Die erste Beobachter-Website war schlicht – um nicht zu sagen simpel. Die Frontseite zeigte den Beobachter-Schriftzug, die Besucherinnen und Besucher hatten Zugriff auf einige wenige Artikel, und sechs Verknüpfungen führten zu Rubriken wie «Beratung», «Umfrage» oder «Hot-Links». Jeder, der heute zu Hause an einer persönlichen Website werkelt, kann es besser. Kein Wunder: Zehn Jahre sind mittlerweile vergangen, seit der Beobachter als erste Schweizer Zeitschrift mit beobachter.ch online ging.

1995 – das ist in Begriffen des Internets Frühzeit. Dem Roboter R2D2 im Filmklassiker «Krieg der Sterne» nicht unähnlich, ächzten, knirschten und kreischten damals die Modems, bis sie sich endlich – begleitet von einem triumphierenden «Doing» – einwählten in die «Datenautobahn», wie man das Netz auch nannte.

Rund 30 Seiten umfasste der damalige Web-Auftritt des Beobachters. Wer heute beobachter.ch anklickt, dem stehen über 10000 Seiten zur Verfügung. «Gute Inhalte, aufgeräumtes Design, einsichtige Menüführung»: So urteilte vor wenigen Monaten «Anthrazit», das unabhängige Schweizer Magazin für digitales Leben, und platzierte in einem Test der besten Zeitungs-Websites jene des Beobachters auf Rang drei.

Seit dem Redesign von 2003 ist die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift für alle Benutzer frei zugänglich, das Archiv – es umfasst rund 8000 Seiten – steht den Abonnenten offen. Der kostenlose Zugriff auf redaktionelle Seiten, in der Medienlandschaft inzwischen eine Seltenheit, wird zumindest auf absehbare Zeit hin bleiben. «Wer die Beobachter-Homepage wählt, sucht in der Regel eine Lösung für ein Problem. Wenn er nun aufgrund eines Inhaltsbeschriebs einen Artikel kaufen müsste, der ihm nicht weiterhilft, wäre die Enttäuschung gross», sagt Monica Muijsers, Leiterin der Online-Redaktion. Support erhält die Fachfrau auch von oben: «Die Vorstellung, dass abkassiert wird, kaum dass man auf der Website gelandet ist, widerstrebt mir», sagt Chefredaktor Balz Hosang.

Heute aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken, umwehte das Internet vor zehn Jahren noch der Hauch des bahnbrechend Neuen. Viele ahnten eine kleine Revolution: «Wir hatten relativ früh das Gefühl, dass das eine tolle Sache wird», sagt Hans Ott. Er war damals zuständig für den Aufbau des Internetportals – Arbeit für Pioniere. «Das Wissen, wie eine Website zu programmieren ist, musste man sich selber aneignen – aus Büchern, von Kollegen oder auch einfach durch Ausprobieren.» Bilder mussten sparsam eingesetzt werden: Sie wirkten sich wegen der geringen Übertragungskapazitäten sofort negativ auf die Ladezeiten der Seite aus.

Wie ist das Wetter in Seattle?Die Möglichkeit, mit anderen Computern überall auf der Welt in Echtzeit verbunden zu sein, sorgte für Euphorie. «Fast täglich rief uns der damalige Verlagsleiter Beat Lauber begeistert zu sich ins Büro. Er sei jetzt mit Seattle verbunden und könne schauen, wie das Wetter dort sei», erinnert sich Muijsers.

«Wir fuhren eine Multimedia-Strategie. Das Internet sollte neben Zeitschrift, Beratung, Buchverlag, Radio und Fernsehen ein weiteres Medium sein. Wir wollten noch mehr Leute schnell und mediengerecht bedienen», sagt Lauber, der heute Mitglied der NZZ-Gruppenleitung ist.

Bei der Frage, wie mit dem Internet Geld verdient werden könne, seien Verlagsleitung und Redaktion aber nicht immer einer Meinung gewesen. Die Journalisten hätten «eine gewisse Scheu vor der Kommerzialisierung» an den Tag gelegt, so Lauber. Der Online-Redaktion ging es vor allem darum, die Seriosität zu bewahren. «Wir wollten nur relevante Inhalte, keine Spielereien», erinnert sich Muijsers. «Der Internetauftritt ist die einzige Möglichkeit, eine Gesamtsicht des Beobachters zu geben», ist Chefredaktor Hosang überzeugt. «Die Entwicklung verläuft rasant, wir müssen handlungsfähig bleiben.»

