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Zukunftsangst«Dieser Trump macht mir Sorgen»

«Dieser Trump macht mir Sorgen»
US-Präsident Donald Trump sorgt bei vielen Menschen für ein Gefühl der Empörung. Bild: Getty Images

Frage: «Seit der Wahl von Donald Trump ist mir unwohl. Ich lese viel zu viel über ihn, obwohl es mir danach schlechter geht und mir vor der Zukunft bangt. Was soll ich tun?»

von Thomas Ihde

Antwort von Thomas Ihde, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH:

Die Wahl des US-Präsidenten und die darauf folgenden Ereignisse haben bei den meisten von uns starke Gefühle ausgelöst. Manche sind voller Hoffnung auf einen wirtschaftlichen Aufschwung und eine klare Linie. Doch in der Schweiz hat eine Mehrheit vor allem Angst – vor einem unberechenbaren Trump, vor der Eskalation von Konflikten, vor Mauern und Ausgrenzung, Chaos und wirtschaftlicher Unsicherheit.

Dass wir so stark und so instinktiv auf die aktuellen Geschehnisse reagieren, hat mehrere Gründe. Einige sind Teil grösserer Veränderungen, andere sind Trump-spezifisch. Wir haben eine neue Weltwährung: Emotionen.

Waschmittel müssen schon eine Weile lang nicht nur die Wäsche reinigen, sondern auch den Käufer glücklich machen. Doch neu zielen auch Schlagzeilen nicht mehr einfach auf den Kopf, sondern auf den Bauch. Dabei scheint das Gefühl der Empörung am meisten Leser zu erreichen.

Die hohe Gewichtung von Emotionen zeigt sich auch darin, dass sich ein weltweites emotionales Alphabet durchgesetzt hat – die Emojis – diese omnipräsenten Smileys und all die anderen Gefühlssymbole.

Gleichzeitig sind gewisse, vor allem negative Emotionen zum Tabu geworden. Kinder lernen immer weniger, mit Enttäuschung und Traurigkeit umzugehen. Diese Gefühle werden heute gern durch Empörung ersetzt.

Der Milliardär der Emotionen

Und dann tritt Trump auf, der Milliardär dieser neuen Währung. Wie kein Zweiter wirtschaftet er mit hochdosierten Emotionen wie Hoffnung, Wut und Empörung. Ungeliebte Gefühle wie Enttäuschung oder Traurigkeit radiert er einfach aus. Fakten sind zweitrangig, dafür sind andere zuständig. 

Auf Trumps starke Manipulation unserer Gefühle reagieren wir alle stark. Entweder wir bewundern ihn oder wir lehnen ihn heftig ab. Gleichgültig bleibt kaum jemand. 

Dass wir so stark auf ihn reagieren, hat noch einen anderen Grund. Trump rüttelt an unserem Wertesystem. Das bedroht uns, und auf Bedrohungen reagieren wir instinktiv. Noch kann niemand abschätzen, welches Wertesystem Trump vertritt, was politisches Kalkül ist, was er tatsächlich umsetzen will.

«Auf Donald Trumps starke Manipulation unserer Gefühle reagieren wir alle stark.»

Thomas Ihde, Facharzt für Psychiatrie

Wir wissen auch nicht, wer sich für uns wehrt, falls Trump unser Wertesystem bedroht. Und was passiert in anderen Ländern wie Frankreich oder England? Findet dort dieselbe Entwicklung statt oder eine andere?

Verstehen, was passiert, ist die eine Sache. Doch wie soll man mit all dem umgehen?

  1. Negative Gefühle handhaben.

    Wütend zu werden ist ein wichtiges Signal, wütend zu bleiben aber letztlich ungesund. Sie müssen Wut, Frustration oder Angst nicht unterdrücken, aber begrenzen Sie den Raum, den Sie ihnen geben. Im Fitnessstudio oder auf einem Spaziergang im Wald können Sie negativen Gefühlen Raum geben und sie dann loslassen. Und dann zünden Sie zum Beispiel eine Kerze an – als Ritual für Ihre Enttäuschung über die aktuelle Situation und als Symbol für Hoffnung auf Besserung.

  2. Die Informationsflut dosieren.

    Machen die Nachrichten Sie nur noch gereizt? Dann lesen Sie nur noch einmal täglich oder gar dreimal pro Woche die Zeitung – unmittelbar vor einer der oben erwähnten Aktivitäten. Tauschen Sie sich mit anderen zu diesen Themen aus, aber achten Sie darauf, wie oft Sie es tun und mit wem. Mit manchen Menschen wird der Austausch entlastend oder konstruktiv. Mit anderen werden Sie bloss zynisch und deprimiert gestimmt.

  3. Eigene Werte pflegen.

    Setzen Sie sich aktiv für Ihr Wertesystem ein. Vieles können wir nicht beeinflussen, aber einiges schon. Sich zu sagen, «es wird schon nicht so schlimm werden», ist selten hilfreich. Denn eine innere Stimme antwortet unmittelbar mit «oh doch…». Deshalb ist es wichtig, aktiv zu werden. Schreiben Sie einen Brief an Politiker, unterstützen Sie – mit Geld oder mit Zeit – eine Stiftung, deren Werte den Ihrigen entsprechen. So gelingt es Ihnen besser, wieder eine innere Ruhe zu finden.

  4. Innere Sicherheit gewinnen.

    Pflegen Sie Aktivitäten, die Ihnen nährende Gefühle und ein Gefühl von Kontrolle vermitteln. Trump und die Folgen seiner Politik werden uns noch eine Weile beschäftigen, Sie brauchen Proviant und Kraft für diesen Weg.

Haben Sie psychische oder soziale Probleme?

Schreiben Sie an:

Thomas Ihde, Beobachter, Postfach, 8021 Zürich; thomas.ihde@beobachter.ch.

Veröffentlicht am 2017 M02 28