast einen Klärungsprozess in Gang setzen – «gerade weil er in aller Öffentlichkeit zu etwas steht», sagt Markus Theunert, Informationsbeauftragter der Föderation der Schweizer Psychologen. Problematisch sei aber, «dass das Medium Fernsehen dazu verleitet, mehr auszuplappern, als man eigentlich wollte». Bei nicht wenigen Gästen wurde genau das zum Problem.

Zwar legen alle Sender Wert auf die Feststellung, dass ihre Gäste sorgfältig «ausgesucht und auf ihren Auftritt vorbereitet werden». Eine Nachbetreuung ist jedoch nicht vorgesehen. Christoph Bürge von TV3: «Wir zwingen niemand mitzumachen. Der Entscheid liegt in der Eigenverantwortung der Gäste.»

Für die Rheinfelder Medienpsychologin Gabrielle Bieber ist dies eine zu einfache Sicht: «Talk-Show-Gäste wissen nicht, worauf sie sich einlassen. Sie sind keine Medienprofis. Bei ernsthaften Folgeproblemen sollte der Sender eine professionelle Nachbetreuung zur Verfügung stellen.»

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«Ich will nur Geliebte sein!», hiess der Talk mit der höchsten Quote des Monats Januar. Moderator war Hans Meiser. Auch im Februar lag Hans Meiser vorn: «Du bist sexsüchtig – ich kann nicht mehr!» Im März war es Jörg Pilawa – «Auf Kaffeefahrten wird man doch nur abgezockt».

Im Juni gewann Bärbel Schäfer mit dem Thema «Ehefrau trifft Geliebte».

Schweizer sind zu gehemmt
Die Zahlen wechseln, die Schicksale auch. Nur das Rezept bleibt. So dürften wir denn bald in Zürcher, Bündner und Walliser Dialekt Einblick erhalten in unseren helvetischen Seelenhaushalt – und wie man es hierzulande mit der Liebe hält. Allerdings haben die Schweizer Fernsehmacher gegenüber ihren deutschen Kollegen ein Handicap. Im Vergleich zu unseren Nachbarn gelten wir doch eher als zurückhaltend – jedenfalls dann, wenn es um Gefühle geht. Zudem dürfte die Hemmschwelle, öffentlich über sich selbst zu sprechen, in einem kleinen Land wesentlich grösser sein.

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Dafür wäre es hierzulande vermutlich unmöglich, dass sich ein Satiriker – wie in Deutschland geschehen – während sechs Jahren unter falschen Namen durch diverse Talk-Shows mogeln könnte, um uns alle an der Nase herumzuführen. 

Wünschen wir unseren Talkmastern also eine gute Nase für die vielen echten Probleme in unserem kleinen Land. Allzu stürmisch wird es in ihren Studios jedenfalls nicht zu und her gehen. Im Unterschied zu deutschen Shows sind die Schweizer Konzepte nicht auf Konfrontation angelegt. Solange die Quoten stimmen, läuft hier alles in einfühlsamer Harmonie.

Ubrigens: Heinz F., blond, aus Essen, hat (wie Beobachter-Recherchen ergaben) immer noch Schweissfüsse.