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Augenzeugin Ursula Scheu«Ich propagiere den Verzicht»

«Ich propagiere den Verzicht»
Bild: Getty Images

Sie weiss aus eigener Erfahrung, was Entzugserscheinungen sind. Als ehemalige Raucherin will die 51-Jährige in Kursen möglichst vielen Leuten das qualmfreie Leben schmackhaft machen.

von Andrea Elmer

Rauchen ist genial - schliesslich passt eine Zigarette ja immer. Sie beruhigt, putscht auf oder dient als Belohnung - je nachdem was man gerade braucht. Wie ein guter Freund halt. Es ist diese Vielschichtigkeit, die es schwierig macht, mit dem Rauchen aufzuhören. Ich weiss, wovon ich spreche. Seit 17 Jahren gebe ich Rauchstopp-Kurse der Krebsliga Zürich, Fachstelle «nicht mehr rauchen».

Am ersten der acht Abende herrscht jeweils eine seltsame Stimmung. Die Leute sind bedrückt, ich spüre, wie schwer ihnen der Gedanke ans Aufhören fällt. Zur Vorstellungsrunde gehört, dass jede Person ihre Raucherkarriere schildert. Die meisten sind nicht mehr ganz jung - ab 35 aufwärts - und rauchen schon seit 20, 30 oder mehr Jahren. Das sieht man auch. Ich erkenne jeden Raucher, jede Raucherin - zum Beispiel an der fahlen Haut oder den ungesund glänzenden Augen. Und ich rieche es natürlich. Im Kurslokal stinkt es anfangs denn auch dementsprechend. Aber das sage ich jeweils nicht, weil ich die Leute nicht vor den Kopf stossen will.

Was die momentane öffentliche Diskussion angeht, habe ich eine ambivalente Haltung: Einerseits freue ich mich, dass immer mehr Orte rauchfrei sind. Anderseits bin ich nicht ganz davon überzeugt, dass der steigende Druck tatsächlich mehr Rauchende motiviert aufzuhören.

«Buchhalter Nötzli» und die Zigaretten

Ich selber muss zum Glück nicht mehr kämpfen, weiss aber noch, wie sich das Reissen nach einer Zigarette anfühlt. Meine Raucherkarriere war eher unüblich. Zehn Jahre lang habe ich jeden Abend bloss eine Zigi geraucht. Dann, in den achtziger Jahren, wurde ich Mitglied des Ensembles von Walter Roderer, das den «Buchhalter Nötzli» gab. Häufig sassen wir Schauspieler nach den Aufführungen noch bis spät zusammen, und aus der einen Zigarette wurden schnell mal fünf, sechs, manchmal zehn.

Aufgehört habe ich aus zwei Gründen. Nach dieser «Nötzli»-Spielzeit moderierte ich zwölf Jahre das «Coop-Studio» im Werbefernsehen. Eine Bekannte fand schliesslich, meine Stimme würde sich auch eignen, um das Rauchertelefon der Fachstelle «nicht mehr rauchen» zu besprechen, ein Band, das hilfreiche Tipps bietet. Ich bekam den Job und später auch die Möglichkeit, Kurse zu leiten. Da wäre es ganz schön peinlich gewesen, hätte mich jemand mit einer Zigarette gesehen. Als ich dann schwanger wurde, war der Fall sowieso klar. Ich weiss, das tönt jetzt sehr einfach. Doch für mich war es sicher leichter, da ich durch die Arbeit seither ständig mit dem Thema konfrontiert bin.


Am zweiten Abend ist die Stimmung ganz anders, viel lebendiger. Motiviert sind eigentlich alle Teilnehmer. Ab und zu kommen Menschen, die einsam sind, oder solche in grossen Schwierigkeiten. Das sprengt die Möglichkeit der Rauchstopp-Kurse. Mein Mitgefühl allein hilft da nicht. Schon bald weiss ich, bei wem die Motivation ausreichen wird und bei wem nicht. Das sind etwa jene, die ihrem Partner einen Gefallen tun wollen. Der beste Motivationskick ist ohnehin die Drohung eines Arztes vor gravierenden gesundheitlichen Konsequenzen. Die meisten sind schon willens, und ich muss sie vor allem ermutigen. Ich vergleiche den Weg, den sie gehen wollen, gern mit einer Bergtour, auf der unsere Treffen Hüttenhalte sind, an denen ich die Wanderer mit Proviant versorge.

Wir verlangen von den Teilnehmern nicht, dass sie von Beginn weg abstinent sind. Das empfinden viele als angenehm - auch dass es Zigarettenpausen gibt. Ab und zu lasse ich sie draussen nach meinen Anweisungen rauchen. Das geht so: einen Zug nehmen, den Rauch im Mund behalten, 30 Sekunden lang nur durch die Nase atmen, ausblasen, direkt wieder einen Zug nehmen, im Mund behalten und so weiter. Es bleibt ein furchtbar pelziger Geschmack im Mund. Das hat schon öfter für den letzten Schritt gereicht. Hilfreich ist auch das Zigarettenprotokoll. Auf einem Blatt Papier, das um das Päckchen gewickelt wird, müssen alle notieren, wo, wann und mit wem sie eine Zigarette geraucht haben.

Augenblicke tiefer Verzweiflung

Am fünften Kursabend ist es Zeit für den Rauchstopp. Dann geht es viel um Entzugserscheinungen. Schliesslich propagiere ich das unpopulär gewordene Verzichten, das Aushalten des Leidens, das das Aufhören mit sich bringt. Wenn jemand während 20 Jahren ein Päckchen pro Tag raucht, hat er 1,5 Millionen Züge gemacht. Da ist es doch logisch, fällt es einem schwer, diese Gewohnheit aufzugeben. Wer das beschönigt, ist meines Erachtens unseriös. Augenblicke tiefer Verzweiflung und Depression, Verlustgefühle und Wut kommen einfach.

Über die ganze Zeit des Workshops hinweg entsteht ein intensives Vertrauensverhältnis. Ich überlege mir ständig neue Möglichkeiten, den Leuten den Rauchstopp einfacher zu gestalten. Nein, ich habe kein Helfersyndrom, sondern bin einfach ehrgeizig. Mein Ziel ist es, dass möglichst viele aufhören. Zudem spüre ich einen gewissen Druck. Diese Männer und Frauen haben auf mich gesetzt. Es steht ja auch einiges auf dem Spiel, wenn man denkt, dass ein Raucher nach einem gescheiterten Versuch im Durchschnitt sieben Jahre wartet, bis er einen neuen Anlauf nimmt aufzuhören.

Veröffentlicht am 2007 M11 05