Der Wind pfeift über die Krete. Es ist ein regnerischer, kalter, nebliger Morgen auf dem Chasseral, dem höchsten Bergzug im Berner Jura. Eine Autokarawane rollt leise talwärts, die Motorengeräusche durch den dichten Nebel gedämpft. Es ist, als fahre man durch eine weissgraue Höhle Terra Incognita entgegen.

Nach 20 Minuten Fahrt ins Tal hat der Konvoi das Ziel erreicht, eine Felsspalte am Fuss des Chasseral: die Tanna Meier. Der Name des Dreckslochs - und um ein solches handelt es sich im wahrsten Sinne des Wortes - leitet sich vom französischen Wort «tanière» für Höhle ab. Generationen von Anwohnern haben in den vergangenen Jahrzehnten ihren Müll in der Karstspalte entsorgt. Der soll jetzt raus, denn die wilde Deponie bedroht das Grundwasser. Der Chasseral ist wie alle Karstgebirge ein äusserst durchlässiger Berg. Und die Tanna Meier liegt in der sensibelsten Grundwasser-Schutzzone: Ein Farbtest hat eine direkte Verbindung zur Merlin-Fassquelle ergeben. Gerade mal 16 Stunden benötigt eingefärbtes oder eben auch verunreinigtes Wasser, um bei der Quelle anzukommen.

Den Wagen entsteigt ein gutes Dutzend Männer und Frauen, die eines gemeinsam haben: die Faszination für den Untergrund. Es sind Höhlenforscher, auch Speläologen genannt. Die Höhlenforschung, auch wenn sie von vielen absolut wissenschaftlich betrieben wird, ist kein Studienfach - in der Schweiz findet sich kein einziger entsprechender Lehrstuhl. So kommt es auch, dass sich unter den Speläologen nebst Geologen und Hydrogeologen vom Möbelschreiner über die angehende Rettungssanitäterin bis hin zum Forstingenieur allerlei Berufe finden.

In der Schweiz sind mehrere hundert als Mülldeponien missbrauchte Höhlen und Senken bekannt und inventarisiert. Die Reinigungsaktion der Tanna Meier ist eine von vielen, die die Höhlenforscher organisieren und durchführen - unbezahlt und in ihrer Freizeit. Rund ein Dutzend solcher «Putzete» veranstaltet die Schweizerische Gesellschaft für Höhlenforschung (SGH) jedes Jahr. Das ist auch dringend nötig: Allein in der Höhle Osterschacht in der Hoch-Ybrig-Region wurden 40 Kilogramm Munition sowie 225 Kilogramm Kehricht, 1,5 Kubikmeter Alteisen und 5 Kilogramm Batterien geborgen. Auch Chemieabfälle, Veterinär-Medikamente, Asbestabfälle und Kadaver wurden und werden in Höhlen entsorgt. Frei nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn.

«Halt! Stopp! Arrête!»

Regen tropft vom Himmel, von Bäumen, von Sträuchern, von Blättern. Es riecht nach nasser Erde, nach Pilzen, nach Herbst. Bei den parkierten Autos beginnt ein seltsames Treiben. Als wäre es Hochsommer, entledigen sich Männer und Frauen teils bis auf die Unterwäsche ihrer Kleidung, um zunächst Thermowäsche und dann die aufwändige Speläologen-Montur anzuziehen: Gummistiefel, gelbe oder rote Übergwändli aus Ölzeug, Gummihandschuhe, Bergwerkshelm, Grubenlampe und Klettergurt. Schmückendes Beiwerk sind Schläuche, Seilbremsen, unzählige Karabiner und etliche Seile. Einmal angezogen, unterdrückt man tunlichst allfälligen Harndrang. «Wir sind schon in der Bibel erwähnt», sagt Thomas Arbenz, Präsident einer Sektion des Höhlenforscher-Dachverbands SGH und «nebenbei auch noch Sek-Lehrer». Er grinst. «Ich weiss zwar nicht genau wo, aber dort heisst es: ‹Sie trugen seltsame Kleidung und irrten planlos umher.›»

Die Tanna Meier befindet sich an einem waldigen Abhang, umgeben von verstreuten Bauern- und Ferienhäuschen. Über die Jahrtausende hat Wasser, der Feind allen Gesteins und Freund aller Höhlenforscher, die 60 Meter lange und 38 Meter tiefe Spalte in den Fels gegraben. Schon von oben ist unschwer zu erkennen: Der Mensch gab sein Bestes, den gewaltigen Schlitz zu füllen - mit Unrat aller Art.

