1586 Franken für eine Behandlung von Ohrenschmerzen? Eine Patientin erlebte im Spital Davos eine böse Überraschung. Bild: PD (Pressedienst)

Spital DavosFantasiepreis für Ausländerin?

Eine junge Britin lässt sich im Spital Davos behandeln. Bei der Rechnungsstellung läuft fast alles schief. Wollten die Mediziner die Grenzen des Erlaubten austesten?

von Gian Signorell

Der Schmerz im Ohr setzte im Flieger von London nach Zürich ein. Auf der Fahrt nach Davos wurde er unerträglich. Faye Merrony, 23, und ihre Mutter Jane gingen direkt ins örtliche Spital statt wie geplant auf die Skipiste. Die junge Britin wurde in der Notfallaufnahme behandelt.

Die Ohrenschmerzen klangen ab, die Merronys verbrachten eine erholsame Woche und reisten dann an ihren Wohnort Turnpike Cottage zurück, ein Dorf in Südwales. Dort erreichte sie drei Monate später die Rechnung aus dem fernen Davos. Jane Merrony traute ihren Augen nicht: 1586 Franken forderte das Spital.

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Waren es 20 Minuten oder 55?

Die Behandlung hat sich nach Darstellung der Merronys wie folgt abgespielt: Ein Assistenzarzt befragt sie zu den Schmerzen, untersucht das Ohr und stellt ein perforiertes Trommelfell fest. Diese Diagnose lässt er sich von einem ranghöheren Arzt bestätigen. Die beiden verlassen den Raum, der Assistenz­arzt kommt zurück und verschreibt Antibiotikatropfen. «Nach meinem Empfinden hat die ganze Untersuchung wenig mehr als eine Viertelstunde gedauert», sagt Jane Merrony.

Als sich die Britin die für Laien schwer zu lesende Rechnung genauer anschaut, fällt ihr sofort die mit 850 Franken teuerste Position «Neurostatus» auf – eine einfache fachärztliche Untersuchung, bei der etwa Reflexe oder Schmerzempfindlichkeit geprüft werden. Nicht weniger als fünf solcher Untersuchungen verrechnet das Spital Davos. Jane Merrony beschwert sich und erhält wenige Tage später eine korrigierte Rechnung mit einmaligem Neurostatus über 714 Franken. Doch Faye und Jane Merrony sind sicher: Ein Neurostatus ist gar nicht erhoben worden.

«Das Spital hat den zulässigen Rahmen bis an die Grenze ausgeschöpft und die Patientin klar unwirtschaftlich behandelt.»

Sandra Kobelt, Santésuisse

Jetzt prüfen die Britinnen auch den Rest etwas genauer. Die Konsultations­zeit scheint ihnen mit 45 Minuten viel zu lang, und sie wundern sich über ­Positionen wie «Ärztliche Leistungen in Abwesenheit des Patienten», «Nicht formalisierter Bericht» oder «Nichtärztliche Betreuung ambulanter Pa­tienten». Diese Position umfasst gemäss dem Tarifkatalog Tarmed vier Leistungen: die Aufnahme des Patienten auf der Abteilung, Information und Anweisungen, Medikation und Wundpflege sowie Überwachung und Pflege bis zum Austritt. «Ich konnte mir nicht erklären, was damit gemeint sein soll», sagt Jane Merrony.

«Patientin unwirtschaftlich behandelt»

Nach einer weiteren Reklamation sendet das Spital erneut eine korrigierte Rechnung, ohne Neurostatus: total 553 Franken. Bei der Leistungserfassung sei ein Fehler passiert. An den übrigen Positionen hält man fest: «Der Patientin liegt eine Rechnung vor, die ihren ambulanten Behandlungsprozess abbildet und den Regeln des Tarmed entspricht. Für die Fehler bei der Rechnungsstellung haben wir uns bei der Patientin entschuldigt», sagt Spitaldirektor Hans-Peter Wyss.

Der Beobachter liess die Rechnung vom Branchenverband der Schweizer Krankenversicherer prüfen. «Das Spital Davos hat hier den zulässigen Rahmen bis an die Grenze ausgeschöpft und die Patientin klar unwirtschaftlich behandelt», sagt Sandra Kobelt von Santésuisse. Dem Verband sind aber die Hände gebunden, denn Faye Merrony fällt in die Kategorie der ausländischen Selbstzahler – und damit nicht unter das schweizerische Krankenversicherungsgesetz.

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Veröffentlicht am April 13, 2017