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TherapieEinmal Yoga, bitte, Herr Doktor!

Vom Lifestyle- zum Therapie-Angebot: Yoga-Kurse. Bild: Birgit Lang

Immer öfter wird Yoga als Therapie eingesetzt. Es hilft gegen Asthma, Diabetes, Angstzustände und chronische Schmerzen. Aber Yoga hat auch seine Risiken.

von Rita Torcasso

Yoga ist mehr als ein Lifestyle­angebot. Das weiss Stefan Begré. Der stellvertretende Chefarzt für Psychosomatik am Berner Inselspital setzt Yoga längst auch in der Therapie ein: «Weil man damit eine schonende Stärkung der Muskulatur und eine Entspannung des ganzen Organismus erreichen kann.» Es habe sich gezeigt, dass Yoga «bei vielen ­Patienten Beweglichkeit und Kraft fördert, aber auch eine achtsame Haltung im Umgang mit Krankheit». Davon könne die ganze Gesellschaft profitieren. «Wie bei ­allen Bewegungsmethoden sind jedoch Ausdauer und Regelmässigkeit entscheidend für den Erfolg. Einmal, zweimal Yoga machen und dann meinen, der Schmerz vergehe, ist eine Illusion.»

«Wenn es regelmässig angewandt wird, lindert Yoga Schmerzen, die als Folge von Abnutzungs­erscheinungen im Bewegungsapparat auftreten können», sagt Ludwig Schelosky, leitender Arzt Neurologie am Kantonsspital Münsterlingen TG. Er setzt Yoga und ähnliche Therapien bei Erkrankungen des Bewegungsapparats ein. «Damit lässt sich die physische Belastbarkeit nach Krank­heiten und Unfällen steigern.» Wichtig dabei sei allerdings nicht nur, dass der Therapeut über gute Kenntnisse der Physiologie verfüge, sondern auch über psycholo­gi­sches Einfühlungsvermögen: «Nur damit können Patienten motiviert werden, die Yogaübungen auch selbst anzuwenden. Und das ist schliesslich der Sinn der ­Sache», sagt Schelosky.

Kein Yoga direkt nach einer Operation

Der Neurologe warnt aber ausdrücklich: «Übungen darf man nie in den Schmerz ­hinein machen.» Bei akuten Schmerzen könne Yoga sogar kontraproduktiv wirken. In der Rekonvaleszenz direkt nach Opera­tionen seien Medikamente wirksamer. «Es gibt keine evidenzbasierten Studien, dass Therapien, auch Physiotherapien, in dieser Phase überhaupt einen Nutzen bringen.» Oft hilft Yoga gegen chronische Schmerzen. Das hat eine US-Studie mit Patienten nachgewiesen, die unter Rückenbeschwerden litten. Nach fünf Monaten Training benötigten diejenigen, die dreimal pro ­Woche mindestens eine Viertelstunde ­Viniyoga praktizierten, deutlich weniger Medikamente – und waren zudem beweg­licher als die Patienten der Vergleichs­gruppe, die nur Physiotherapie erhielten. Die Studienautoren warnen aber auch hier: Anstrengendere Yogastile wie Ashtanga Vinyasa seien nicht geeignet für Patienten, die über keine Erfahrung mit Yoga verfügten.

Die Berner Hausärztin Simone Rohrbach-Späth bestätigt das. Sie setzt Yoga als Schmerztherapie ein. ­«Eine gute Yogapraxis berücksichtigt immer die individuellen Möglichkeiten und Einschränkungen, übt im schmerz­freien Bereich und überprüft anschliessend die Wirkung», sagt die Schulmedizinerin, die über ­eine fünfjährige Ausbildung als Yogalehrerin und Yoga­therapeutin verfügt. «Yoga­therapie behandelt nicht Diagnosen, sondern den Menschen als Ganzes.»

Die Ausbildung soll verbessert werden

Yoga kann zudem bei Diabetes, Asthma und Angstzuständen helfen. Aber es kann auch schaden. Vor allem stark forcierte Körperhaltungen und ein hoher Leistungsdruck können gravierende Folgen haben – von Verletzungen und Überdehnungen bis hin zu Hirnschädigungen. Zudem ist bei Herzerkrankungen, Arthrose und erhöhtem Augendruck Vorsicht geboten.

Der US-Wissenschaftsjournalist Wil­liam J. Broad warnt vor allem vor Extrem­angeboten wie Bikram-Yoga, das bei 40 Grad ausgeübt wird. Er fordert, dass ­Yoga als Therapie sich sehr viel stärker an der Wissenschaft ausrichten müsse. Zudem müsse die Ausbildung der Therapeuten professionalisiert werden.

Diese Kritik gilt auch für die Schweiz. Auch hier ist das Angebot völlig unübersichtlich. Derzeit bilden zehn verschiedene private Schulen Yogalehrer aus. Unabhängige Kontrollen gibt es keine. In vielen Kantonen brauchen Anbieter nicht einmal eine Bewilligung, um eine Praxis zu eröffnen. Ein neues Berufsdiplom will nun Patienten mehr Sicherheit geben. Gegen Ende Jahr sollen dafür die ersten Fachprüfungen beginnen. Ziel ist, dass es bis dann den geschützten Titel Yogatherapeut/-in HF oder Komplementärtherapeut/-in HF für Yogatherapie gibt. Damit dürfte sich die Suche nach geeigneten Therapeuten deutlich vereinfachen.

Wann und wie hilft Yoga?

Das körperbetonte Yoga, das unter dem Sammelbegriff Hatha-Yoga ­angeboten wird, wirkt unterstützend als Gesundheitsprävention und in ­bestimmten Formen als Therapie nach Krankheiten.

Welches Yoga eignet sich als Therapie?

Die Yogaformen nach B. K. S. Iyengar oder Vini­yoga sind am stärksten ­therapeutisch orientiert. Man führt die Übungen ­langsam und mehrmals durch, auch mit Hilfsmitteln, um ­Stellungen richtig einzunehmen. Der Ablauf ist aufbauend und ausgleichend und wird an die ­individuellen Möglichkeiten der ­Übenden angepasst.

Bei welchen Beschwerden wird Yoga angewandt?

Bei muskulär bedingten chronischen Schmerzen und als Entspannungs­methode bei Angstzuständen. Medi­zinisch empfohlen wird es auch bei ­Erkrankungen wie multipler Sklerose oder Diabetes.

Wie findet man geeignete Anbieter?

Die Verbände Swissyoga.ch und Yoga.ch führen Listen der Verbandsmitglieder mit Hinweis auf Methode, Ausbildung und Krankenkassen­anerkennung. Das Erfahrungsmedizinische Register (EMR) listet Therapeuten mit EMR-Qualitätslabel oder Branchendiplom Komplementärtherapeut/-in für Yogatherapie auf.

Wie beteiligen sich Krankenkassen an den Kosten?

Einige Kassen beteiligen sich über ­Zusatzversicherungen an den Kosten für Yogakurse – meist im Rahmen der Beiträge an die Gesundheitspräven­tion. Die Grundversicherung übernimmt die vollen Kosten bei Anbietern mit anerkannten Ausbildungen, die ­Yoga als Zusatz anbieten (Physio­therapeutinnen, Bewegungsthera­peuten), nach ärztlicher Verschreibung für ­jeweils neun Anwendungen.

Veröffentlicht am 2014 M04 03