Es ist Samstagabend, 23 Uhr. Die Tankstelle vor den Toren Winterthurs ist hell erleuchtet. Drei Jugendliche tauchen vom Lichtermeer der Zapfsäulen ins Halbdunkel ab. Lange Haare, bunt bedruckte T-Shirts mit einschlägigen Heavy-Metal-Motiven, einer trägt ein Rollbrett unter dem Arm.

Rollbretter pflegen keinen Motor zu haben. Was hat die drei also zur Benzintränke geführt?

Der Grund ist pragmatisch. «Wir kommen her, um Bier zu kaufen. Es ist hier viel billiger als im ‹Endstation›, dem Klub, wo wir heute Abend abhängen», sagt der mit den längsten Haaren. Er ist 19 und heisst Benjamin. Die Jungs kennen den Beobachter, wir unterhalten uns nett, dürfen auch fotografieren. Kurz: Sie strafen ihr «gfürchiges» Aussehen Lügen.

Plötzlich ist der Laden proppenvoll


Die drei Jungs sind nur die erste von vielen überraschenden Begegnungen in dieser zufällig ausgewählten Samstagnacht an der zufällig ausgewählten Tankstelle zwischen Schaffhausen, Kreuzlingen und der Zürcher Agglomeration. Allerlei Menschen, denen aus verschiedensten Gründen der Tag zu kurz ist, haben ihren mehr oder weniger kurzen Auftritt auf dieser Bühne der Nachtschwärmer.

Mittlerweile ist der Laden proppenvoll. Fast alle Zapfstationen sind mit vorwiegend teuren, grossen Autos besetzt. BMW, Mercedes, Alfa Romeo, was das Herz der Autofans so erfreut. Der glänzend schwarze BMW – Frontspoiler, Heckspoiler, 4000 Franken teure Felgen – gehört dem 25-jährigen Mexho Veseli. Der gebürtige Mazedonier mit Schweizer Pass trifft sich oft hier an der Tankstelle mit seinen Kumpels, bevor sie gemeinsam das Nachtleben unsicher machen.

Es steht viel Geld auf Rädern rum. Der dunkelgrüne, riesige Mercedes gehört ebenfalls Mexhos Kollegen. Wie auch das silbrige Geschoss an der Säule nebenan, das 56000 Franken gekostet hat, wie uns der Besitzer stolz erklärt. «Wir Ausländer bezahlen unsere Autos immer bar. Leasing könnten wir uns gar nicht leisten, allein schon wegen der Vollkasko-Versicherung.» Heftiges Nicken und zustimmendes Brummen seiner Kumpels bestätigen Mexhos Kommentar. Er selber hat neben seiner Vollzeitstelle noch einen Zweitjob, um sich seine kostspielige Leidenschaft leisten zu können.

Die Stimmung ist ausgelassen, man kauft noch Proviant, bevor es losgeht.

Spirituosen und Schoggigipfeli


Sie kommen zu Fuss, mit dem Rollbrett, per Fahrrad, auf Töffli, Rollern und Motorrädern und natürlich mit dem Auto. Getankt wird jedoch nur wenig. Denn Proviant bedeutet in der Freitag- und in der Samstagnacht bei den meisten Alkohol. Nebst Spirituosen, mit denen die Tankstelle in diesen Nächten den Hauptumsatz erzielt, sind die meistgefragten Produkte Schoggigipfeli, Zigaretten sowie Milch. In dieser Reihenfolge.

Im ganzen Tohuwabohu ist wieder einmal einer abgefahren, ohne zu bezahlen. Die Belegschaft nimmts gelassen. Seit die gesamte Tankstelle videoüberwacht ist, werden die Zechpreller früher oder später sowieso ausfindig gemacht.

Schlag zwölf Uhr leert sich die Bühne, die Selbstdarsteller und Statisten sind wie von Zauberhand weggefegt. Die Nacht hat sie alle gerufen – egal, ob sie mit Thurgauer, Schaffhauser oder Zürcher Nummernschild unterwegs sind.