Nicht alles, was der Beobachter in den Anfängen plante, wurde ein Erfolg. Das Terminal auf der Skipiste entpuppte sich sogar als eigentlicher Flop: Jugendliche hätten sich von diesem Terminal aus Videobotschaften schicken sollen. Die Jugend aber machte auf der Piste, wozu sie eigentlich hergekommen war: Ski fahren. Das Terminal fror unbeachtet vor sich hin, bis es seine Erfinder wieder in die Wärme holten – und für alle Zeiten in die Rumpelkammer stellten.

1997 wurde die Website des Beobachters gehackt. Die Hacker ersetzten einen Teil der Mitarbeiterfotos im Impressum durch Pornobilder. Dass sich jene Angestellten, die die Hacker-Aktion bekleidet überstanden hatten, königlich über die neuen Porträts ihrer Kollegen amüsierten, milderte deren Empörung auch nicht.

Zum Angebot von beobachter.ch gehört seit den Anfängen die Online-Umfrage: Per Mausklick können die Leserinnen und Leser ihre Meinung zu einem aktuellen Thema im Heft abgeben. Manchmal haben gewisse Kreise offenbar das Gefühl, dass diese einer kleinen Korrektur bedarf: Die Frage nach der Zufriedenheit mit den Dienstleistungen der Post etwa löste eine Lawine positiver Antworten aus – eigenartigerweise anonym und von ausländischen Servern abgeschickt. Auch die Frage, ob die Sicherheit der Atomkraftwerke gewährleistet sei, stiess auf grosses Interesse: Der Server der Nordostschweizerischen Kraftwerke (NOK) schickte Hunderte von Antworten – alles Jastimmen.

Ein Grossteil der Besucherinnen und Besucher klickt beobachter.ch wegen des Selbsthilfe-, des Konsum-, des Computer- oder des Gesundheitsforums an (siehe Nebenartikel «Zehn Jahre: Zehn Beobachter-Foren im Internet»). «Die Foren bringen uns nebst den Artikeln die meisten Zugriffe», sagt Monica Muijsers. Jeder Beitrag wird auf seine Übereinstimmung mit der Netiquette, den Anstandsregeln im Netz, geprüft. «Bei Eingriffen sind wir sehr zurückhaltend, denn die Foren gehören den Nutzern», erklärt die Online-Expertin. Kein Pardon gibt es aber für jene, die ein Forum missbrauchen wollen. So werden etwa Einträge von zweifelhaften Therapeuten im Selbsthilfeforum sofort gelöscht. Muijsers: «Es macht mich richtig hässig, wenn Geschäftemacher versuchen, die Notlage anderer Menschen auszunutzen.»

Im Forum funkte esRund 200 Forumsbeiträge werden pro Tag geschrieben. Die meisten Einträge an einem einzigen Tag gab es anlässlich der Anschläge vom 11. September 2001: rund 500. Aber auch die Themen über Sozialhilfe und Ausländer beschäftigen die Besucher stark. Als der Beobachter vor drei Jahren eine Titelgeschichte zum Thema Ausländerfeindlichkeit publizierte, wurden in den Foren 141 Diskussionen mit 1056 Beiträgen eröffnet – Rekord.

In den Foren bleibt aber auch Raum zum Schmunzeln: Einmal verhandelte eine Diskussionsrunde tagelang, wie man eine Ameise, die man unfreiwillig nach Hause gebracht hat, tiergerecht ins Schwimmbad zurückbringt. Ein anderes Mal funkte es zwischen zwei Forumsteilnehmern. Die anderen Nutzer bekamen alle Kapitel der Liebesgeschichte mit – vom süssen Anfang bis zum bitteren Ende.

Um Missbräuchen vorzubeugen, muss sich seit Anfang Oktober registrieren lassen, wer in den Foren von beobachter.ch diskutieren will – notabene «der einzigen Website, die nebenbei eine Zeitschrift mit einem Millionenpublikum hat», wie es Online-Redaktor Fred Frohofer durchaus selbstbewusst formuliert.

Quelle: Igor Kravarik
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