«Der Prix Courage des Beobachters im Jahr 2000 wird verliehen an Herrn Herbert Haag, emeritierter Theologieprofessor in Luzern.

Die Jury will mit dieser Auszeichnung das Lebenswerk eines Mannes ehren, der während 50 Jahren zuerst in Luzern, später in Tübingen Hervorragendes geleistet und sich immer oft gegen grosse Widerstände für die Wahrheit und die Freiheit des Wortes eingesetzt hat.

Dazu braucht es Ausdauer, Kraft und Mut. Denn die Kirche widersetzte sich lange Zeit neuen Erkenntnissen, da sie befürchtete, diese könnten die Gläubigen verunsichern. Gegen solchen Kleinmut hat sich Herbert Haag immer wieder gewehrt. Er forderte, dass die offizielle Verkündung und Lehre mit den Erkenntnissen der Forschung in Einklang zu bringen sei.

Schon 1956 hatte sich Herbert Haag als Wissenschaftler und Theologe einen Namen geschaffen mit der Herausgabe des «Bibel-Lexikons», das zu einem Standardwerk geworden ist. Als Theologe hat er sich Problemen zugewandt, die den Menschen unter den Fingern brennen. Dabei verlangte er Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit und versteckte sich nicht hinter dem Lehramt. Kritisch hinterfragte er die Dogmen- und die Kirchengeschichte.

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Professor Haag befasste sich mit dem heutigen Priestermangel der katholischen Kirche und schlug vor, dass die durch Menschen geschaffene Verfassung auch wieder geändert werden könne. Er verlangte Reformen und die Auflösung verkrusteter Strukturen. Er engagierte sich für die Freiheit der Forschung und setzte seine Erkenntnisse der öffentlichen Diskussion aus. Dabei schuf er einen besonderen Fonds für Freiheit in der Kirche.

Schliesslich haben Sie sich, verehrter Herr Haag, auch für die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Kirche, für eine Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen eingesetzt.

Ihr Engagement hat Sie immer wieder in Auseinandersetzung mit der Hierarchie der Kirche gebracht. Doch ohne persönlichen Einsatz und die hartnäckige Überzeugungsarbeit Einzelner geht nichts. Sie haben sich nicht knicken lassen. Mit dem Prix Courage wollen wir Menschen wie Sie ermutigen, sich auch in übermächtigen Institutionen für ein gerechtes und humanes Anliegen zu wehren, wenn es ihnen das Gewissen gebietet.

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Dabei anerkennt die Jury die religiösen Gefühle von Gläubigen und will sich nicht in innerkirchliche Konflikte einmischen. Ihr Wirken, sehr verehrter Herr Haag, aber ist ein Plädoyer für Toleranz und mehr Menschlichkeit ganz allgemein, für die Freiheit des Denkens und mehr Wärme in der Kirche. Sie sind ein Beispiel dafür, dass es sich lohnt, auch dort zu kämpfen, wo es restaurative Tendenzen gibt. Solches Engagement strahlt auch auf andere Glaubensgemeinschaften aus.

Lieber Herr Haag, wir bewundern Ihren grossen Einsatz auf der Suche nach Wahrheit, Ihre Redlichkeit und Offenheit, aber vor allem Ihren grossen Mut, den Sie bei Ihrer intellektuellen Arbeit immer wieder bewiesen haben. Vielleicht hilft Ihr Engagement verhindern, dass der Beginn des neuen Jahrtausends als Ende der christlichen Aera in die Geschichte eingeht. Das wäre ein Verlust, denn ohne ethische Grundhaltung wird die Menschheit kaum überleben.

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Ich freue mich, Ihnen, Herr Haag, den Prix Courage des Jahres 2000 zu überreichen, und gratuliere Ihnen dazu herzlich.»

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