Rund eine Stunde lang verirren sich lediglich einzelne Autofahrer hierher, teils tatsächlich auf der Suche nach Benzin. Wer nach dem Toilettenschlüssel fragt, kriegt einen Schlüsselanhänger mit einem völlig abgegriffenen Stoffkamel in die Hand gedrückt. Allfällige Ängste hinsichtlich der Hygiene des stillen Örtchens sind aber unbegründet: Die Toilette ist in ungleich besserem Zustand als das Plüschtierchen.

Plötzlich tauchen zwei lange schwarze Ledermäntel aus dem Dunkel auf. Sie schützen ihre Träger, Anita und Tobias, nicht nur vor der Kälte, sondern wohl auch vor der Welt im Allgemeinen. Die beiden bekennenden Grufties kommen aus dem «Endstation», dem Klub, den auch Benjamin und seine Kumpels frequentieren. Eistee ist an der Tankstelle ebenfalls billiger als in der Disco.

«Uns war langweilig zu Hause»


Wieder bringt ein Schub von Autos Leben an die Tankstelle. Aus einem roten VW Golf – mit getönten Scheiben und Spoiler, versteht sich – schälen sich fünf junge Männer und ein schwarzer Hund. Der macht kurzerhand eine Schnupperrunde und schlabbert Wasser aus einem Eimer, der eigentlich fürs Scheibenputzen bereitsteht. Was er übrig lässt, benutzt der Fahrer, um murrend und motzend etwas Gelbklebriges von seiner Autotüre zu waschen. Schliesslich kann man sich so nicht sehen lassen vor der Disco. Ab in den Laden, Süsskram, Alcopops und Bier gekauft, in die Karre reingezwängt, Hund eingepackt. Und weiter gehts.

Mittlerweile ist es zwanzig vor drei. Ein violetter Kleinwagen fährt vor. Mutter Zerrin und ihre 13-jährige Tochter Dilara stechen schnurstracks in den Laden. Die beiden lassen sich beim Shoppen Zeit, scheinen einen richtigen Einkaufsbummel zu machen. «Uns war langweilig zu Hause. Da dachten wir, wir kommen hierher und kaufen was zum Naschen», bestätigt die Mutter unseren Eindruck. Etliche Süsswaren und ein Joghurt finden den Weg zur Kasse. Und jetzt? «Jetzt fahren wir wieder zurück.» Ein Blick aufs Nummernschild zeigt: Zu Hause heisst für die beiden Schaffhausen. «Ist ja nicht so weit», meint Mami.

Happy Birthday, Dalai-Lama!


Ein Asiate, der vor etwa eineinhalb Stunden mit seinem goldenen Mercedes älteren Baujahrs schon einmal hier war, taucht zum zweiten Mal auf. Diesmal in Begleitung eines jüngeren Mannes. Die beiden belagern eine der beiden Kassiererinnen, anscheinend steht ein Grosseinkauf an. Nach einigem Hin und Her sowie einem längeren Telefonat ist der Bedarf geklärt. Ihre «Beute»: etliche Kartons Bier sowie die letzten noch vorrätigen Alcopops der Marke Smirnoff Ice.

«Wir sind Tibeter und feiern hinten im Tösstal den Geburtstag des Dalai-Lama. Der war zwar schon am Donnerstag, aber die Leute haben am Wochenende eher Zeit zum Feiern», erklärt Tsering Gyurme. «Jetzt sind uns die Getränke ausgegangen, weil so viele Leute gekommen sind.»

Bei der Kaffeestation finden sich immer wieder Männer ein, die sich vom Gros der Kundschaft abheben. Zwar teils müde, aber offensichtlich nüchtern trinken sie dort ihren Kaffee, essen ein Sandwich. Es sind Taxifahrer, die während der Nachtschichten hier ihre Pausen verbringen.

