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WeihnachtsfrustKrach beim Fest der Liebe?

Frage: Mit Weihnachten verbinde ich die schönsten Kindheitserinnerungen. Ich freue mich immer auf die Tage mit der Familie, aber dann holt mich die Realität ein: Es gibt Streit und Missstimmung unter dem Baum.

Konflikte unter dem Weihnachtsbaum? So sorgen Sie vor.
von aktualisiert am 04. Dezember 2017

Antwort von Christine Harzheim, Psychologin FSP und systemische Familientherapeutin:

Für viele von uns hat Weihnachten eine grosse emotionale Bedeutung. Zugleich krachts in vielen Familien beim Fest der Liebe gewaltig. Man hat sich lang nicht gesehen, trifft aufeinander, und spätestens nach dem zweiten Aperitif lädt der Grossonkel mit einer zynischen Bemerkung über Minderheiten zu einer Grundsatz- und Wertediskussion ein.

Oder aber man findet sich unversehens in persönlicheren Themen der Beteiligten wieder, zum Beispiel Arbeits-, Kinder- oder Erfolglosigkeit, Partnerwahl und Modestil. Obwohl das Bedürfnis nach Besinnlichkeit und Frieden so gross ist, entladen sich hier gern alte, wiederkehrende und unter dem Teppich schlummernde Konflikte.

«Countdown am Adventskalender, Guetsliduft, Monstereinkäufe und Grossputz, als gäbe es kein Morgen.»

Christine Harzheim

Wie kommt das? Und was kann man tun? Zunächst einmal ist die Choreografie der Weihnachtszeit auf eine Steigerung bis zum Höhepunkt angelegt. Schon zwei Monate vorher wird eingestimmt. In jedem Geschäft, in jeder Werbung schneit und glitzert es, alle freuen sich und haben es harmonisch. In Schule und Arbeitswelt wird geschmückt und gewichtelt, was das Zeug hält. Schliesslich der Countdown am Adventskalender, Guetsliduft, Monstereinkäufe auf der Zielgeraden und Grossputz, als gäbe es kein Morgen. Dann: alle Maschinen stopp. Kinder unter Hochspannung, Eltern erschöpft, und man stolpert in drei lange, leere Tage, an denen es gilt, glücklich zu sein und sich lieb zu haben.

Wunsch, dass sich alle nach Wunsch verhalten

Alle haben aus ihrer Kindheit ganz persönliche, oft idealisierte Bilder von Weihnachten und bringen Wünsche und Vorstellungen mit. An diese knüpfen wir Erwartungen. In der Soziologie spricht man von normativen Erwartungen – also dem Anspruch, dass sich andere entsprechend meinen Erwartungen verhalten. Was schon in einer Zweierbeziehung anspruchsvoll ist, wird natürlich umso komplexer, je mehr Leute beteiligt sind.

Kinder, Eltern, Grosseltern, alle gehen mit solchen sich oft widersprechenden normativen Erwartungen ins Weihnachtsgeschehen. So soll es gleichzeitig spirituell und unterhaltsam sein, besinnlich und lustig, schnell gehen und lang dauern, mit Weihnachtsliedern, ohne Versli, mit Klavier, aber ohne Blockflöte, mit TV-Verzicht oder mit «Kevin allein zu Haus», Wachskerzen am Baum und elektrischen Lichterketten et cetera.

Wenn unsere Erwartungen nicht erfüllt werden, sind wir tief gekränkt und irritiert. Die Feierlichkeiten verlaufen nicht so «heilig», wie wir uns das ausgemalt haben. Eine anspruchsvolle Erwartungshaltung rührt nicht nur zur Weihnachtszeit an einen psychologischen Grundkonflikt: Wer etwas erwartet, weist dem andern eine Rolle zu. Doch der Impuls zur Selbstbestimmung ist angeboren, deshalb aktiviert er damit Widerstand. Der andere fühlt sich in seiner Freiheit eingeschränkt. Er muss sich entscheiden: Verzichte ich auf meine Autonomie, spiele also mit? Oder verweigere ich das Erwartete und riskiere den Konflikt?

Wie dem Beziehungsstress vorbeugen?

  • Werden Sie sich bewusst, was Ihre Vorstellungen und Bedürfnisse sind für die Advents- und Weihnachtszeit. Was ist Ihnen wichtig? Was tut Ihnen gut? Wie hätten Sie es gern?
  • Tauschen Sie Ihre Vorstellung über Ablauf und Dauer frühzeitig mit allen Beteiligten aus.
  • Überlegen Sie, welche Form am besten dazu führt, dass alle einigermassen zufrieden sind.
  • Bauen Sie Pausen und Rückzugsmöglichkeiten ein, bieten Sie Kindern Möglichkeiten, Spannungen zu entladen (rausgehen, toben).
  • Vor der grossen Feier: Sie wissen ja, wer kommt. Werden Sie sich vorher klar, welche Themen Sie umschiffen wollen und wie Sie reagieren können, wenn jemand «heisse Aussagen» macht. Zum Beispiel so: «Über dieses Thema möchte ich an Weihnachten nicht mit euch reden. Darüber können wir gerne ein anderes Mal streiten.
     

Grundsätzlich empfiehlt es sich, den Ball flach zu halten, damit man nicht von der Realität zu Fall gebracht wird. Echte Besinnlichkeit und echte Zuwendung zum anderen spart auch schwierige Gefühle nicht aus. Trauer, Enttäuschung und Wut machen die Weihnachtszeit nicht weniger friedvoll, wenn wir sie als wichtige Teile menschlichen Erlebens anerkennen und würdigen.

SMS Dialog: Schöne Bescherungloading...