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BaumwolleDie Masse macht den Unterschied

Bild: Thinkstock Kollektion

Mit der Better-Cotton-Initiative wollen Industrie und Umweltschützer weltweit einen neuen Standard für nachhaltigen Baumwollanbau einführen.

von Hannes Grassegger

Derzeit beginnt in Indien, Pakistan und Westafrika die Aussaat für eines der ehrgeizigsten Landwirtschaftsprojekte der Gegenwart. Die neue Baumwollqualität «Better Cotton» soll weltweit etabliert werden. Ziel ist die langfristige Verbesserung der wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Bedingungen im Baumwollanbau.

Hinter dem Projekt steht der Mitte 2009 gegründete und in der Öffentlichkeit noch weitgehend unbekannte Schweizer Verein «Better Cotton Initiative» (BCI) – ein Verbund von global agierenden ehemaligen Gegenspielern und Konkurrenten wie etwa dem WWF, dem Pestizid-Aktionsnetzwerk (PAN) sowie Textilanbietern wie Nike, Adidas und H&M. Auch Verbände von Baumwollbauern engagieren sich in der Multi-Stakeholder-Initiative, wie man Gemeinschaften nennt, die gegenläufige Interessen vereinen. Ihr Ziel: messbar bessere Bedingungen im Baumwollanbau – weltweit. Mindestens 100'000 Farmer sollen im Jahr 2012 BCI-Baumwolle produzieren. Angestrebt wird ein Weltmarktanteil von 1,3 Prozent: das Doppelte dessen, was die Biobaumwolle innert 20 Jahren erreicht hat.

90 Prozent Kleinbetriebe

Die BCI hat sich damit einiges vorgenommen, denn der Baumwollmarkt ist riesig: Rund 300 Millionen Menschen sind in der Baumwollindustrie tätig. Riesig sind auch die im Anbau benötigten Mengen an Chemikalien. Terry Townsend, geschäftsführender Direktor des Weltbaumwollrats (ICAC, International Cotton Advisory Committee), schätzt, dass für eine Million Tonnen Baumwolle über 400'000 Tonnen Dünger und Pestizide benötigt werden. Die weltweite Produktion beläuft sich auf rund 24 Millionen Tonnen Baumwolle jährlich. Weil der begehrte Rohstoff vor allem in heissen und trockenen Gegenden angebaut wird, ist der Wasserverbrauch enorm. Ausserdem sind die meisten der mehr als 80 Produktionsländer Entwicklungsländer, und neun von zehn Baumwollfarmen sind Kleinbetriebe.

Baumwolle ist nicht nur eines der in der Herstellung umweltschädlichsten Agrarprodukte, auch die Arbeitsbedingungen im Anbau sind vielerorts prekär. Seit den frühen 1990er Jahren engagieren sich Bio- und Fairtrade-Organisationen für verbesserte Anbaumethoden, die möglichst keine Bodenerosion und Grundwasserverseuchung verursachen, und sie setzen sich für faire Löhne ein. Mit einigem Erfolg: Mittlerweile haben rund 220 000 Farmer von der herkömmlichen auf Biobaumwollproduktion umgesattelt. Trotzdem macht der Anteil der Biobaumwolle auf dem globalen Markt nur gerade 0,7 Prozent aus, derjenige von Fairtrade noch deutlich weniger.

«Das ist gut, aber zu wenig», sagt Walter Wagner, Leiter des Bereichs Wasser beim WWF Schweiz und BCI-Mitgründer. Der Baumwollanbau sei neben der Reis- und Zuckerproduktion der wichtigste landwirtschaftliche Stressfaktor für das Ökosystem, vor allem für das Wasser. Dieses sei jedoch entscheidend für die Artenvielfalt. Deshalb setze das BCI-Konzept auf Breitenwirkung: «Wir wollen die weltweiten Durchschnittswerte beim Pestizideinsatz und beim Wasserverbrauch deutlich senken.»

Wie die Bio- und Fairtrade-Initiativen verfolgt auch die BCI ökologische, soziale und wirtschaftliche Ziele. Dazu wurden Vorschriften entwickelt, die den Farmern ökologische, aber auch arbeitsrechtliche Orientierung bieten sollen. Die Umsetzung der Kriterien ist jeweils lokal angepasst. Partnerorganisationen in Indien, Pakistan, Brasilien sowie West- und Zentralafrika sollen die Farmer ermutigen, das Better-Cotton-System einzuführen. Ob sie sich an die Regeln halten, wird in Form eines mehrstufigen Prüfungssystems kontrolliert. Besteht der Anbau die Prüfung, werden die fertigen Baumwollballen als «Better Cotton» zertifiziert.

BCI setzt auf den Massenmarkt

Auf den ersten Blick erinnern die Anliegen der Better-Cotton-Initiative an diejenigen herkömmlicher Bio- und Fairtrade-Initiativen – mit einem gewichtigen Unterschied: Die BCI setzt auf den Massenmarkt. Organisationen hingegen, die die Bio- und Fairtrade-Produktion fördern, bedienen bis jetzt eher Nischenmärkte. In der Textilbranche werden Bioprodukte denn auch als zu teuer bezeichnet, und Fairtrade gilt als nur schwer vereinbar mit der Produktionsweise auf Grossfarmen.

In der Biobaumwollszene stösst die neue Initiative nicht nur auf Gegenliebe. Denn die BCI lässt die Produktion von Gentechnik-Baumwolle ebenso zu wie den Einsatz vieler synthetischer Pestizide, etwa des umstrittenen Insektenvernichtungsmittels Endosulfan. Die im Vergleich zu «Bio» niedrigeren Eintrittsbarrieren seien Konzept, erklärt WWF-Vertreter Wagner. «Die Better-Cotton-Initiative versucht, für so viele Farmer wie möglich eine echte Option zu werden.»

