Beobachter: In Ihren Wartezimmern liegt der Beobachter auf. Ist dies eine Massnahme, um den Patienten die langen Wartezeiten zu verkürzen?

Kurt Hess: Es kommt vor, dass der Patient eine Viertelstunde warten muss. Dann ist der Beobachter mit seinen kritischen Artikeln, auch über Medizin, eine sehr geeignete Lektüre. Sie kann durchaus

etwas bewirken.

Beobachter: Bei Ärzten oder Patienten?

Hess: Wenn uns die Patienten auf einen Missstand in der Medizin ansprechen, so kann das auch uns zugute kommen. Wir suchen ja stets nach neuen, besseren Lösungen.

Beobachter: Gilt das auch, wenn der Beobachter über Kunstfehler der Ärzte schreibt?

Hess: Sicher. Ich hoffe, dass wir noch nie Beobachter-würdige Fehler gemacht haben. Fehlerfrei sind wir bei allen Anstrengungen nicht. Wir müssen fragen, wie Fehler entstehen können, und dabei den kritischen Patienten einbeziehen. Zu unseren Fehlern müssen wir auch stehen.

Beobachter: Zeigen Sie auch Verständnis, wenn sich der Beobachter mit den Ärztehonoraren befasst?

Hess: Damit befasse ich mich selbst seit zehn Jahren. Das traditionelle Anreizsystem funktioniert wie folgt: Je mehr Behandlungen ein Arzt dem Patienten verordnet, desto höher wird sein Honorar. Davon haben sich die HMO-Praxen verabschiedet. Wir arbeiten heute mit Kostenpauschalen. Mehr Medizin heisst nämlich nicht immer mehr Gesundheit.

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Beobachter: Oft reagieren Ärzte etwas sauer, wenn der Patient eine Zweitmeinung einholt.

Hess: Wenn sich keine Einigung mit dem Patienten ergibt, schlagen wir selbst vor, dass eine Zweitmeinung eingeholt wird. Bei Zwistigkeiten kann sich der Patient auch an den Ombudsarzt unserer unabhängigen Qualitätsstiftung wenden.

Beobachter: Lesen Sie den Beobachter auch selbst und wenn ja, haben Sie einen Wunsch an ihn?

Hess: Ich lese den Beobachter immer ziemlich vollständig. Allerdings gibt es da ein Problem: Meine Zeit ist beschränkt. Ich wäre froh, wenn der Beobachter seine Artikel etwas straffen würde. Nach 75 Jahren aktiven Daseins könnte ihm ein Check-up nicht schaden.

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