Pankraz Freitag liegt das Wohl des Kantons Glarus sehr am Herzen. Der Baudirektor, der als Regierungsrat seinen Kanton im Verwaltungsrat des Stromproduzenten Axpo vertritt, ist ein vehementer Befürworter eines Ausbaus des Kraftwerks Linth-Limmern. «Es ist nicht unrealistisch, wenn von der Investition von einer Milliarde Franken rund 200 Millionen im Kanton Glarus bleiben», sagt er und meint damit: Während fünf Jahren wären 100 bis 200 Leute im Tal beschäftigt. Doch das ist nur ein Teil des Geldsegens. Vor wenigen Wochen schloss Glarus mit der Axpo einen Handel ab: 170 Millionen Franken zahlt das Unternehmen dem Kanton als Entschädigung. Zudem erhält er einen Energieanteil von 15 Prozent; das sind etwa 2,5 Millionen Franken jährlich – sechsmal mehr als heute.

Linth-Limmern ist eines von mehreren grösseren Wasserkraftwerken, dessen Leistung massiv erhöht werden soll. Weitere Ausbauschritte sind geplant bei den Werken der Rätia Energie im Puschlav, beim Maggia-Kraftwerk der Ofima im Tessin und beim Walliser Kraftwerk Nant de Drance der Atel. Der grösste und umstrittenste Ausbauschritt steht im Grimselgebiet zur Diskussion. Alle diese Bauten haben eines gemeinsam: Es sind so genannte Pumpspeicherkraftwerke.

Milliardengewinn mit Stromhandel

Pumpspeicherkraftwerke sind eine Art wassergetriebene Batterien, die dann Strom liefern, wenn er benötigt wird beziehungsweise wenn er sich am teuersten verkaufen lässt. Und das ist die Zeit über Mittag und abends an Wochentagen. Da kann der Preis für eine Kilowattstunde auf 50 Rappen klettern, während günstiger Nachtstrom bereits für zwei Rappen zu haben ist. Also wird mit billigem Strom Wasser in die Stauseen gepumpt – und in die Turbinen abgelassen, wenn Strom gefragt ist. Diese so genannte Bandenergie stammt teilweise aus Schweizer Flusskraftwerken, vor allem aber von Atom- und Kohlekraftwerken aus dem Ausland.

Mit Pumpspeicherkraftwerken lässt sich sehr viel Geld machen: Allein im vergangenen Jahr verdienten die Schweizer Werke laut Bundesamt für Energie 1,118 Milliarden Franken mit dem Stromhandel. Sie kauften den Strom im Durchschnitt zu 3,5 Rappen ein und verkauften ihn um knapp drei Rappen teurer.

Pumpspeicherkraftwerke sind Energievernichter. Für jede Kilowattstunde (kWh), die sie produzieren, benötigen sie 1,3 kWh Energie. Strom, der für 500'000 Haushaltungen reichen würde, ging im vergangenen Energiejahr allein für die Pumpspeicherung verloren. Und für diesen Pumpstrom werden enorme Mengen von klimabedrohendem Kohlendioxid ausgestossen. Heini Glauser, Energieberater und Stiftungsratspräsident von Greenpeace, hat errechnet, dass der Kanton Glarus nach dem Ausbau des Kraftwerks Linth-Limmern wegen des zugekauften Pumpstroms fünfmal mehr CO2 produzieren wird als bisher. Europaweit wird ein Drittel des gesamten CO2-Ausstosses von der Stromproduktion verursacht.

Noch immer ist indes die Ansicht weit verbreitet, der Strom aus dem Wasserschloss Schweiz sei das Nonplusultra an ökologisch sinnvoller Energie. «Das ist ein Mythos», sagt Glauser. «Pumpspeicherwerke veredeln schmutzige Energie und dienen dazu, die Gewinne der Elektrizitätsgesellschaften zu verbessern.» Gleichzeitig garantieren die Pumpspeicherwerke den Atom- und Kohlekraftwerken eine konstante Abnahme ihres Stroms.

Dass die Aussicht auf gute Gewinne einer der Gründe für den Ausbau ist, geben sogar die Vertreter der Werke zu. «Selbstverständlich spielen beim geplanten Neubau die betriebswirtschaftlichen Überlegungen eine zentrale Rolle. Wir bauen das neue Werk Nant de Drance unter anderem auch, um günstige Bandenergie zu dringend benötigter Spitzenenergie zu veredeln», sagt Andreas Meier vom Energieunternehmen Atel.

«Da geht es nur ums Geschäft»

Ob die Rechnung für die Elektrizitätsgesellschaften indes aufgeht, ist längst nicht sicher. So kommt eine aktuelle Studie der ETH Zürich unter Leitung von Daniel Spreng über die Wettbewerbsfähigkeit der schweizerischen Wasserkraftwerke zum Schluss, dass sich die Investitionen in den ersten Jahren nach dem Ausbau kaum rentieren werden. Erst langfristig wäre das der Fall. Einen Ausbau der Wasserkraft findet er dennoch grundsätzlich richtig, macht aber Vorbehalte bei den Pumpspeicherkraftwerken: «Aus Gründen der Versorgungssicherheit braucht es diese nicht. Da geht es nur ums Geschäft.»