Der Bund finanziert mit

Die Vorschriften, die sich die BCI zum Umgang mit Pestiziden gemacht habe, «sind völlig lebensfremd und daher nichtig», kritisiert Steffi Ober, Gentechnik-Expertin beim deutschen Naturschutzbund (Nabu). Die BCI fordert zum Beispiel eine Beschriftung der Chemikalienverpackungen in Landessprache. Das sei «ein Witz» angesichts der hohen Analphabetenrate in Burkina Faso, wo die BCI aktiv ist. «Die sachgemässe Lagerung, Ausbringung und Entsorgung von synthetischen Pestiziden ist kompliziert, fehler- und störungsanfällig, und das passt bei Entwicklungsländern einfach nicht.» Auch die Landwirtschaftsexpertin Marianne Künzle von Greenpeace Schweiz meint: «Was die Landwirtschaft in Entwicklungsländern benötigt, ist ein fundamentaler Wandel. Den liefert die BCI nicht.» Die Fördergelder, so Künzle, seien im Biobereich besser investiert. Auch für den Schweizer Biobaumwollpionier Coop ist Better Cotton derzeit «kein Thema»; die Migros dagegen ist mit im Boot.

Namhafte finanzielle Unterstützung erhält die Initiative vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), das eine Anschubfinanzierung von 800'000 Franken geleistet hat. Hans-Peter Egler, Leiter des Ressorts Handels- und Umwelttechnologiekooperation beim Seco, sieht keinen Widerspruch in der Förderpolitik des Bundes, der auch Bio- und Fairtrade-Cotton-Projekte subventioniert: «Bio- und Fairtrade-Baumwolle entwickeln sich in einer grösser werdenden Nische. Better Cotton könnte weitere grosse Teile des Marktes mit einem niederschwelligeren Nachhaltigkeitskonzept bedienen.» Ähnlich wie die sogenannte integrierte Produktion, die auf Methoden setzt, die möglichst geringe Auswirkungen auf die Umwelt haben, könnte Better Cotton eine erste Stufe für Farmer auf dem Weg zu Biobaumwollproduktion sein, glaubt Egler. «Bioproduktion und Better Cotton konkurrieren nicht, sie ergänzen sich», kontert er den Einwand, die Better-Cotton-Initiative und Vertreter der Bioproduktion richteten sich an dieselben Farmer und Textilanbieter und schöpften aus denselben Fördertöpfen.

Dass man in der Biobranche die BCI nicht als Konkurrenz sieht, bestätigt Tobias Meier, Leiter des Bereichs Fairer Handel bei Helvetas in Zürich. Die BCI sei Jahre nach der Lancierung der Idee ja erst knapp aus dem Projektstadium heraus, meint er. Grundsätzlich begrüsse Helvetas die neue Initiative als einen Versuch, die Methoden der «ökologisch weniger anspruchsvollen» integrierten Produktion zu verbreiten.

Nur noch halb so viel Wasser nötig

Doch was bringt die Better-Cotton-Initiative den Kunden? «Better Cotton» als Label am T-Shirt wird es nicht geben. Die BCI setze nicht auf die Konsumenten, sondern auf die Industrie, erklärt Walter Wagner. Für die grossen, marktbestimmenden Baumwollkäufer, die man im Rahmen der Initiative zu sammeln versuche, bestehe der Anreiz zur Mitgliedschaft «in der Vermeidung von Reputationsrisiken und in der Sicherstellung der Deckung zukünftigen Bedarfs an Baumwolle» – in Zeiten von Wasserknappheit und Klimawandel eine aktuelle Frage.

Auch für Farmer gehe die Rechnung auf, heisst es bei Ikea. Der Möbelkonzern ist ein BCI-Mitglied der ersten Stunde und mit einem Jahresbedarf von rund einem Prozent der weltweit produzierten Baumwolle einer der mächtigsten Käufer. Ab 2015 will die Firma nur noch Better Cotton verwenden. Seit einigen Jahren testet sie gemeinsam mit dem WWF in Indien und Pakistan mit über 60'000 Farmern das Better-Cotton-Konzept. Das Resultat verblüffe ihn selber, schreibt der bei Ikea zuständige Guido Verijke: Der Wasser- und Pestizidverbrauch sei um 50 Prozent, der Düngemittelverbrauch um über 30 Prozent gesunken. Umgekehrt sei das Durchschnittseinkommen der Bauern um über 40 Prozent gestiegen. «Noch ist die Better-Cotton-Initiative allein nicht in der Lage, dem hohen Produktionstempo zu folgen, das die Partner aus der Industrie vorlegen», so Verijke, er sei aber optimistisch.

Im Jahr 2012 läuft die Pilotphase des Projekts aus. Dann wird sich entscheiden, ob die bisherigen Partner an Bord bleiben, die laut BCI-Geschäftsführerin Lise Melvin 4,5 Prozent des weltweiten Baumwollangebots stellen. Bis dahin werden auch die Kritiker wachsam bleiben und überprüfen, ob die BCI ihren eigenen Anspruch erfüllt, bei der Etablierung von Baumwolle als umweltfreundliches Produkt mitzuhelfen, wie BCI-Berater Andrew Macdonald meint. Steffi Ober vom Nabu vertritt, obwohl selber fundamental anderer Ansicht als die Better-Cotton-Initiative, denselben Standpunkt wie die meisten Umweltverbände und Firmen: «Besser ein kleiner Schritt als gar kein Schritt.»


Better-Cotton-Initiative: www.bettercotton.org

Expertenforum zum Thema Biobaumwolle: www.organiccotton.org

Weltbaumwollverband (ICAC): www.icac.org

Veröffentlicht am 2010 M04 01