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SchenkkreiseDie Geldvernichter

Bild: Jupiterimages

Der Beobachter war inkognito beim Schenkkreis «Spirit of Independence» dabei. Wieso mit solchen Kreisen nicht zu spassen ist.

von Andrea Haefely

Sie erinnern an Lemminge. Als würden sie von einer unsichtbaren Kraft angezogen, hetzen Dutzende von Männern und Frauen bei Sonnenuntergang in Richtung Sommertalhalle, einer Mehrzweckhalle in Meersburg auf der deutschen Seite des Bodensees. Es sind Auswärtige; ihre Autos tragen grösstenteils Schweizer Kennzeichen. Ihr Ziel: eine Zusammenkunft des Schenkkreises «Spirit of Independence».

Vor dem Eingang zur Halle stehen zwei Sicherheitsmänner, die - schwarzer Anzug, bordeauxfarbenes Hemd und fein ziselierte Gesichtsbehaarung - einem Moskauer Nachtklub zur Ehre gereichen würden. Die Habitués weisen sich mit einer goldenen Plastikkarte aus und müssen ihre Gäste anmelden. Jeder Teilnehmer wird mit Vornamen und Geburtsdatum registriert. Dann noch ein Stempel aufs Handgelenk und rein in die Halle.

«Du wirst schon sehen, es ist suuuper!»
Da sich Schenkkreise im Dunstkreis der Illegalität bewegen, wird den Mitgliedern erst am Tag der Veranstaltung gegen Mittag per SMS ein Code übermittelt, mit dem sich auf einer Liste der Veranstaltungsort nachschauen lässt. Ebenso wenig wissen Neulinge, worum es an diesem Abend geht. «Wir stellen dir unser Projekt vor. Es geht um Finanzen, wir nennen es auch gern die Vierte Säule. Du wirst schon sehen, es ist suuuper!», heisst es dann etwa. Geheimniskrämerei gehört zu Schenkkreisen.

In der Halle sitzen rund 400 Personen. Aus den Lautsprechern dröhnt die jahrmarkttaugliche Stimme des Einpeitschers Hans-Jürg. Sein Job ist es, ähnlich einem Sektenprediger, die Leute emotional so weit zu bringen, dass sie bereit sind, einem fremden Menschen 15'000 Franken zu schenken. Ohne Quittung, wohlverstanden. Hans-Jürg interviewt gerade eine etwa 60-jährige «Beschenkte»: «Heidi, nach 30 Wochen 120'000 Franken. Was macht man mit so viel Geld?» Heidi: «Ich möchte aufhören zu arbeiten und etwas Gescheiteres machen.» Schallendes Gelächter. Hans-Jürg: «Ja, das tut gut.» Er heizt die Stimmung noch mit einem zotigen, auf Heidi gemünzten Witz an. Und holt das Publikum sofort zurück zu den wichtigen Dingen: «Durchschnittlich geht es sechs Monate. Bitte machen Sie sich schon Gedanken, was Sie anziehen - es ist dann Winter.»

Sie habens auf die Frauen abgesehen
«Jetzt haben Sie eine Live-Schenkung gesehen und wissen, wie das geht.» Nachdem die Geldgier bei den Anwesenden geweckt wurde, bemüht der Conférencier «die Naturvölker» als «Urheber» der Schenkkreise, führt aus, dass Frauen durch ihre Fähigkeit zum Mitgefühl und ihr Organisationstalent besonders geeignet seien, mitzutun, und betont unzählige Male, dass dieser Schenkkreis grössten Wert auf die gegenseitige Unterstützung lege.

Schliesslich drückt er auf der Klaviatur der Emotionen die Angsttaste: «In der Schweiz gibt es eine Million Menschen, die in Armut leben. All die Tausende von Leuten, die ich schon in den Genuss der Position in der Mitte gebracht habe - das waren Menschen, denen ging es gut. Es waren aber auch Menschen dabei, denen es nicht gut ging.» Die seien dank dem Projekt wieder auf den Weg des Erfolgs zurückgekehrt, hätten gar einen Konkurs abwenden können. Jungen Menschen habe der Schenkkreis geholfen, ihr eigenes Geschäft zu eröffnen. «Und die älteren Leute, die merken, dass sie älter werden, als sie Geld haben. Was muss das für eine schreckliche Situation sein!» Die Menschen im Saal lauschen ergriffen. Es folgt die Abgrenzung: «Wir distanzieren uns von Leuten, die nur noch jammern! Uuuhuu... Wir distanzieren uns von Firmen wie Comparis: ‹Bitte vergleichen Sie diese Lebensversicherung. Wenn Sie den Anbieter wechseln, sparen Sie 16 Franken 67.› Das ist ein Witz!»

