Sie war der Liebling der Forscher: Studienteilnehmerin Lisa Allen, 34, hatte mit 16 zu rauchen und zu trinken angefangen und die meiste Zeit ihres Lebens gegen Übergewicht gekämpft. Sie hatte ständig Schulden und konnte keinen Job halten. Doch die Frau, die den Forschern nun gegenübersass, war schlank und dynamisch, mit den trainierten Beinen einer Läuferin. Sie sah zehn Jahre jünger aus als auf den Fotos ihres Dossiers. Sie hatte keine Schulden mehr, trank und rauchte nicht, sie hatte eine Wohnung gekauft, ein Masterstudium begonnen und war seit über drei Jahren bei einer Designfirma angestellt.

Die Neurologen, Psychologen, Genetiker und Soziologen in Maryland hatten die vergangenen drei Jahre damit verbracht, destruktive Gewohnheiten von Leuten wie Lisa Allen zu studieren. Den Studienteilnehmern war eins gemeinsam: Sie hatten ihr Leben in relativ kurzer Zeit umgekrempelt.

«Gewohnheiten bestimmen unser Leben», sagt der US-Wissenschaftsjournalist Charles Duhigg. Gemäss aktuellem Forschungsstand bewältigen wir zwischen 30 und 50 Prozent unseres täglichen Handelns via Autopilot: wie wir uns durch den Verkehr bewegen, wie oft wir an unserem Smartphone hängen, was wir wann am liebsten essen oder wie oft wir das Fitnessstudio besuchen.

In die Wiederholungsmuster eingreifen

Routinen und Automatismen lassen den Kopf frei für die wichtigen Dinge, etwa fürs Lernen oder Kreativsein. Die Kehrseite ist allerdings, dass wir uns auch schlechte Verhaltensweisen angewöhnen; sei es den nörgeligen Ton gegenüber den Kindern oder dem Partner, sei es die Vorliebe für Nutella zum Frühstück oder Kartoffelchips vor dem Fernseher.

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Gewohnheiten sind tief im Gehirn­innern in den Basalganglien verortet. Sie bilden eine Art Handlungsgedächtnis, wo alle Bewegungsmuster abgelegt sind, die sich irgendwann einmal bewährt haben. Die Muster schildert Charles Duhigg in seinem Buch «Die Macht der Gewohnheit» als stets gleich ablaufende «Gewohnheitsschleife»:

  1. Ein Reiz versetzt das Gehirn in den «Autopilot»-Modus: Etwa sich an den Schreibtisch setzen kann ein solcher Reiz sein, das Empfinden von Langeweile oder das Nahen der Mittagszeit.
  2. Die Routine ist jene physische, geistige oder emotionale Aktivität, in die wir nach dem Auslösereiz automatisch verfallen: E-Mails checken, eine Zigarette rauchen, in die Kantine wandern.
  3. Die Belohnung ist das Gefühl, das nach Ausführen der Routine einsetzt: Es hilft uns zu bestimmen, ob es sich lohnt, eine bestimmte Gewohnheitsschleife für die Zukunft zu speichern, wobei das Hirn bestimmte Botenstoffe ausschüttet.
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Um eine Gewohnheit abzulegen oder durch eine andere zu ersetzen, muss man in diese Gewohnheitsschleife eingreifen. Journalist Duhigg etwa, der bei der «New York Times» arbeitet, wurde früher jeden Tag gegen halb vier Uhr nachmittags von einem unbändigen Verlangen nach einem gros­sen Guetsli überfallen. Er fuhr mit dem Lift zur Kantine hoch, kaufte sein Cookie und schwatzte beim Verzehr mit Kollegen. «Um herauszufinden, woraus genau die Belohnung dieses Verhaltensmusters besteht, begann ich zu experimentieren», sagt er. Statt ein Cookie zu kaufen, holte er sich einen Müesliriegel, am nächsten Tag ging er draussen spazieren, am übernächsten blieb er im Büro und unterhielt sich. So habe er entdeckt, dass die Belohnung nichts mit dem Cookie zu tun hatte – sondern mit dem Wohlgefühl eines guten Schwatzes. «Auslösereiz und Belohnung sind geblieben, aber ich habe sie durch eine andere Routine ersetzt – und so sechs Kilo abgenommen.»

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Banker: Unehrlich aus Gewohnheit

Doch nicht nur bei Individuen, sondern auch in Organisationen regiert die Macht der Gewohnheit. Bei Banken etwa ist es unehrliches Verhalten, wie eine neue Studie der Universität Zürich nahelegt. Forscher des Instituts für Volkswirtschaftslehre führten mit Bankangestellten ein verhaltensökonomisches Experiment durch. Wenn die Probanden dabei an ihre beruflichen Verhaltensnormen erinnert wurden, verhielten sie sich klar unehrlicher als ohne diesen Hintergrund. «Die Banken könnten ehrliches Verhalten fördern, indem sie berufsspezifische Normen verändern», kommentiert Forscher Alain Cohn.

Dass ein solcher Normenwandel tiefgreifende Veränderungen bewirken kann, beschreibt Charles Duhigg anhand zahlreicher Geschichten. Starbucks zum Beispiel konnte sich deshalb zum global erfolgreichen Konzern entwickeln, weil Firmen­inhaber Howard Schultz auf die normative Kraft der Gewohnheit setzte: «Starbucks entwickelte neue Aus­bildungsunterlagen, die für die Mit­arbeitenden Routinen skizzierten, um schwierige Situationen zu bewältigen – ausfällige Kunden etwa oder lange Schlangen vor der Kasse», schreibt Duhigg. Die Angestellten übten solche Konstellationen in Rollenspielen, bis die Antworten automatisch wurden. Auch Belohnungen als Bestätigung guter Arbeit wurden identifiziert: der Dank eines Kunden, das Lob der Vorgesetzten. Kurz: «Starbucks befähigte seine Angestellten, mit widrigen Momenten umzugehen, indem die Willensstärke zur Gewohnheit erhoben wurde.» Dieser entscheidende Unterschied habe auf die gesamte Firmenkultur über­gegriffen und letztlich den Erfolg von Starbucks ermöglicht.

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Eine Kaskade von Änderungen

Bei Lisa Allen zeigte sich Ähnliches: Die Wissenschaftler waren überzeugt, dass bei ihr die Entwöhnung vom ­Rauchen – ihrer früheren Schlüssel­gewohnheit – den Ausschlag gegeben hatte, auch die übrigen Routinen ihres Lebens neu zu programmieren. Allen ersetzte das Rauchen durch Jogging, und das setzte eine Kaskade von Verhaltensänderungen in Gang – wie sie ass, arbeitete, schlief, mit Geld umging und so weiter. Lieblingsprobandin war die 34-Jährige deshalb, weil sich die neuen Muster überdeutlich in ihren Hirnscans abzeichneten. «Wir sind das, was wir wiederholt tun», wusste schon Aristoteles. «Vorzüglichkeit ist daher keine Handlung, sondern eine Gewohnheit.»

Buchtipp

Charles Duhigg: «Die Macht der Gewohnheit. Warum wir tun, was wir tun»; Verlag Piper, 2014, 432 Seiten, CHF 17.90

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