Heiligabend in einer Schweizer Kleinstadt. Die Luft ist kalt, die Strassen sind verwaist. Nur vereinzelt sind Männer und Frauen unterwegs. Hasten fröstelnd ihrem Bestimmungsort zu. Einzig am Wurststand nahe der Hauptstrasse steht ein Grüppchen, die Hände tief in den Manteltaschen vergraben. Als gastronomische Alternative bleibt nur das einzige geöffnete Restaurant. Es wird von einem Inder geführt. Wer kann, sitzt zu Hause bei der Familie. Doch was machen die andern?

Für Alleinstehende bietet es sich an, zu verreisen: sich Gutes tun, nicht abwaschen müssen, festlich dinieren und am Kaminfeuer den Abend verbringen. Derartige Angebote gibt es in verschiedenen Hotels der Schweiz. Im «Alpenhof» in Unterbäch im Wallis etwa kostet das Dreitageangebot 450 Franken; inbegriffen sind täglich ein Mehrgangmenü, die Bescherung am Heiligen Abend, je eine Feier in der Kirche und auf dem Dorfplatz. Sogar ein Schneeschuhlauf am Weihnachtstag und ein Konzert gehören dazu. Eine Liste mit entsprechenden Hotelangeboten bietet die Homepage von Schweiz Tourismus: www.MySwitzerland.com/weihnachten.

Der bunte Mix bei der Heilsarmee


Leider können sich das nicht alle leisten. Deshalb organisiert die Heilsarmee ihre traditionellen Weihnachtsfeiern. «Alle sind eingeladen», so Jacqueline Botchey, die mit anderen den Anlass an der Laupenstrasse in Bern organisiert. «Bei uns kommen ganz verschiedene Menschen zusammen. Jeden Alters, aus verschiedenen Kulturen.» Der Partyservice liefert darum weder Schweinefleisch noch das früher übliche Fondue. Der Anlass wird mit einem Teil der Einnahmen aus der Topfkollekte finanziert. Für die Helferin ist die Weihnachtsfeier der schönste Tag im Heilsarmee-Jahr: «An manchen der dekorierten, kerzenerleuchteten Achtertische wird geplaudert, an anderen ist es eher still», beschreibt Botchey die Stimmung des Abendessens, das ohne Alkohol auskommt. Bemerkenswert sei, dass die «Heilssoldaten» weniger Leute auf der Strasse auflesen müssten als früher. Das Netz der Hilfswerke scheine an den Feiertagen nicht schlecht zu funktionieren.

Wem es gar nicht nach Christbaum und Weihnachtsliedern zumute ist, dem sei zu folgendem Geheimtipp geraten: Gehen Sie in ein chinesisches Restaurant. Weil die Wirtsleute buddhistischen Glaubens sind, geht es da meist zu und her wie an einem gewöhnlichen Kalendertag.

Dasselbe gilt sogar bei der «Dargebotenen Hand» (Telefonnummer 143): «Während des Weihnachtsfestes haben wir nicht mehr Anrufe als sonst. Die Feiertage beginnen für die meisten schon im November, wenn die Leute überlegen, ob sie irgendwo eingeladen werden oder ob sie jemanden zum Einladen haben», sagt Tony Styger vom Zürcher Büro der Telefonseelsorge. «Einsamkeit bleibt – nach psychischen Problemen – der zweithäufigste Beweggrund, uns zu kontaktieren.» Denen, die sich aufraffen mögen, rät er, unter die Leute zu gehen.

Mit anderen Leuten gehts am besten


Vielleicht an einen Bahnhof? Oder an einen Imbissstand im Zürcher Niederdorf? Dort sei einiges los am 24. Dezember, berichtet Carlo vom Calypso Take Away: «Wir haben 365 Tage im Jahr geöffnet, bei uns kannst du immer vorbeikommen. Natürlich kommen an Weihnachten auch einsame Menschen. Weil sie keine Familie haben», erzählt er. «Dann trinken sie entweder ein Glas zu viel oder haben den Moralischen. Es ist eine andere Stimmung als üblich.» Einen Trost hat er für Alleinstehende: «Schon am 26. Dezember ist die Sache vorbei.»

Wer richtig den Weihnachtsblues hat, ist vielleicht doch in der Kirche am besten aufgehoben. Bei André Feuz, Pfarrer an der Offenen Kirche Basel, kommen dann im Vergleich zu den Sonntagen auch jüngere Menschen in den Festtagsgottesdienst, der um 23 Uhr beginnt und bei dem Licht und Musik einen hohen Stellenwert haben. Der Anlass solle trotzdem eine liturgische Feier sein: «Im Gegensatz zu den gewöhnlichen Kirchen setzen wir aber nicht voraus, dass alle wissen, was als Nächstes kommt.»

Während der Feiertage sind viele Kirchen besser besucht als übers Jahr. Weil Weihnachtslieder gesungen werden, die Organisten oft längere klassische Werke spielen, grosse Christbäume hell erleuchtet in den Kirchenschiffen stehen. Einige Gottesdienste finden sogar im Wald statt. Pfarreien und Kirchgemeinden kennen das detaillierte Angebot.