Danach die Heilsversprechung: «Wir wollen mehr Geld verdienen, als wir ausgeben können. Wollen bei einem Projekt mitmachen, bei dem wir nie mehr am Ende des Monats den Franken umdrehen müssen. Die Frage ist: Fliegen Sie Economy oder in der First Class? Geben Sie Trinkgeld oder sind Sie Trinkgeldempfänger? Wir wollen in eine Zukunft schauen, die wir verdienen. Und was für eine Zukunft das ist, entscheidet die Person, die gerade jetzt auf Ihrem Stuhl sitzt.»

Chefrhetoriker Hans-Jürg übergibt an Robi, der die rechtliche Lage erklären und diesbezügliche Ängste zerstreuen soll: «Keiner von uns wäre hier, wenn es illegal wäre.» Da in der Schweiz zwar das Schenken und Dabeisein erlaubt, die Durchführung von Schenkkreisen aber verboten sei, würden diese eben in Deutschland veranstaltet. «Ist das nicht eine bahnbrechende Kombination?», brüllt er in den Saal. Das Publikum johlt und klatscht mittlerweile jedes Mal, wenn der Sprecher auffordernd die Stimme erhebt.

«Eine richtige, grosse Familie»
Dann gibts Tipps, wie mit dem geschenkten Geld umzugehen sei: «Für den Rest über dem Steuerfreibetrag fragen Sie Ihren Steuerberater oder Ihren Gruppenleiter.» Auch das Geldwäschereigesetz müsse angeschaut werden: «Achtung! Zahlen Sie die 120'000 nicht einfach bei der Bank ein. Die müssen wegen des Geldwäschereigesetzes bei Beträgen von mehr als 20'000 Franken fragen, woher es kommt. Fragen Sie wiederum Ihren Gastgeber oder andere Leute bei uns, was zu tun ist. Es gibt hervorragende Möglichkeiten.» Weiter behauptet Robi, wohl aus juristischen Erwägungen, dass heute kein Geld in diesem Raum sei. Seltsam. Hatte nicht Hans-Jürg vor einer halben Stunde gesagt, dass sich mehr Geld in diesem Saal befinde als in «jedem andern Saal, in dem Sie je waren», und dass wir eine Live-Schenkung miterlebt hätten?

Hans-Jürg ist wieder an der Reihe. Er erklärt das System, allerdings wohlweislich nur rudimentär. Das Publikum lauscht gebannt. Ängstliche Gesichter finanziell Gebeutelter. Landwirte, deren verwerchete Hände, das Nichtstun nicht gewohnt, sich unruhig im Schoss bewegen. Alte, die sich angesichts ihrer mageren AHV vor der Zukunft fürchten. Junge, die so ungeduldig auf ihre Chance im Leben warten, dass sie sich noch so gern einlullen lassen. Als Hans-Jürg vorrechnet, dass sich mit 15000 Franken eine Rendite von 700 Prozent erwirtschaften lasse, ist die Masse nicht mehr zu bremsen. Leute springen von ihren Stühlen auf, es wird gepfiffen. Frenetischer Applaus.

Kurz darauf ist der Spuk vorbei, der Saal leert sich. Draussen stehen Menschentrauben, es sind die einzelnen Projekte mit ihren Gruppenleitern. In unserem Fall ist das Eveline, eine aufgetakelte Mittsechzigerin: «Wir fahren jetzt nach Schaffhausen zu jemandem nach Hause, zum Kennenlernen und fürs Gemeinschaftsgefühl.» Euphorisch meint ein Eingeweihter: «Jetzt lernt ihr mal eine richtige, grosse Familie kennen.» Und: «Eveline kann euch dort alles noch besser erklären.»