Je länger die Nacht, desto feucht-fröhlicher die Besucher. Eine Gruppe Aramäer – sie legen ausgesprochenen Wert auf die korrekte Bezeichnung ihrer Herkunft – stürmt den Shop. Der Hunger habe sie hergeführt, erklärt ihr «Anführer» lautstark. Wie zum Beweis verschlingt er innert weniger Minuten einen ganzen Zopf. Anscheinend plagt ihn aber nicht nur der Hunger nach Kohlehydraten, auch Publizität hats ihm angetan: «Ihr müsst mich unbedingt mit meiner Visa-Karte fotografieren», brüllt er selbstverliebt, zückt das Plastikkärtchen und wirft sich draussen vor dem Laden ungeniert in Pose.

Umstehende beäugen interessiert die Szene. «Chasch mich au fotografiere?», fragt der eine oder andere.

Ein Schlummertrunk im Subaru


Noch immer – es ist mittlerweile gegen vier Uhr – tummeln sich etliche Besucher im Laden. Ein junger Mann kauft für seine Freundin eine Rose und eine Geburtstagskarte. Er schenke nicht immer, nur wenn er Lust dazu habe. Dieses Jahr scheint die Freundin Glück zu haben.

Ein anderer sticht in den Laden und kauft einen halben Liter Rahm. Seine Mutter habe ihn gebeten, die Sahne zu holen, weil sie vergessen hatte, welche zu kaufen, so seine Erklärung für die nächtliche Beschaffung.

Auch eine Punkband namens Bealox hat die Suche nach Ess- und Trinkbarem hierher geführt. Die beiden Lehrlinge Stefan und Raphael haben es derweil primär aufs Bier abgesehen. «Getrunken wird draussen irgendwo, die Nacht ist ja noch lang.» Auch wenn die glasigen Augen der beiden eine andere Sprache sprechen. Einen «Schlumi», vulgo für Schlummertrunk, wollen sich die vier vom Subaru-Club Schweiz noch besorgen. Immerhin müssen sie noch bis Richterswil durchhalten. Hier sind Alcopops der Favorit.

Halb fünf: Seraina und Seraina, die nicht nur denselben Namen tragen, sondern auch beide im Oktober ihren 18. Geburtstag feiern werden, spielen den Kurier für das Geburtstagsfest des Bruders von Seraina Nummer eins. Offensichtlich wurden Alkohol, Schoggigipfeli und Zigaretten Mangelware am Wiegenfest. Auf einem Roller entschwinden die beiden in die Nacht. Man ist versucht, ihnen ein «Fahrt vorsichtig!» hinterherzurufen.

«Die sind ein wenig unheimlich»


Plötzlich Invasion der Grufties. Das «Endstation» scheint seine Pforten geschlossen zu haben. Einzig die bleichen Gesichter mit den geröteten Augen heben sich vom allgegenwärtigen Schwarz der Kleidung ab. «Die sind ein wenig unheimlich», meint die jüngere Kassiererin. Zu Unrecht. Als einer mit seinem langen Ledermantel zwei Behälter mit Schleckwaren vom Regal fegt, ist ihm das offensichtlich äusserst peinlich. Wohlerzogen hilft er mit, die Schweinerei aufzuräumen.

Trotz der vielen kuriosen Leute, die die Nacht so bringt: Sie würden hier an der Tankstelle nie und nimmer am Tag arbeiten wollen, erklärt die Belegschaft unisono. In der Nacht sei es viel lustiger, man erlebe mehr, die Leute seien netter. Tatsächlich, fast schon familiär war die Stimmung.

Die Lieferung des «Sonntags-Blicks» trifft ein. Plötzlich kommt Hektik ins Personal, das die ganze Nacht äusserst gelassen und freundlich die Kundschaft bedient, den Kloschlüssel ausgegeben, Brot, Zopf und Gipfeli gebacken, leer gekaufte Regale aufgefüllt, mit Stammkunden geplaudert, den Kaffeesatzbehälter der Kaffeemaschine geleert hat – der Schichtwechsel steht an. «Wir müssen das WC noch putzen.» Es ist halb sechs und draussen bereits wieder hell. Vorhang zu.

Quelle: Jozo Palkovits