Fast eine Märchenlandschaft: Dunstschwaden ziehen durch die Felsspalte, deren Wände mit Moosen und Flechten bewachsen sind. Zartes Grün mischt sich mit rotgoldenem Herbstlaub. Laubbäume bilden mit ihren Kronen ein lockeres Dach. Jetzt wird die Stille, die sonst hier herrscht, für einmal durchbrochen: Das monotone Knattern eines Stromgenerators übertönt das Plätschern des Regens, das Rauschen im Laub. Der Generator treibt die Seilwinde an, die den gesammelten Müll nach oben bringen soll. Metallisches Hämmern und ab und an ein Rufen oder erstauntes Stöhnen dringen aus dem Orkus ans Ohr der Oberweltler. «Halt! Stopp! Arrête!», ruft einer der Putzer, die wie emsige, bunt gewandete Zwerge - etliche der Männer tragen Bart - den vorderen Teil des Schachts bevölkern; das Seil des Lastzugs hat sich in einem Felsvorsprung verfangen. Eine Gestalt in Gelb hüpft, Rumpelstilzchen gleich, auf einem verrosteten Metallfass auf und ab, um es zusammenzudrücken. Manchmal ertönt ein «Das glaub ich ja nöd, häsch das gsee» oder ein «Ich bruuch en neue Sack».

Der Abstieg erfolgt am Seil über eine 20 Meter hohe, teils überhängende Felswand. Das Ausmass der Verschmutzung erschüttert: Die Deponie beschränkt sich nicht wie ursprünglich angenommen auf das südliche Ende der Felsspalte. Der Schacht ist über seine gesamte Länge zugemüllt. Ganze Boiler, ein gusseiserner Herd aus den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, ein Leiterwagen mit hölzernen Speichenrädern, Haarspraydosen, Apothekerflaschen mit unbekanntem, ätzend riechendem Inhalt, Medikamente, Bierbüchsen aus mehreren Jahrzehnten, Dutzende einzelner Schuhe, Farbbüchsen, Batterien, Strumpfhosen, Pfannen - ein weites Tummelfeld für eine «Zivilisationsarchäologie der Neuzeit». Immerhin: Bis jetzt ist keine Munition aufgetaucht, und auch Kadaver liegen keine herum. Die Nase dankt, es riecht nur nach Moder und Schlamm.

Lautstark schimpfende Älpler

Geäst und Baumstämme, schmierig und glitschig von Dreck und Nässe, lose Felsbrocken und trügerische Laubansammlungen erschweren das Vorankommen. Am Südende liegt sogar ewiger Schnee. Der Transport eines mit Unrat gefüllten Jutesacks von ganz hinten bis zur Seilwinde dauert zehn Minuten, fünf weitere der Rückweg. Tausende zerschellter Flaschen und verrosteter Konservenbüchsen, rostige Drähte und Batterien, dubioser Bauschutt - womöglich Asbest? - sorgen für Spannung. Verletzungen kommen schon mal vor: Erst vor kurzem hat bei einem anderen Einsatz ein hervorschnellendes Metallstück einem Räumer einen Zahn abgeschlagen. Schnitte sind keine Seltenheit, Tetanusimpfungen von Vorteil.

Doch Undank ist der Welten Lohn. «Bei der ortsansässigen Bevölkerung stossen wir oft auf Unverständnis», erzählt Höhlenforscher Oliver Hitz. «Die Leute empfinden unsere Putzaktion als Einmischung, als Vorwurf, als Schuldzuweisung.» So kann es schon mal passieren, dass die Höfos oder Speleos, wie sie sich selber auch nennen, von einem lautstark schimpfenden Älpler mit Sturmgewehr im Anschlag und bellendem Hund im Gefolge empfangen werden. «Dabei wollen wir - nebst dem Grundwasserschutz - vor allem eines erreichen: die Sensibilisierung und Aufklärung der Bevölkerung», sagt Pierre-Yves Jeannin, Gründer des Schweizerischen Instituts für Speläologie und Karstforschung. «Natürlich ist das Höhlenputzen nicht unsere Hauptbeschäftigung. Wir vermessen, erforschen und entdecken vor allem», sagt der 41-jährige Hydrogeologe, der seit 26 Jahren Höhlen erkundet. «Der erste Mensch zu sein, der einen Flecken Erde betritt, das ist das Schönste. Das ist auf diesem Planeten nur noch unter der Erde möglich.»

Auch aus der Felsspalte raus kommt man nur über das Seil, über den 20 Meter hohen Steilhang. Oben türmen sich die Fundstücke zu surrealen Installationen. Ist der riesige Transportsack einmal oben, muss er über die Kante gehievt werden; der Boden ist rutschig, der Sack unhandlich. Die Bäumchen, an denen die Strebeseile befestigt sind, biegen sich unter der Last. Vorne an der Strasse füllen sich zwei Lastwagenanhänger.

Die Bilanz dieses Wochenendes: 10 Kubikmeter Altmetall wurden gesammelt und über die Seilwinde der Unterwelt entrissen, zudem 5 Kubikmeter Hausrat, insgesamt gegen 1,5 Tonnen Müll. Und dennoch - nach zwei Tagen harter Plackerei steht die frustrierende Tatsache fest: Geräumt ist diese Deponie noch lange nicht. Mindestens noch ein- bis zweimal so viel Unrat muss geborgen werden, bis die Gefahr für das Grundwasser gebannt ist. Für etliche Höfos bedeutet das im nächsten Jahr weitere Wochenenden Fronarbeit in der Tanna Meier. Doch wer seine Höhle liebt, der räumt sie auch auf. Und der wohl schönste Lohn für die Räumer: wenn unter all dem Schrott ein Höhleneingang verborgen läge. Terra Incognita.

Quelle: Judith Affolter
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