Doch wie gut ist dieses Geschäft? Greenpeace-Vertreter Glauser ist überzeugt, dass sich die Differenz zwischen billiger Bandenergie und teurer Spitzenenergie verringern werde. Das deshalb, weil in Zukunft auf fossile Energie steigende Abgaben zu entrichten seien. Zum andern investierten verschiedene Länder in Pumpspeicherkraftwerke und Gasturbinen, was wiederum zu einem grösseren Angebot und damit tieferen Preisen von Spitzenenergie führen könnte. Das sieht Gianni Biasiutti, Direktor der Kraftwerke Oberhasli AG, anders: «Ich glaube nicht, dass es zu einer Annäherung zwischen Band- und Spitzenenergie kommt. Die ETH-Studie geht von pessimistischen Annahmen aus.»

Ihnen gehe es – behaupten die Kraftwerkbetreiber – nicht in erster Linie darum, die Bilanzen aufzupolieren, sondern um die Versorgungssicherheit. So sind sich alle grossen Elektrizitäts-Gesellschaften wie Axpo, BKW, Atel oder EOS einig, dass die Schweiz ab etwa 2020 in eine Versorgungslücke geraten wird. Um diese zu decken, brauche man die Pumpspeicherkraftwerke. Das lässt Adrian Stiefel vom WWF Schweiz nicht gelten. «Wegen der Versorgung braucht es diesen Ausbau nicht, wir geraten in den nächsten Jahren nicht in eine Knappheit. Der Ausbau hat rein betriebswirtschaftliche Gründe.» Er kritisiert, dass die Stromproduzenten ihre Prognosen als Teil einer nationalen Energiepolitik ausgäben. «Dabei erarbeiten sie schlicht eigene Unternehmensperspektiven, die klar aufzeigen, dass sie sich im europäischen Stromwettbewerb als Spitzenenergieanbieter positionieren wollen.»

Ein weiteres Argument der Kraftwerksbetreiber geht dahin, dass Pumpspeicherkraftwerke die Netzsicherheit verbesserten. In Europa werden gegenwärtig grosse Stromkapazitäten aus Wind-, Solar- und Biomasseenergie aufgebaut. Diese machen das Netz aber unstabiler, weil die Einspeisung von Strom unberechenbarer wird. Das bedingt, dass die Netze mit schnell reagierenden Kraftwerken geregelt werden. «Pumpspeicherkraftwerke in den Alpen eignen sich optimal als Regelkraftwerke», erklärt Andreas Meier von der Atel. Auch hier sieht Energieberater Heini Glauser andere Möglichkeiten wie Gasturbinen oder die Optimierung bestehender Speicherkraftwerke.

Nachdem vor einem Vierteljahrhundert der Kampf gegen Atomkraftwerke das energiepolitisch heisseste Thema war, dürfte in den kommenden Jahren die Opposition gegen die Pumpspeicherkraftwerke die Wogen hochgehen lassen. Am Grimsel hat der Kampf schon begonnen. Die grossen Umweltverbände WWF und Pro Natura haben kürzlich ihren Widerstand gegen den Ausbau dieses Werks der Kraftwerke Oberhasli AG angekündigt, und der Grimselverein mit gegen 2000 Mitgliedern hat eine 40-seitige Einsprache eingereicht. Die Verbände sind bereit, bis vor Bundesgericht zu gehen. Der Widerstand richtet sich vorerst gegen die Erhöhung der bestehenden Staumauer um 23 Meter.

Zerstörte Biotope und Moore

Nach Einschätzung des Grimselvereins beeinträchtigt das Projekt eine Landschaft von nationaler Bedeutung, überflutet wertvolle Teile des uralten Arvenwaldes sowie des Gletschervorfeldes und zerstört zahlreiche Biotope und Moore, womit es Bestimmungen der Bundesverfassung verletze. «Der Ausbau ist nicht vordringlich und nicht von nationaler Bedeutung. Die marginale Mehrproduktion wiegt das landschaftliche Opfer nicht auf. Zudem scheint mir eine verbesserte Effizienz der Energienutzung heute vordringlicher als eine Produktionserhöhung», sagt Urs Eichenberger, Präsident des Grimselvereins.

Gianni Biasiutti von den Kraftwerken Oberhasli wiegelt ab: «Es geht vorerst nur um den Ausbau der bestehenden Anlage.» Der Bau eines Pumpspeicherkraftwerks sei zwar im Investitionsprogramm, «aber entschieden ist noch nichts». Doch sollte dieser Bau kommen, ist auch da Opposition gewiss: «Wir werden niemals die Produktion von Spitzenenergie mittels Kohle- oder Atomstrom gutheissen», sagt Adrian Stiefel vom WWF Schweiz.

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