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Partnervermittlung150'000 Franken weg

Bild: Getty Images

Eine 64-Jährige suchte einen Wanderpartner und vertelefonierte ihre gesamten Ersparnisse: die Firma Live-Channel und ihr fieses Spiel mit der Einsamkeit.

von Ursula Gabathuler

Eva Keller (Name geändert) hat vier Paar Wanderschuhe, aber keinen Partner. Das Inserat der «Kontaktbörse» im Zürcher «Tagblatt» stach ihr deshalb ins Auge: «Wanderpartnerin gesucht». Die 64-Jährige meldete sich und bekam einen Rückruf von Live-Channel, dem «aufgestellten Plauder- und Kennenlern-Telefon». Eva Keller, seit einem Jahr in Rente und etwas einsam, tappte in die Falle.

«Ein junger Mann, er nannte sich Diego, bat mich, eine 0901-Nummer zu wählen, er verbinde mich dann mit Max, dem Wanderer», erinnert sich Keller an die ersten Anrufe von Live-Channel. Was dann kam, kann sich die ehemalige Arztsekretärin heute nicht mehr erklären: «Ich war so naiv.» Diego meldete sich mehrmals täglich und bat um Rückrufe auf verschiedene 0901-Nummern. Dann könne er sie mit Max verbinden, der in der anderen Leitung warte. Der Vermittler tat alles, um Keller am Telefon hinzuhalten. Er erzählte ihr detailliert von Max, dann wieder plauderte er mit ihr über ihr einsames Leben, über ihre Enkel oder über Kochrezepte. Der Gebührenzähler tickte: Fr. 4.99 pro Minute. «Wenn ich den Hörer auflegte, klingelte das Telefon erneut, und Diego meinte, ich könne doch jetzt nicht aufgeben. Das könne ich Max nicht antun, er hätte gerade gestern neue Wanderschuhe gekauft.»

«Es war wie eine Sucht»

Während der nächsten Monate wurden die Plauderstunden mit Diego zu Eva Kellers Lebensinhalt. An manchen Tagen sprach sie zehn Stunden mit ihm - aber nie mit Max. «Es war wie eine Sucht. Das Telefon klingelte den ganzen Tag. Ich habe x-mal den Hörer aufgelegt, doch wirklich wehren konnte ich mich gegen den Telefonterror nicht.» Die Zürcherin, die normalerweise für 30 Franken im Monat telefoniert, musste plötzlich fünfstellige Rechnungen bezahlen. Die Spitze erreichte sie im April 2006 mit 66'371 Franken.


Wenn ein Telekomanbieter wegen der hohen Rechnungen den Anschluss für die 0901-Nummern sperrte, forderte Diego sie auf, ein neues Abonnement bei einer anderen Gesellschaft zu lösen. Eva Keller tat es, sie war dem Agenten hörig.

Erst nach sechs Monaten und mit Unterstützung ihres Arztes konnte sie sich aus den Fängen von Live-Channel befreien. Um ihre Telefonrechnungen von insgesamt 156'508 Franken zu bezahlen, hatte Keller mit grossem Verlust ihre Rentenversicherung zurückgekauft. «Ich bin wie aus einem Alptraum erwacht, mein ganzes Erspartes ist weg. Wenigstens kam ich ohne Schulden davon.»

Das gelingt nicht allen, die durch die Kontaktbörse-Inserate von Live-Channel in diversen Tageszeitungen in die Falle tappen. Bei Brigitte Pérez von der Telekom-Schlichtungsstelle Ombudscom melden sich immer wieder Menschen, die für mehrere tausend Franken telefoniert haben und die Rechnung nicht bezahlen können. «Die Telefonkunden haben stark den Eindruck, dass das Vorgehen von Live-Channel täuschend und betrügerisch ist», so Pérez. «Wir fordern die Telefongesellschaften immer wieder auf, die Praktiken solcher Firmen unter die Lupe zu nehmen.» Auch der «Kassensturz» berichtete bereits im Jahr 2005 darüber, wie Live-Channel einsame Menschen skrupellos ausnutzte.

Doch die Telekomfirmen sehen keinen Handlungsbedarf. Es reiche, die Kunden bei ungewohnt hohen Rechnungen zu warnen und die 0901-Nummern temporär zu sperren, erklären unisono die Sprecher von Orange, Tele2 und Swisscom. Gegen die Betreiber der 0901-Nummern will niemand vorgehen. «Rechtlich besteht kein Handlungsrahmen, einem solchen Anbieter zu kündigen. Letztlich bleibt es dem Anrufer überlassen, ob er das Angebot annehmen will oder nicht», weist Swisscom-Sprecher Josef Frey die Verantwortung von sich. Die Swisscom stelle die Nummern zur Verfügung und übernehme das Inkasso. Dafür behalte sie acht Prozent der Einnahmen. Das waren im Fall von Keller rund 2500 Franken.

Wunschpartner in der Waschküche

Hinter Diego und den 0901-Nummern von Live-Channel und den «Kontaktbörsen» in diversen Tageszeitungen steckt Oliver Paschaweh mit seinen Firmen Sarenag AG und Communication Service Center CSC. Paschaweh möchte zum Fall nicht Stellung nehmen und verweist auf die Firma Ragunt AG, die «die inhaltliche Verantwortung» trage. Diese lässt auf Anfrage verlauten: «Wir sehen kein Fehlverhalten unsererseits.» Die Angelegenheit scheint für sie damit erledigt zu sein.

Nicht aber für die Zeitungen. «Bis der Sachverhalt geklärt ist, haben wir die Publikation des Inserats per sofort gestoppt», sagt Christoph Zimmer vom Zürcher «Tagblatt». Und Jürg Weber von der «Neuen Luzerner Zeitung» möchte die Zusammenarbeit mit Paschaweh überprüfen, falls sich herausstellt, dass dieser mit unsauberen Methoden arbeite: «Wir wollen unsere Leser auf keinen Fall abzocken.»

Unterdessen machen Diego und seine Kollegen weiter. Bei Ruth Braun (Name geändert) war es ein Inserat in der «Neuen Luzerner Zeitung». Die 37-Jährige merkte erst nach zwei einstündigen Telefonaten mit Live-Channel, dass da etwas nicht stimmte. «Die Agentin versprach immer wieder, mich mit dem Wunschpartner zu verbinden, doch dann musste dieser zuerst noch rasch Wäsche holen im Keller oder einen Kaffee zubereiten.» Braun legte am Ende entnervt auf. Seither wird sie täglich von Telefonanrufen belästigt. Wie sie die Rechnung von rund 1000 Franken bezahlen soll, weiss die allein erziehende Mutter von drei Kindern nicht.

Veröffentlicht am 2007 M01 15