Viele der 30000 Menschen, die jedes Jahr in Schweizer Spitälern ihre Krebsdiagnose entgegennehmen müssen, stellen sich die verzweifelte Frage: «Warum gerade ich?» Denn jeder Krebsbefund ist eine Schockdiagnose und stürzt die Betroffenen in einen seelischen Ausnahmezustand.


Die Frage macht alle hilflos – die Ärzte, das Pflegepersonal, die Seelsorger, die Angehörigen. Denn eine Antwort gibt es nicht. Zumindest keine schlüssige. Natürlich sind mittlerweile verschiedene Risikofaktoren bekannt: Rauchen, fettreiche und vitaminarme Ernährung, Bewegungsmangel – und nach neusten Erkenntnissen ist auch die genetische Veranlagung von Belang. Aber das alles ist nicht Antwort genug, denn zu viele Tumoren wuchern in Körpern von Menschen, die keiner dieser Risikogruppen angehören.


Auch Hans Jörg Schriber hat sich gefragt: «Warum gerade ich?» Ein Computertomogramm sollte die Ursachen für seine jahrelangen, quälenden Rückenschmerzen klären. Die Aufnahmen brachten eine entsetzliche Wahrheit ans Licht, die für Schriber, selber Arzt, auf einen Blick zu erkennen war: Zwei seiner Lendenwirbel wiesen Löcher auf – Knochenkrebs.


Freitod nach Jahren des Leidens

«Hier hängt mein Todesurteil», sagte der Mediziner vor seinen eigenen Röntgenbildern zu seinen Arztkollegen. «Draussen war Fasnacht», schrieb der krebskranke Arzt in Erinnerung an jenen fatalen Nachmittag im Jahr 1995, «die Zeit der fröhlichen Ausgelassenheit. Und ich sass deprimiert in einem kleinen, dunklen Zimmer und wusste, dass ich vermutlich nie mehr glücklich sein würde.» Er wurde es nicht mehr. Nach drei Jahren qualvollen Leidens und Skelettzerfall hat der Arzt seinem Leben selber ein Ende gesetzt.

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Hans Jörg Schriber hat seine eigene Krankheitsgeschichte dokumentiert. Es ist das erschütternde Protokoll eines Wissenden. Sein Buch «Im Schatten der Eule» (Rothenhäusler-Verlag, Stäfa) macht nicht Hoffnung, sondern lässt die Leserschaft fassungslos zurück. Es ist die intime Rückschau und Beichte eines Hoffnungslosen und eines schwierigen Patienten. Und es ist eine kritische Anklage gegen sich selbst, aber auch gegen zynische Ärzte, unsensibles Pflegepersonal und die medizinische Maschinerie, die sich gegen seinen Willen in Bewegung setzte.


Denn einen ersten Suizidversuch überlebt er – allen medizinischen Regeln zum Trotz. Sanfter werden Schribers Formulierungen nur, wenn er von seiner zweiten Ehefrau Brigitte spricht, die ihn bis zum selbstgesetzten Schlusspunkt liebevoll begleitet hat.


Schribers Kampf war aussichtslos, darum hat er ihn aufgegeben. Anderen gelingt es, den zerstörerischen Feind zu besiegen. Eine eindrückliche Demonstration lieferte der Profiradrennfahrer Lance Armstrong (Bild): Der junge Amerikaner litt an Hodenkrebs im fortgeschrittenen Stadium mit Ablegern, so genannten Metastasen, in der Lunge und im Gehirn.

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Nach drei Operationen und einer Chemotherapie stieg der junge Amerikaner wieder auf den Velosattel und gewann die letztjährige Tour de France überlegen – sichtlich selbstsicherer und psychisch stärker als vor seiner Krankheit. Armstrong wurde für Tausende von Menschen zum Hoffnungsträger, weil er es schaffte, die existenzielle Bedrohung in positive Motivation und in Kraft für das «zweite Leben» umzuwandeln.


Die Krebsforschung hat in den vergangenen 20 Jahren enorme Fortschritte gemacht. Für viele der etwa 100 verschiedenen Krebsarten bestehen heute dank verbesserten radiologischen, chemotherapeutischen oder chirurgischen Verfahren gute Heilungschancen. Die Experten sprechen von etwa 50 Prozent. Und auch die Lebensqualität der ambulant behandelten Patienten, bei denen der Krebs zwar nicht geheilt, aber die Wucherung doch gehemmt werden kann, hat sich massiv verbessert.

