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LabelEin Logo, das nichts bringt

Dieses Label will der Bund in der Schweiz einführen - für das jeweils gesündeste Produkt in seiner Kategorie.

Wie bringt man die Leute dazu, sich gesund zu ernähren? Das Bundesamt für Gesundheit wills mit einem Label versuchen, das nichts taugt.

von Dominique Hinden

Sie kleben an Früchten, Spielwaren, T-Shirts, sie zeichnen Kühlschränke und sogar ganze Landschaften aus: 160 Labels gibt es in der Schweiz, allein im Lebensmittelbereich rund 60. Sei es Bio, Fairtrade oder Suisse Garantie, auf fast jedem Produkt klebt ein Logo. Kein Wunder, braucht es Konsumentenführer, die den Weg durch den Label-Dschungel weisen.

Doch das hindert das Bundesamt für Gesundheit (BAG) nicht daran, nun Label Nummer 161 zu lancieren. Das Ziel: Bereits nächstes Jahr sollen Konsumenten gesündere Lebensmittel leichter erkennen können, indem aus verschiedenen Produktegruppen die jeweils gesündeste Variante mit einem Logo ausgezeichnet wird. Aus Sicht der Gesundheitsbehörden ist das auch dringend nötig: Der hohe Zucker- und Fettkonsum ist mitverantwortlich dafür, dass in der Schweiz bereits jeder Dritte übergewichtig oder fettleibig ist. Und der hohe Salzgehalt vieler Lebensmittel kann zu Bluthochdruck führen.

Bis heute ist es fast unmöglich, auf die Schnelle herauszufinden, wie viel Zucker im Joghurt, Fett in der Wurst oder Salz im Brot steckt. Die Konsumenten verstehen laut Umfragen kaum die Nährwertangaben auf den Verpackungen, nicht zuletzt, weil diese zu kompliziert sind.

Das BAG will daher zur Vereinfachung ein Label einsetzen, das in der EU teilweise bereits verwendet wird. Derzeit deutet alles darauf hin, dass die Wahl auf das belgische «Choices» fällt, das in Deutschland «Bewusst wählen» heisst. Aus verschiedenen Lebensmittelkategorien – von Milchprodukten bis zu Fertiggerichten – wird jeweils die gesunde Variante ausgezeichnet. In Deutschland ist dafür der Gehalt an Zucker, Fett, Salz, Ballaststoffen und Kalorien massgebend.

In diesen Tagen hat eine Expertengruppe unter Federführung der Schweizer Gesellschaft für Ernährung begonnen, Kriterien für eine Schweizer Variante des Labels auszuarbeiten. Doch wird ein weiteres Label überhaupt wahrgenommen? «Bisher gibt es noch keines, das dem Konsumenten die gesündere Wahl anzeigt», sagt Michael Beer, Leiter der Abteilung Lebensmittelsicherheit beim BAG. Die Gefahr einer zusätzlichen Verwirrung sieht er nicht.

Andere widersprechen: «Das Label ist der falsche Weg», sagt Josianne Walpen von der Stiftung für Konsumentenschutz. Es biete keine Vergleichsmöglichkeit mit anderen Produkten. Und: «Ein solches Label ist fast täuschend.» Dann etwa, wenn auch Snacks und Süssigkeiten ausgezeichnet würden, wie es in einzelnen Ländern der Fall ist. Vor allem aber ist es nicht konsumentenfreundlich: «Die schnelle und klar verständliche Information fehlt. Nach wie vor ist mit einem empfehlenden Label nicht ersichtlich, wie viel Zucker wirklich zum Beispiel in einem als gesund angepriesenen Kindersnack steckt.»

Ein Einwand, den das BAG nicht gelten lässt: Die Nährwertangaben auf dem Produkt blieben schliesslich bestehen, das neue Label werde diese als schnelle Orientierungshilfe nur ergänzen.

