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Psychologie«Ich glaube, mein Mann ist depressiv»

Bei einem Depressiven können nur schon kleine Gesten etwas bewirken.

Frage: «Mein Partner ist seit Monaten nur noch gereizt. Ich glaube, er ist depressiv. Ich habe schon mehrmals versucht, mit ihm darüber zu sprechen. Doch er will keine Hilfe annehmen. Was soll ich bloss machen?»

von

Antwort von Thomas Ihde, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH:

Wenn wir an einer Depres­sion erkranken, zeigen sich drei Hauptschwierigkeiten. Erstens ist es nicht einfach, eine Depression bei sich selbst zu erkennen. Zu langsam und unmerklich kommt sie und nistet sich in unserem ­Innersten ein. Darum bemerken wir sie gar nicht. Es ist wie bei der schlechten Laune: Alle anderen sehen sie, nur wir denken, es liege an den anderen. Auch die Depression bemerkt oft zuerst das Umfeld.

Zweitens ist eine Depression sehr schambesetzt. Psychische Belastungen gelten in unserer Gesellschaft immer noch als Makel, als Zeichen, dass wir etwas falsch gemacht haben, dass unser Wille nicht stark genug ist oder wir unser Leben nicht im Griff haben.

Das zeigt sich etwa darin, dass Betroffene im Gespräch oft sagen: «Ich habe doch gar keinen Grund, depressiv zu sein. Es ist doch eigentlich alles im grünen Bereich.» Die ­Tabuisierung wird auch sichtbar, wenn Betroffene auf dem Weg vom Wartezimmer ins Behandlungszimmer zum Psychotherapeuten sagen: «Sie glauben nicht, wen ich jetzt gerade im Wartezimmer getroffen habe. Das hätte ich jetzt nie bei ihr/ihm erwartet.»

«Ich muss mich zusammenreissen»

Drittens beeinflusst die Depression unser Denken, unsere Gefühle und vor allem auch unser Tun beziehungsweise das Nicht-Tun. In der Depression wachen wir um drei Uhr morgens auf. Unser Herz pocht, und eine Endlosschleife dreht sich im Kopf: «So kann es nicht mehr weitergehen. Mein Magen brennt wie Feuer, und ich fühle mich so ­unwohl, so unausstehlich. Heute melde ich mich krank und gehe zur Ärztin. Aber was soll ich ihr sagen? Ich bin doch gar nicht krank, ich habe doch gar nichts. Und sie hat sonst genug zu tun. Ich muss mich einfach zusammenreissen, heute früher ins Büro ­gehen und die Pendenzen abarbeiten…»

Das alles macht es schwierig, wenn Sie ­Ihren Partner fragen, ob es ihm nicht gut ­gehe. Oder warum er nur noch gereizt sei und ob er eventuell ein Burn-out haben könnte oder gar depressiv sei. Ganz kurz ­erscheint bei ihm ein entlastetes innerliches Ja, dann schliesst sich das offene Fenster. Und er denkt: «Das darf nicht sein, jetzt merkt es sogar schon meine Partnerin. Ich muss mich noch mehr zusammenreissen, niemand, wirklich niemand darf es merken.»

«Psychische Belastungen wie etwa eine Depression gelten immer noch als Makel.»

Thomas Ihde, Facharzt für Psychiatrie FMH

Kleine Gesten und kleine Geschichten

Was können Sie als Partnerin tun? Kleine Gesten können etwas bewirken. Dem Partner eine Tasse Tee bringen, ihm kurz den Nacken massieren. Ihn entlasten, wenn er gereizt ist, Ablenkung organisieren, im Wald spazieren gehen. Dafür sorgen, dass der beste Kollege ihn wieder mal zum Fischen oder an einen Fussballmatch mitnimmt.

Aber man muss auch akzeptieren, dass ihn diese Gesten manchmal nicht erreichen oder überfordern. Da heisst es dann zurückbuchstabieren. Aus der dreistündigen Wanderung, die ihm immer so gefallen hat, wird dann halt ein «Komm, gehen wir doch zehn Minuten spazieren. Und dann faulenzen wir beide einfach mal.»

Neben den kleinen Gesten sind auch die kleinen Gespräche wichtig. Immer mal wieder einhaken mit «Wie geht es dir?» und «Schläfst du etwas besser?». Noch hilfreicher sind Beispiele: «Dem Mann einer Kollegin ging es auch länger nicht gut, er hatte eine Erschöpfungsdepression. Er suchte Hilfe und hat so eine Lichtlampe benutzt am Morgen. Die habe ich mal gesehen, als ich auf Besuch war. Nach drei Monaten war der Spuk vorbei.» Oder auf prominente Fussballer oder TV-Mitarbeitende hinweisen, die sich outen.

Auch eine körperliche Ursache ist möglich

Häufig hilft auch Begleitung. Etwa zur Hausärztin, um gemeinsam herauszufinden, ob vielleicht doch eine Depression vorliegt. Oder ob ein Vitamin-D-Mangel oder ein Schlafapnoesyndrom die Ursache für seine schlechte Laune ist. Solche Erkrankungen führen dazu, dass Menschen sich verändern und gereizt wirken.

Noch ein letzter Punkt: In unseren Wartezimmern sitzen zu fast 70 Prozent Frauen. Psychische Belastungen treffen aber jeden. Auch Männer.

Zur Person

Thomas Ihde schreibt fortan für den Beobachter die Psychologie-Kolumne. Thomas Ihde leitet als Chefarzt die psychiatrischen Dienste der «Spitäler fmi Ag» im Berner Oberland und hat verschiedene Lehraufträge. Als Stiftungsrat von Pro Mente Sana setzt er sich auf nationaler Ebene für die Belange von psychisch Erkrankten und deren Angehörigen ein. Er ist Autor der Bücher «Ganz normal anders» und «Wenn die Psyche streikt», die beide in der Beobachter-Edition erschienen sind.

Haben Sie psychische oder soziale Probleme?

Schreiben Sie an:

Thomas Ihde,
Beobachter, Postfach, 8021 Zürich; thomas.ihde@beobachter.ch

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Veröffentlicht am 2017 M01 03