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HypochondrieDie krankhafte Angst vor der Krankheit

Hypochonder glauben fest daran, dass sie krank sind. Ihr Körper ist zwar gesund, aber sie leiden an Ängsten, die krank machen. Dann brauchen sie psychologische Hilfe.

Hypochonder leiden an Ängsten, die sie krank machen. Wie kämpft man dagegen an?
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Sie spüren ein leichtes Ziehen in der Schulter. Denken Sie an einen Muskelkater? Oder an eine chronische Polyarthritis? Vielleicht gar an einen Herzinfarkt?

Wer hypochondrisch veranlagt ist, befürchtet immer gleich das Schlimmste – selbst wenn es noch so unwahrscheinlich ist. Sogar alltägliche Beschwerden wie Muskelkater oder Blähungen bieten den Betroffenen Anlass zu grösster Sorge, da diese Menschen eine gesteigerte, ängstlich gefärbte Selbstbeobachtung haben. Sie interpretieren mehrdeutige Körpersignale schneller als Zeichen einer Krankheit. Solche Befürchtungen bringen Hypochonder rasch dazu, medizinische Lexika zu wälzen, das Internet nach Krankheitssymptomen zu durchstöbern und besonders häufig bei Ärztinnen und Heilpraktikern anzuklopfen – bis die Angst vor einer Krankheit selbst zur Krankheit wird.

Die Hypochondrie ist schon seit der Antike bekannt. Sie zählt zu den so genannt somatoformen Störungen, bei denen körperliche Beschwerden durch psychische Ursachen hervorgerufen oder zumindest verstärkt werden. Hypochondrische Störungen treten häufig im frühen Erwachsenenalter das erste Mal auf. Oft verlaufen sie chronisch.

Die Krankheit ist für Hypochonder real

Ihre Gicht, eine Herzinsuffizienz oder ihren Blutkrebs mögen sich Hypochonder einbilden. Aber die Krankheit Hypochondrie ist für sie real. Sie sind keine Simulanten, da sie ihre körperlichen Beschwerden tatsächlich empfinden. Vermutlich haben sie eine niedrigere Schwelle für körperliche Reize.

 

«Wenn ich im Untersuchungszimmer des Arztes sitze, komme ich mir wie eine Betrügerin vor. Ich bin seit etwa drei Jahren ein totaler Hypochonder. Es fällt mir schwer, das überhaupt zuzugeben, denn meistens wird Hypochondrie mit eingebildeten Krankheiten verbunden. Doch die ‹Krankheit› und die Symptome sind für mich echt und oft sehr schmerzhaft.»

 

Anonyme Userin (32 Jahre) in einem Internetforum

Die Ansicht des Arztes, die Symptome seien unbedenklich, bringt in aller Regel aber keine Erleichterung. Oder wenn, dann nur kurzfristig. Ein medizinischer Normalbefund muss Hypochonder zwingend enttäuschen: Sie erleben ihn als «Beschönigung», denn die körperlichen Beschwerden sind ja noch immer da. Dies setzt einen Teufelskreis in Bewegung: Die Betroffenen beobachten ihr Befinden noch aufmerksamer. Durch die Angst um die eigene Gesundheit steigt das körperliche Erregungsniveau weiter an. Dies verstärkt die wahrgenommenen Symptome. Es festigt auch die Überzeugung, an einer schlimmen Krankheit zu leiden. Entsprechend heftig fordern die Betroffenen noch weitere Untersuchungen. Geht der Arzt darauf ein, sind sie überzeugter denn je, dass sie doch etwas haben – weshalb sonst macht der Arzt so viele Tests?

Schlägt ein Mediziner ihr Anliegen aus, gehen Hypochonder einfach zum nächsten: Ärztetourismus nennt sich das. Viele Betroffene sehnen sich fast danach, dass der Arzt endlich eine Krankheit findet.

Die Krankheitsangst schränkt die Lebensqualität ein

Oft zieht die Hypochondrie auch eine Depression nach sich. Manche Betroffenen werden arbeitsunfähig.

Als Risikofaktoren für Hypochondrie gelten vor allem Veränderungen des Körpers, etwa nach Unfällen oder schweren Krankheiten. Auch traumatische Erfahrungen und die eigene Geschichte können zur Hypochondrie führen – Menschen, die in ihrer Kindheit mit chronisch kranken Familienmitgliedern zusammengelebt haben, sind besonders anfällig. Hypochonder scheinen auch einen eng definierten Gesundheitsbegriff zu haben – nach dem Motto: «Ein gesunder Körper ist völlig frei von Beschwerden und darf sich demnach nie bemerkbar machen.»

Körperliche Leiden werden besser akzeptiert als psychische. Zum Beispiel eine Person, die immer nur für andere da ist und ihre eigenen Bedürfnisse vernachlässigt, wird es erst durch Kopfweh oder andere Symptome gelingen von den andern wahrgenommen zu werden. Hypochondrische Menschen merken sehr wohl, dass etwas mit ihnen nicht stimmt, nur: Das Problem steckt nicht da, wo sie es suchen.

Wenn Krankheitsangst die Lebensqualität einschränkt, wird von Ärzten und Psychologen eine Psychotherapie empfohlen. Davor ist aber unbedingt eine medizinische Abklärung nötig, um tatsächliche körperliche Erkrankung auszuschliessen. In der Therapie geht es vor allem darum, die körperlichen Beschwerden gedanklich neu einzuordnen. Dabei können zum Beispiel Symptom-Tagebücher helfen, die Hinweise auf auslösende Situationen liefern. Die Einsicht in die Wechselwirkungen zwischen Psyche und Körperempfinden kann die Betroffenen dazu befähigen, die Symptome nicht mehr als Todfeind, sondern als freundliche Information zu erleben.

Veröffentlicht am 07. Januar 2002