Der Trick mit der Portionengrösse

Doch auch die Art, wie die Lebensmittelindustrie die Nährwerte deklariert, ist umstritten. Denn das sogenannte GDA-System (Guideline daily amount, Tagesbedarf an Nährstoffen) gibt den Nährwert bezogen auf eine willkürlich festgelegte Portionengrösse und den empfohlenen Tagesbedarf an. Dabei werden unrealistisch kleine Portionen verwendet und etwa bei Zucker und Fett wird eine höhere Tagesdosis berechnet, als die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt (siehe Artikel zum Thema: «Dickmacher: Und plötzlich sind sie gesund»). Viele Produkte stehen dank dieser Beschönigung besser da, als sie in Wirklichkeit sind.

Auch das Bundesamt für Gesundheit ist mit dem GDA-System nicht zufrieden, will aber keine andere Nährwertkennzeichnung vorschlagen. Damit verzichtet Bern auf eine Lösung, die europaweit von Konsumentenschützern und Gesundheitsverbänden bevorzugt wird: eine farbliche Kennzeichnung der Inhaltsstoffe nach einem Ampelsystem. Dieses wird bereits seit 2006 in Grossbritannien eingesetzt und stösst dort auf breite Akzeptanz. Mit dem Ampelsystem wird der jeweilige Gehalt von Fett, Zucker, Salz und gesättigten Fettsäuren je farblich plakativ markiert. Rot steht für «nur in kleinen Mengen und hin und wieder verzehren». Orange heisst «es ist ok, es häufiger zu essen», und Grün bedeutet «eine gesunde Wahl».

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Für Konsumentenverbände entspricht die Ampel einer transparenten Information, die jedem ins Auge springt. Eine Studie der britischen Food Standard Agency bestätigte kürzlich: Die Ampel ist das verständlichste Kennzeichnungssystem. Die europäischen Konsumentenschützer fordern deshalb, dass sie verbindlich auf allen verarbeiteten Lebensmitteln eingesetzt wird.

Doch die Lebensmittelindustrie wehrt sich heftig gegen die Ampel: Sie «diskriminiere einzelne Produktesorten». In der Tat würden viele der als gesund angepriesenen Frühstücksflocken oder Kinder-Milchprodukte der Lebensmittelgiganten Kelloggs, Kraft, Nestlé und Co. durch viele rote Punkte auffallen (zu viel Zucker und Fett).

Das BAG kann sich ebenfalls nicht mit dem Ampelsystem anfreunden. Nicht zuletzt, weil die Ampel in der EU einen schweren Stand hat: Dort wird derzeit heftig über eine gesetzlich vorgeschriebene Nährwertangabe gestritten. Es wird gar ein EU-weites Ampelverbot diskutiert. Laut der deutschen Konsumentenorganisation Foodwatch trägt da die gezielte Lobbyarbeit der Lebensmittelindustrie Früchte.

Ein Salzgehalt wie das Tote Meer

Dass die Lebensmittelindustrie auch in der Schweiz viel Einfluss hat, zeigte sich bei den Vorarbeiten für das neue Label: Sie war neben den Grossverteilern und Ernährungswissenschaftlern beteiligt – «die Konsumentenverbände jedoch wurden nicht miteinbezogen», kritisiert Josianne Walpen von der Stiftung für Konsumentenschutz. Den Gesundheitsverbänden, die sich entweder im Vorfeld für die Ampel ausgesprochen haben oder noch unentschieden waren, hat das BAG seine ernährungswissenschaftlichen Argumente gegen das Ampelsystem vorgelegt. Mit dem Resultat, dass etwa der Präsident der Adipositas-Stiftung, Heinrich von Grünigen, einst Befürworter der Ampel, nun hinter dem neuen Label steht.

Mit dem Label werden wenige Produkte hervorgehoben, die übrigen unbehelligt im Regal gelassen. Der Konsument muss weiterhin den Taschenrechner zücken, will er herausfinden, dass eine Fertigpizza mehrheitlich aus Fett besteht und einen Salzgehalt wie das Tote Meer aufweist. Und dass die «gesunde» Kinder-Milchschnitte ein kleiner Zuckerberg ist. Josianne Walpens Bilanz: «Das Ganze ist ein Label für die Industrie.»

Veröffentlicht am 2009 M11 09