In der guten Stube von Familie... nennen wir sie Müller: Es ist bereits 23 Uhr. Knapp 20 Personen sind anwesend. Die potentiellen Opfer dürfen sich an den gedeckten Esstisch setzen, die Habitués gruppieren sich um den Couchtisch. Eveline setzt zum Referat an, erzählt, wie das Projekt ihr innert zweier Monate 120'000 Franken beschert habe. Die Anwesenden hängen förmlich an ihren Lippen. Dann erklärt sie, dass man bei der Suche nach Neuen am besten auf Personen abziele, die Geldprobleme haben. Die seien motivierter. Und wer nicht genügend Kapital habe, könne sich ja mit jemandem zusammentun und danach das Geschenkte teilen. Ebenso lassen sich Neulinge «verschachern»: Wer von einem andern Mitspieler einen überzähligen Einsteiger übernehmen kann, schuldet dem Spender bei erfolgter Schenkung 30'000 der 120'000 Franken. Dann folgt noch der Appell, sich unbedingt bei der Gruppe zu melden, sollten juristische Probleme auftauchen. «Unser Anwalt hilft auf jeden Fall. Wir halten zusammen.» Ein Anwalt? Seltsam, wo doch laut Robi alles rechtens ist.

Warums nicht funktioniert

Ein einzelnes Schenkkreis-Projekt besteht aus vier Kreisen. Auf dem äussersten befinden sich acht, auf dem zweiten vier und auf dem dritten zwei Personen. Die Person auf dem vierten, dem innersten Ring, erhält von den äussersten acht Mitwirkenden je 15'000 Franken geschenkt, insgesamt also 120'000. Der Beschenkte tritt aus dem Projekt aus, die Verbleibenden teilen sich in zwei neue Projekte auf. So werden insgesamt 16 Plätze auf zwei neuen äussersten Kreisen frei, die es zu besetzen gilt. Wer zu den acht Schenkenden gehörte, rutscht auf den zweitäussersten Ring nach und hat nun die Aufgabe, zwei neue Mitspieler zu finden, die 15'000 Franken verschenken. Hört sich simpel und schlüssig an, ist es aber nicht: Schenkkreise wachsen exponentiell, so dass bereits nach zwölf Runden mehr Mitwirkende gefunden werden müssen als die gesamte Weltbevölkerung. Da «Spirit of Independence» nach eigenen Angaben seit sieben Jahren in der Schweiz aktiv ist und Tausende von Mitspielern hat, sind die Chancen minim, genügend Neulinge anwerben zu können.

Lotterieähnliche Schenkkreise sind illegal

Das Bundesgericht konkretisiert, wer sich bei Schenkkreisen strafbar macht: einerseits die Gründer, anderseits alle Personen, die sich an der Durchführung solcher Veranstaltungen beteiligen - also auch jene, die einen Schenkkreis bekannt machen; dabei kann es sich auch um Leute handeln, die gar nicht teilnehmen. Straflos hingegen bleibt, wer lediglich einen Einsatz zahlt, um einem Schenkkreis beizutreten, und es dabei bleiben lässt.

Schenkkreise sind gemäss den höchsten Richtern illegale lotterieähnliche Unternehmungen, weil sie nach dem Schneeballsystem funktionieren. Konkret: Die Teilnehmer hoffen dank ihrem Einsatz auf einen Gewinn, den sie jedoch nur erzielen, wenn sie weitere Mitspieler zum Mitmachen bewegen können.

Im Fall, den das Bundesgericht zu beurteilen hatte, orientierte der eine Beschwerdeführer die Teilnehmer eines Schenkkreises über den Ablauf. Durch dieses Vorgehen hätten mögliche Interessenten zu einem Einsatz veranlasst werden können, urteilten die Richter und bestätigten die Verurteilung. Der andere Betroffene hatte Erfolg mit seiner Beschwerde: Er machte sich nicht strafbar, weil er nur einen Einsatz bezahlt hatte. Nathalie Garny

Bundesgericht, Urteil vom 31. März 2006 (6P.6 und 6S.23/2006)

Veröffentlicht am 2007 M09 19