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Uneinig sind sich die Fachleute aber nach wie vor darüber, wie weit psychosoziale Faktoren und das Persönlichkeitsmuster eines Menschen für die Entstehung von Krebszellen verantwortlich sind. Gerade als die Mehrheit der Psychoonkologen von der Theorie der «Krebspersönlichkeit» wieder abkam, machte die so genannte Heidelberg-Studie Furore. Die prospektive Langzeitstudie mit über 33000 Nichtkrebspatienten bekräftigte die These der «Krebsmentalität» und kristallisierte einen Menschentypus heraus, der durch sein Verhaltensmuster das Krebsrisiko offenbar erhöht.


Eine umstrittene Studie

Die Studie stellte beim krebsprovozierenden «Typ1»-Menschen folgende Persönlichkeitsmerkmale fest: bewegungsarm, fettreiche Ernährung, ängstlich, anfällig für moralisierende Schuldgefühle, sozial eher isoliert, abhängig, unselbständig, gehemmt, anhaltendes Unwohlbefinden, negativ denkend bis depressiv, wenig Vertrauen in Selbstheilungs- und andere Heilprozesse.

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Helm Stierlin, Koautor der nicht unumstrittenen Studie, fasst das Ergebnis so zusammen: «In der "Typ-1"-Gruppe kam es mit Abstand zu den meisten Krebstodesfällen. Der "Typ-1"-Mensch fällt wesentlich durch den chronisch gewordenen Zustand des Sich-nicht-Wohlfühlens auf, traut sich wenig zu und lässt sich tendenziell auch leichter in die Hoffnungslosigkeit fallen.»


Also haben Positivdenker ein geringeres Krebsrisiko und eine grössere Uberlebenschance? Die psychoonkologische Beraterin Liselotte Dietrich kann die «Think-positive-Theorie» nicht unterschreiben – sie hat zu viele optimistische und kämpferische Menschen an Krebs sterben sehen. Jahrelang hat sie krebskranke Menschen als Onkologiekrankenschwester betreut. Heute ist sie psychoonkologische Beraterin am Kantonsspital St. Gallen. Ihre neu geschaffene Stelle ist ein schweizerisches Novum und bedürfte dringend der Nachahmung. Denn längst ist bekannt, dass die psychischen Folgen einer Krebserkrankung mindestens so schmerzvoll sein können wie die körperlichen: Etwa fünf Prozent der Krebspatienten benötigen umfassende psychiatrische Hilfe, und mehr als ein Drittel sucht für die Bewältigung der Ängste und Verzweiflung therapeutische oder andere professionelle Unterstützung.

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«Sicher ist, dass eine Krebsdiagnose jeden Menschen vorerst in ein emotionales Chaos stürzt. Man steht vor einem Berg voller Unfassbarkeit, Angst, Wut und Trauer», sagt die Psychoonkologin. «Nicht alle verfügen über eigene Strategien oder ein tragfähiges soziales Netz, um gegen die Verzweiflung vorzugehen.»


Wenns keinen Trost gibt

Liselotte Dietrich informiert, begleitet – und sie hört vor allem zu. «Krebskranke haben das Recht, Angst zu haben, traurig und auch wütend zu sein. Sie sind deswegen nicht verrückt, sondern zeigen eine normale Reaktion auf eine reelle Bedrohung.» Sind auch die Heilungschancen reell, können sich Betroffene an das Prinzip Hoffnung klammern. Bei einem negativen Krankheitsverlauf oder Rückfällen wirds auch für die Psychoonkologin schwierig: «Ich tröste nicht, weil es oft keinen echten Trost gibt, und ich masse mir auch nicht an, die Betroffenen von einem tieferen Sinn der Krankheit überzeugen zu wollen.»

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Tatsache aber sei, erklärt die Expertin, dass Krebspatienten oft an ihrer Krankheit wachsen würden und starke, tiefe Erfahrungen im persönlichen wie auch im zwischenmenschlichen Bereich machen, die ohne die Erkrankung nie möglich geworden wären. Liselotte Dietrich verwendet darum gern den sinnbildlichen Vergleich mit einem Fotoalbum: «Wie viele leere Seiten wir noch mit Bildern füllen können, wissen wir nicht. Deshalb sollten wir weniger um die Quantität der Bilder als vielmehr um deren Qualität und Schönheit besorgt sein.»


Aus den unzähligen Schicksalen, die ihr im Lauf der Jahre begegnet sind, hat die Psychoonkologin für ihr eigenes Leben eine wichtige Lehre gezogen: «Ich lebe bewusst und ich lebe jetzt. Grosse Pläne und Dinge, die Freude bereiten, verschiebe ich nicht auf später. Denn was ich gelebt habe und was ich gefühlt habe, kann mir niemand mehr wegnehmen. Auch keine Krankheit.»

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Dieser Beitrag erscheint in Zusammenarbeit zwischen Beobachter und Fernsehen DRS.

Redaktionelle Verantwortung: Balz Hosang und Monika Zinnenlauf